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Mai 2026, auf dem Residenzplatz in Würzburg</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Christus als mutmachender Hoffnungsanker zum Aufstehen</strong></p><p>„Hab Mut, steh auf!“ Dieses Wort der Aufmunterung ist die kürzeste Zusammenfassung dessen, was die Kirche an „Christi Himmelfahrt“ feiert. Der auferstandene Christus wird in den Himmel aufgenommen. Mit ihm haben wir einen „festen Anker im Himmel“, wie es der Hebräerbrief sagt (Hebr 6,19). Der erhöhte Christus ist unser Hoffnungsanker. An ihm können wir uns festhalten, wenn der Boden unter unseren Füßen wankt. An ihm können wir uns hinaufziehen, wenn wir unterzugehen drohen in den Nöten und Ängsten unseres Lebens. Welch ein Zuspruch und welch eine Freude!</p><p><strong>Hab Mut, steh auf und bete</strong></p><p>Hab Mut, steh auf und bete! Denn mit Christus, der zur Rechten des Vaters erhöht ist, haben wir einen Mittler, der bei Gott für uns eintritt. Seit Christi Himmelfahrt verhallt kein Gebet mehr ungehört. Der erhöhte Christus ruft uns zu: Lasst die Hände nicht sinken! Werdet nicht müde wie die Jünger im Garten Gethsemani, die keine Kraft mehr hatten zum Beten. Sondern habt Mut und steht auf, um die Hände zum Himmel zu erheben. Denn durch das Gebet bleibt eure Gottesbeziehung lebendig und ihr werdet mit Christus den Weg ins Leben finden.</p><p><strong>Hab Mut, steh auf gegen alle, die sich in Allmachtsphantasien ergehen</strong></p><p>Hab Mut, steh auf und wage den Widerspruch gegen alle Machthaber dieser Welt, die sich in Allmachtsphantasien ergehen und diese auch noch religiös verbrämen. Mit der Himmelfahrt Christi ist sein Reich aufgerichtet. „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde“, sagt der scheidende Christus (Mt 28,18). Sein Reich hat auf ewig Bestand. Es ist aber nicht von dieser Welt (Joh 18,36). Es gründet auch nicht auf Gewalt, noch auf Unterdrückung oder Einschüchterung. Seine Botschaft vom Gottesreich darf deshalb auch nicht missbraucht werden zur Rechtfertigung irdischer Herrschaftsansprüche. Denn die Erfahrung zeigt: Überall da, wo Menschen für sich in Anspruch nahmen, im Namen Gottes zu herrschen, haben sie Blutbäder angerichtet. Der erhöhte Christus ist der wahre Weltenherrscher. Er ruft dazu auf, einander zu dienen und nicht einander zu unterdrücken. Er preist diejenigen selig, die Frieden stiften, und nicht die Kriegstreiber (Mt 5,9).</p><p><strong>Hab Mut, steh auf für die Würde des Lebens</strong></p><p>Hab Mut, steh auf! Denn Christus ist für dich aufgestanden, um ins „Leben in Fülle“ einzugehen (Joh 10,10), das er uns allen verheißen hat. Das Leben des Menschen bekommt durch die Himmelfahrt Christi ein Ziel und eine Perspektive. Hoffnungsfroh wissen wir, dass wir zur Gemeinschaft mit Gott gerufen sind. Daraus gewinnen wir eine Würde, die uns niemand nehmen kann. Eine Würde, für die wir als Christen aber auch eintreten müssen, die wir verteidigen müssen gegen alle, die keine Hoffnung haben. Weil wir zur Gemeinschaft mit Gott berufen sind und zu einer Erfüllung, die die Welt nicht geben kann, setzen wir uns ein für den Schutz des ungeborenen Lebens. Wir setzen uns auch ein für die Würde der kranken Menschen, der Menschen mit Behinderung und der sterbenden Menschen. Denn wir leben nicht einfach ab, sondern an Christi Himmelfahrt leben wir auf. Wir vertrauen fest darauf, dass unser Schöpfer auch unser Erlöser ist. Er nimmt uns auf in seine Herrlichkeit, in die er uns vorausgegangen ist.&nbsp;</p><p><strong>Hab Mut, steh auf und nutze die Zeit</strong></p><p>Hab Mut, steh auf und verliere keine Zeit! Denn den Männern von Galiläa wird am Himmelfahrtstag gesagt, dass dieser Jesus, der in den Himmel aufgenommen wurde, ebenso wiederkommen wird (Apg 1,11). Bis zu seiner Wiederkunft gilt es, die Zeit zu nutzen, die er uns als Kirche schenkt. „Kauft also die Zeit aus“, ruft uns der Apostel Paulus im Epheserbrief zu (Eph 5,16). Schiebt nicht alles auf die lange Bank. Vertagt nicht das, was heute getan werden kann. Vertröstet einander nicht auf den Nimmerleinstag. Denn der Herr wird „an einem Tag kommen, an dem ihr es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die ihr nicht kennt“ (Mt 24,50). Deshalb sollen wir nicht untätig in den Himmel schauen wie die Männer von Galiläa, sondern jetzt mutig seinem Reich den Weg in diese Welt bahnen.<br />Hab Mut, steh auf und ringe um die Durchdringung der Offenbarung</p><p>Mit der Himmelfahrt Christi ist die Offenbarung des irdischen Jesus abgeschlossen. Nun beginnt die Zeit der Pfingstnovene. In den neun Tagen bis Pfingsten bittet die Kirche darum, das Geheimnis Jesu Christi tiefer zu verstehen. Die Kirche bittet um den Heiligen Geist. Er hilft seiner Kirche, das Christus-Geheimnis immer umfassender auszuloten. Aber dazu muss man Mut haben und aufstehen. Wir müssen mutig aufstehen, um die Fragen zu stellen, die jetzt nach einer Antwort aus dem Glauben harren. Die Frage nach der Stellung der Frau im Blick auf die kirchlichen Ämter. Die Frage nach einem tieferen Verständnis dessen, was Synodalität heißt. Die Frage, wie Missbrauch von Macht verhindert werden kann. Vergessen wir nicht: All diese Probleme kamen nur auf den Tisch, weil Menschen mutig aufgestanden sind und ihre Geschichten im Raum der Kirche erzählt haben. Und weil andere zum Glück den Mut hatten, diese Geschichten auch anzuhören und in Respekt vor diesen Menschen aufzustehen. Ja, der Herr „erleuchte die Augen unseres Herzens, damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir durch ihn berufen sind und welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt“ (Eph 1,18).</p><p><strong>Hab Mut, steh auf, denn der Herr reicht uns das Brot vom Himmel zum Weitergehen</strong></p><p>Hab Mut, steh auf! Denn der Herr ist erhöht über Raum und Zeit. In den Sakramenten bleibt er seiner Kirche allezeit gegenwärtig. „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ (1Kön 19,7). So sagte einst der Engel zum Propheten Elija, der an seiner Sendung zu zerbrechen drohte. Auch jetzt reicht uns der Herr das Himmelsbrot als Speise zum ewigen Leben. Er ruft auch uns immer neu zu, wenn wir müde werden: Habt Mut, steht auf und esst! Dann wird der Weg für euch nicht zu weit sein. Nein, in der Kraft dieser Speise werdet auch ihr euch dem Herrn immer enger verbinden. In der Kraft dieser Speise werdet auch ihr den Mut haben, die Welt zu verändern. In der Kraft dieser Speise geht auch ihr ein in das ewige Leben. Habt also Mut, steht auf und esst! Denn der Herr ist uns in der Eucharistie nahe, heute und alle Tage, bis zum Ende der Welt. Halleluja!<br />&nbsp;</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71819</guid><pubDate>Sun, 12 Apr 2026 15:00:00 +0200</pubDate><title>„Der auferstandene Herr begleite Ihren gemeinsamen Neuanfang“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/der-auferstandene-herr-begleite-ihren-gemeinsamen-neuanfang/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung zur Begrüßung der Karmelitinnen des Konvents Welden im Würzburger Karmelitinnenkloster Himmelspforten am Sonntag, 12. April, in der Klosterkirche Himmelspforten</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Karmelitinnen aus Kloster Himmelspforten und aus Kloster Welden,</p><p>liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, lieber Pater Ulrich,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Der Friedensgruß des Auferstandenen</strong></p><p>„Friede sei mit euch!“ So lautet das erste Wort, das der auferstandene Herr an seine verängstigten Jünger richtet. Wie schön und wie tröstlich! Denn in der Tat, die Jünger waren im Unfrieden. Nach dem Kreuzestod ihres Herrn fragten sie ratlos nach dem Sinn der vergangenen Jahre. Zudem fürchteten sie sich vor den peinlichen Nachfragen und Nachstellungen der Menschen. In ihrer Hilflosigkeit hatten sie gemacht, was man immer macht, wenn man sich unsicher ist. Man verbarrikadiert sich und zieht sich zurück aus der Öffentlichkeit, um bloß niemandem zu begegnen und niemanden Rechenschaft ablegen zu müssen über die eigene Situation. Angst macht das Herz eng. Aber der Friedensgruß Christi macht das Herz wieder weit.</p><p>Der Friede sei mit euch! Das sei heute auch mein Gruß, liebe Schwestern beider Konvente von Himmelspforten und Welden, hier vereint in Kloster Himmelspforten. Bewegte Jahre, Monate und Wochen liegen hinter ihnen. Zeiten der Ratlosigkeit, des Nachdenkens, des Entscheidens und des Abschiednehmens. Und jetzt auch des Neuankommens. Möge der Friede des auferstandenen Herrn in Ihre Herzen einziehen und möge sein Friede Sie auf ihren nächsten Schritten begleiten.</p><p><strong>Jesus kommt bei verschlossenen Türen</strong></p><p>Vergessen wir nicht: Jesus kommt zu den Jüngern durch verschlossene Türen. Seit er durch seine Auferstehung das Tor zur Hölle zertrümmert hat, wie es die Osterikone der Ostkirche so sinnenfällig darstellt, gibt es keine Tür mehr, die ihn aufhalten könnte. Nein, der Herr tritt auch durch unsere verschlossenen Türen ein zu uns.</p><p>Teresa von Jesus beschreibt in der siebten Wohnung ihrer Seelenburg eindrücklich, wie Christus immer neu in die Seele eintritt, so wie am Ostertag. Er kommt gleichsam durch verschlossene Türen, um uns seinen Frieden zuzusprechen und uns mit sich zu vereinen (M 7.2). In der Einheit mit dem auferstandenen Christus zeigt sich dann, dass überall da, wo im Leben Türen zugehen, sich andere Türen öffnen, ja dass der Herr gewissermaßen verschlossene Türen mühelos durchschreitet.</p><p>Das haben Sie erfahren bei Ihrem Abschied aus Welden. Nachdem sich dort die Türen geschlossen hatten, wurden Ihnen hier Türen neu aufgetan. Eine österliche Erfahrung, denn der Herr geht uns immer neu durch verschlossene Türen voraus, um uns Wege ins Leben zu ebnen. Eine wichtige Erfahrung jetzt auch für die kommenden Wochen und Monate. Es gibt keine Tür, die für Christus verschlossen bliebe. Mit ihm gilt es, immer neu das scheinbar Unmögliche zu wagen.</p><p><strong>Versöhnung mit der eigenen Verletzungsgeschichte in den Wunden des Herrn </strong></p><p>„Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“, heißt es im Evangelium. Der Friede, den der Herr zuspricht, gewinnt seine Kraft aus der Betrachtung der Wundmale des Herrn. Denn erst die Wundmale des Herrn machen deutlich, dass er den Tod wirklich durchlitten hat. Auferstehung gibt es eben nicht am Leiden vorbei oder indem man das Leiden ausblendet. Auferstehung ist nur dann tröstlich, wenn deutlich wird, dass die Wunden ihre todbringende Kraft verloren haben. Das hat Thomas sehr genau verstanden. Und nur deshalb besteht Thomas so hartnäckig darauf, diese Wunden des Herrn wirklich ertasten zu dürfen. Er will sich in den Wunden des Herrn bergen können mit all seinen eigenen Verwundungen und all seinem eigenen Schmerz.</p><p>Eine wichtige Osterbotschaft auch für Ihren Neuanfang hier in Würzburg, liebe Schwestern aus Welden. Ein Abschied nach fast hundert Jahren tut weh. Auch wenn die Gründe für den Abschied rational nachvollziehbar sind, bleiben doch viele Fragen und manche Wunden, die schmerzen. War es anders nicht möglich? Wieso ist es soweit gekommen? Hätte man die Weichen früher und anders stellen müssen? Müßige Fragen, wir wissen es. Aber doch mitunter auch quälende Fragen. Zum Gelingen eines Neuanfang ist es sicher hilfreich, wenn man sich mit seinen Wunden und seinen Verletzungsgeschichten in den verklärten Wundmalen des Herrn bergen kann wie Thomas. Und das wünsche ich Ihnen von Herzen.</p><p><strong>Die verklärten Wundmale des Herrn als die eigentlichen Himmelspforten</strong></p><p>Für Teresa von Jesus war klar, dass der Glaube nie abgehoben und weltlos ist. Wahrer Glaube, das war ihre feste Überzeugung, muss immer Maß nehmen an der Menschheit Jesu. Und allen, die Bedenken haben, sich das Leiden des Herrn im Gebet zu vergegenwärtigen, empfiehlt Teresa: „Wenn also unsere Natur oder Kränklichkeit es nicht immer verträgt, an die Passion zu denken, weil das schmerzlich ist, wer verbietet uns denn, bei ihm als Auferstandenen zu sein, wo wir ihn im Sakrament doch so nahe haben. (…) Hier (…) ist er ohne Not, voll Herrlichkeit, unser Gefährte im Allerheiligsten Sakrament, in dessen Macht es anscheinend nicht lag, sich auch nur einen Augenblick von uns zu entfernen, die einen stärkend, die anderen ermutigend, bevor er in den Himmel auffuhr.“ (V 22.6)</p><p>Als Freund und Führer habe er ihr noch in allen Nöten beigestanden, bekennt Teresa voll Dankbarkeit. Im Blick auf die verklärten Wundmale des Herrn gilt daher: „Ich habe deutlich gesehen, dass wir durch diese Tür eintreten müssen, wenn wir wollen, dass uns seine erhabene Majestät große Geheimnisse zeigt“ (V 22.6). In der Tat, die verklärten Wundmale des Herrn sind die eigentlichen Himmelspforten. Es sind die Tore, durch die wir mit Christus ins ewige Leben eingehen. Es sind die Tore, die niemals mehr geschlossen werden und uns immer offenstehen, gerade auch hier im Kloster mit dem wunderbaren Namen „Himmelspforten“. Das gilt es immer neu zu bedenken.</p><p>Nicht sehen und doch voller Glauben das neue Experiment wagen</p><p>„Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das ist die Lehre aus der Begegnung des Auferstandenen mit dem ungläubigen Thomas. Nur weil er so unnachgiebig nachgefragt hatte, können wir aufgrund seiner Erfahrung glauben. Nicht sehen und doch glauben. Das gilt jetzt auch für das neuartige Experiment, das Sie hier beginnen. Zwei Konvente nebeneinander auf einem Klosterareal: das Kloster im Kloster. Dabei war es schon immer das Privileg der Ordenschristinnen und -christen, Pioniere zu sein und Neuland unter den Pflug zu nehmen. Teresa von Jesus, die Madre Fundadora, wusste ein Lied davon zu singen. Immer wieder hat sie Neues begonnen, ohne noch zu wissen, woher die Geldmittel, die Vollmachten oder die Unterstützer kommen könnten. „Beginnen ist alles!“ (F 13.4) war ihre Devise. In der Kunst der Improvisation war sie unschlagbar.</p><p>Dabei war ihr klar, dass die höchste Vollkommenheit nicht in Visionen und Verzückungen besteht, sondern darin, sich dem Willen Gottes gleichförmig zu machen, so dass „wir nichts erkennen, was er will, ohne es auch von ganzem Herzen zu wollen, und das Köstliche genauso freudig anzunehmen wie das Bittere, sofern wir nur erkennen, dass Seine Majestät es will.“ (F 5.10). Denn im Blick auf seinen Willen wird auch das Bittere süß. Das wünsche ich Ihnen jedenfalls von Herzen bei der Bewältigung aller Schwierigkeiten, die sich in der Zeit des Sich-Eingewöhnens und des inneren Ankommens und des Sich-Neu-Findens hier in Würzburg einstellen.</p><p>Im Rückblick auf ihre Gründungserfolge betete Teresa verwundert: „O mein Gott, was habe ich bei diesen Dingen nicht alles an Geschäften erlebt, die unmöglich erschienen, und wie leicht fiel es Seiner Majestät, sie zu richten, und was für eine Beschämung ist es für mich, dass ich im Blick auf das, was ich erlebt habe, nicht besser bin als ich bin! (…) Alles hat der Herr aus so unzulänglichen Ansätzen gefügt, dass nur Seine Majestät es zu der Höhe erheben konnte, auf der es sich jetzt befindet. Es sei für immer gepriesen.“ (F 13.7) Möge Teresa geben, dass Sie sich einmal ihrem Lob auf die göttliche Vorsehung werden anschließen können, wenn das große Werk gelingt, das Sie im Blick auf Ihn nun unternommen haben.</p><p><strong>Der Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit</strong></p><p>Der weiße Sonntag wird begangen auch als Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Was könnte passender sein zum heutigen Anlass? Ich danke den Karmelitinnen von Himmelspforten für ihre Barmherzigkeit, ihre Großherzigkeit und nicht zuletzt ihren Mut, den Mitschwestern aus Welden eine neue Zukunft zu eröffnen auf dem angestammten Klostergelände. In Barmherzigkeit gilt es jetzt, als zwei Konvente miteinander und aneinander zu wachsen. Und vielleicht auch einmal zusammenzuwachsen.</p><p>Ich danke aber auch den Karmelitinnen von Welden, die zusammen mit allen Kontemplativen um die Barmherzigkeit Gottes flehen. Die Barmherzigkeit ist zu erbitten für die Priester und ihren Dienst, die Teresa von Jesus so sehr am Herzen lagen. Aber die Barmherzigkeit Gottes ist auch zu erbitten inmitten einer Welt, die „in Flammen steht“ wie Teresa einst sagte. (CE 1.5) Ja, es brennt allenthalben lichterloh, so ist unser Eindruck. Da tut das Gebet not und es tut gut zu wissen, dass die Schar der Beter in Himmelspforten sich vergrößert hat. Denn die Betenden sind es, die den Himmel offenhalten, welchen die Bosheit der Menschen scheinbar verdunkelt und verschließt. Danke für diesen wichtigen Dienst in unseren Tagen.</p><p><strong>Die beiden Theklas als Schutzpatroninnen der Neugründung in Würzburg</strong></p><p>Ein letzter Gedanke. Liebe Karmelitinnen, Sie sind vom Theklaberg in Welden zu uns in die Zellerau gekommen. Der Theklaberg war der Heiligen Thekla von Ikonium geweiht. Der Überlieferung nach war sie die Schülerin des Apostels Paulus. Die alte Kirche hat sie hoch verehrt als Glaubenszeugin, gottgeweihte Jungfrau und Protomärtyrerin, also die erste Frau, die das Martyrium erlitten hat.</p><p>Hier in Würzburg verehren wir auch eine Heilige Thekla. Es ist die Thekla von Kitzingen. Sie kam mit dem Heiligen Bonifatius nach Franken. Als Benediktinerin diente sie erst unter der Äbtissin Lioba in Tauberbischofsheim bis sie dann als Äbtissin des Frauenklosters Kitzingen eingesetzt wurde. Dort wirkte sie segensreich und half aufgrund ihrer Erfahrung mit, das Kloster im Sinne des Heiligen Benedikt zu reformieren und weitere Gründungen voranzutreiben wie die Gründung des Klosters in Ochsenfurt. Eine ausgewiesene Fachfrau und Patronin also für Klostergründungen aller Art und Umzüge von Konventen. Das Seniorenstift der Caritas in Würzburg trägt ihr zu Ehren den Namen „Theklaheim“.</p><p>Mögen sich also die beiden heiligen Theklas als Schwestern im Geiste in ihrer Fürbitte vereinen. Mögen sie ihre schützenden Hände über Ihren Neuanfang hier breiten und Ihr gemeinsames Wirken an vereinter Stätte segnen. Als Bischof heiße ich Sie heute mit all unseren Gläubigen im Bistum Würzburg sehr herzlich willkommen!</p><p>Der auferstandene Herr begleite Ihren gemeinsamen Neuanfang und stärke Sie in der österlichen Hoffnung auf einen guten Beginn. Amen. Halleluja!</p>

]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Würzburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71622</guid><pubDate>Sun, 05 Apr 2026 11:00:00 +0200</pubDate><title>„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/er-wird-alle-traenen-von-ihren-augen-abwischen/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Ostersonntag, 5. April 2026, im Würzburger Kiliansdom
</description><content:encoded><![CDATA[<p>Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.<br /><br /><strong>OSTERSONNTAG: DIE TRÄNEN DER MARIA VON MAGDALA<br />Maria von Magdala und die Tränen der Trauer</strong></p><p>Eine berührende Szene zeigt uns das Osterevangelium: Alle anderen Jünger sind weg, nur Maria von Magdala bleibt allein am Grab zurück und weint. Sie wird zum Inbegriff für die Einsamkeit der Trauernden aller Zeiten. Die Tränen der Trauer verweisen auf eine dreifache Traurigkeit: die Traurigkeit über den Verlust eines lieben Menschen; die Traurigkeit im Sinne von Selbstmitleid, dass mir das passieren muss; und die Traurigkeit darüber, dass der Tod überhaupt immer wieder in das Leben einbricht und uns die Endlichkeit unseres Lebens so schmerzlich vor Augen führt.</p><p><strong>Immerhin: Maria kann wenigsten weinen – das ist ein Geschenk</strong></p><p>Immerhin: Maria kann wenigstens weinen. Wir wissen aus Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, weinen zu können. Wann habe ich das letzte Mal überhaupt geweint? Papst Franziskus fragte die Priester regelmäßig: Könnt ihr weinen? Weint ihr mit den Menschen? Oder lasst ihr das alles nur an euch abprallen in der professionellen Distanz…? Weinenkönnen zeigt, dass man etwas an sich ganz tief heranlässt. Oft dauert es geraume Zeit, bis die Tränen kommen. Gerade Menschen, die unerwartet von einem Schicksalsschlag getroffen wurden, können anfänglich nichts empfinden, der Schock sitzt noch zu tief, das Herz ist wie versteinert, auch ein Selbstschutz im Moment der Überforderung.</p><p><strong>Die Gabe der Tränen (donum lacrymarum)</strong></p><p>Die geistliche Tradition spricht von der „Gabe der Tränen“. Die Gabe der Tränen zeichnet das empfindsame Herz aus, das fühlt, mitfühlen und sich einfühlen kann, das sich verletzlich macht und seine eigene Verletzlichkeit zeigt. Es gab in der Alten Liturgie sogar ein eigenes Messformular, in dem eigens um die „Gabe der Tränen“ gebetet wurde. Es macht deutlich, dass Weinenkönnen nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk des Heiligen Geistes ist. Der Geist, von dem die Pfingstsequenz sagt: „Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt“, er löst das verhärtete Herz, macht es empfänglich und empfindsam.</p><p><strong>„Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben“</strong></p><p>„Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Wie alle Trauernden will Maria den Verstorbenen zurückhaben. Ihr Herr wurde weggenommen und sie sucht ihn. Auch als Jesus sie fragt, warum sie denn weine, bittet sie ihn, ihr den Leichnam zu geben, um einen Ort für ihre Trauer zu haben. Das ist ein wichtiger Zug in unserer Ostererzählung. Denn die Trauer braucht einen Ort und sie braucht Zeit, um wirklich Abschied nehmen zu können. Neues kann erst da werden, wo man Altes im wahrsten Sinne des Wortes begraben und verabschiedet hat.<br />Diese Trauer kann man nicht beschleunigen, man muss sie leben. Die einen wollen die Trauer überspringen, die anderen versuchen, sie zu verdrängen, wieder andere wollen sich ablenken. Immer ist es der Versuch, sich dieser bedrängenden Wirklichkeit nicht zu stellen und dem tiefen Einschnitt, den der Tod in unserem Leben bedeutet, auszuweichen.</p><p><strong>Alfred Delp und das Durchleben bis zum Brunnenpunkt</strong></p><p>In seiner eigenen Trauer im Gefängnis, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung, schrieb Alfred Delp am 17. November 1944: „Das Eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“<br />Monatelang hatte er gerungen mit seinem Schicksal, mit der drohenden Todesstrafe, hatte er nach Auswegen gesucht, bis ihm aufging: Gott ist auch in diesem meinem persönlichen Trauerprozess gegenwärtig, er ist nicht weg, sondern da. Man muss die Trauer durchleben, bis man zu diesem Brunnenpunkt gelangt, wie Alfred Delp es nennt, der Brunnenpunkt, an dem die Dinge aus Gott kommen. Erst dann kann sich im Menschen etwas lösen, erst dann kann etwas neu werden im Leben.</p><p><strong>Am Brunnenpunkt werden aus Tränen der Trauer Tränen der Freude</strong></p><p>„Brunnenpunkt“ ist dabei ein schöner Begriff, denn er macht deutlich, dass aus der Tiefe wieder die Wasser fließen. Aus den Tränen der Trauer werden am tiefsten Punkt, am „Brunnenpunkt“, Tränen der Freude. Das ist dann das „lebendige Wasser“, das im Inneren des Menschen zur Quelle wird, die in das ewige Leben fließt, wie es Jesus der Samariterin am Jakobsbrunnen verheißen hatte (Johannes 4,14).</p><p><strong>Die Anrede mit dem eigenen Namen als Brunnenpunkt</strong></p><p>Im Osterevangelium ist dieser Brunnenpunkt ganz klar markiert: Es ist der Moment, in dem Jesus „Maria“ sagt und Maria sich umwendet, um noch einmal genau hinzusehen, und dann in dem vermeintlichen Gärtner Jesus erkennt. Da lichtet sich der Schleier der Tränen, der ihren Blick verhüllte. Und sie sieht wieder klar – die Tränen der Freude treten an die Stelle der Tränen der Trauer.<br />Das Leben wird wieder hell, denn mit dem auferstandenen Herrn kann sie sich ins Leben zurücktasten. Sie kreist nicht mehr um sich und ihre Trauer, sondern hat Christus als lebendige Mitte ihres Lebens zurückgewonnen.</p><p><strong>Nicht festhalten, sondern Zeugnis geben</strong></p><p><em>„Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ </em>So sagt der Auferstandene. Maria will den auferstandenen Herrn festhalten – das ist nur zu verständlich. Aber man kann das neue Leben weder machen noch festhalten. Ostern ist eine Gnade und ein Geschenk. Aber was man kann, das wird Maria aufgetragen: Man kann anderen Zeugnis geben von dem eigenen Weg der Trauer, der einen aus dem Land des Todes in das Land des Lebens zurückgeführt hat, weil Jesus uns dorthin vorausgeht.<br />Und genau darum geht es an Ostern. Mit Maria trägt uns der auferstandene Herr auf, unseren Schwestern und Brüdern von unseren Auferstehungserfahrungen zu berichten. Davon zu erzählen, wie er uns die Tränen der Trauer abgewischt hat, so dass die Tränen der Freude fließen konnten und können. Das wünsche ich mir und uns allen an diesem Osterfest. Denn am Ende steht die Verheißung des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung des Johannes, in dem es heißt:</p><p><em>„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“</em><br />In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen gesegnete und trostreiche Ostertage. Denn der Herr, der Maria von Magdalas Tränen gewandelt hat, wird auch unsere Tränen abwischen.&nbsp;<br />Amen. Halleluja!</p>

]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kar- und Ostertage</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71621</guid><pubDate>Fri, 03 Apr 2026 16:00:00 +0200</pubDate><title>„Genau darum geht es am Karfreitag“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/genau-darum-geht-es-am-karfreitag/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Karfreitag, 3. April 2026, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.</p><p><strong>KARFREITAG: DIE TRÄNEN DES PETRUS, DER FRAUEN UND DER MUTTER JESU</strong></p><p><strong>Jesus und die Tränen des Petrus – Tränen der Reue</strong></p><p><em>Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22,60-62) </em></p><p>Petrus weint – alles lief ab wie im Film, Petrus war ganz gefangen in der Situation, er konnte gar nicht anders, als zu leugnen, diesen Mann aus Nazareth zu kennen. Erst als der Hahn kräht und der Blick Jesu ihn trifft, lichtet sich der Nebel, sieht er klar, wird ihm schlagartig bewusst, dass er sich verfehlt hat gegen die Liebe zu seinem Herrn – „und er weinte bitterlich“, heißt es. Es sind Tränen der Reue – alles hatte sich in seinem Innersten verkrampft im Kampfmodus, plötzlich löst sich die ganze innere Anspannung, er fühlt den Schmerz, lässt ihn an sich heran, und die Spannung entlädt sich im Weinen, wir kennen das… Ein Moment der Gnade, wenn das möglich wird. Wenn man einsieht, dass man schuldig geworden ist. Wenn man zu der eigenen Schuld stehen kann und wenn man das an sich wirklich heranlässt und fühlt als Schmerz. Eine Reue nicht aus Angst vor Strafe, sondern eine Reue aus dem Wissen, hinter der Gottesliebe zurückgeblieben zu sein und diese Gottesliebe wieder erlangen zu wollen. Das macht nach kirchlicher Lehre die „vollkommene Reue“ aus. Die Tränen des Petrus werden zum Beweis dieser tief empfundenen Reue, die dem Sünder den Weg ebnet zu echter Umkehr und dem Willen, seinem Leben eine neue Wendung zu geben und den Herrn wieder lieben zu wollen. Die alte Kirche sprach in diesem Zusammenhang gar von der „Tränentaufe“, weil die Tränen zum eigentlichen Taufwasser werden, in dem der alte Mensch reingewaschen wird von der Schuld und der neue Mensch mit Christus aufersteht. Die Tränen der Reue sind die schönste Frucht des Karfreitags und ein Lichtblick in allem Dunkel dieses schwarzen Freitags.</p><p><strong>Jesus und die weinenden Frauen – Rührselige Tränen</strong></p><p><em>Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! (Lukas 23,27-28)</em></p><p>Die achte Station des Kreuzwegs trägt den Titel: „Jesus begegnet den weinenden Frauen“. Die Frauen weinen über den Delinquenten, der seinen letzten Weg antritt zur Hinrichtung und sein Kreuz selber trägt. Ihre Klage hat aber etwas Ritualisiertes, Aufgesetztes – das unterscheidet ihre Tränen von denen des Petrus.</p><p>Man sieht zwar das Leid der Anderen, man nimmt es wahr oder nimmt es gar auf mit dem Smartphone, aber es bleibt eben das Leid der Anderen, das einen im Letzten nicht wirklich berührt. Geht es uns nicht oft genauso angesichts der zahllosen Bilder des Leids, die uns tagtäglich erreichen? Man beklagt das Leid, aber geht gleich wieder zur Tagesordnung über – eine Nachricht unter vielen an einem Tag – was kann man schon machen? Die Reaktion Jesu fällt harsch aus. Er kann das Weinen der Frauen nicht anerkennen, vielmehr sagt er mehr als deutlich, sie sollten lieber über sich selbst weinen und ihre Kinder. Denn wo das Leid des Gerechten nur zum Rührstück wird, aber nicht wirklich zur Umkehr mahnt und daran erinnert, dass diese Welt komplett aus den Fugen geraten ist, da werden die Tränen falsch, eben nur rührselig, ohne wirklich anzurühren, ohne dazu zu führen, dass man auch nur einen Finger rührt, um die Welt zu verändern. Für Jesus sind das nur „Krokodilstränen“, die nichts bewirken. Solche Tränen braucht‘s am Karfreitag wirklich nicht.</p><p><strong>Jesus und die Tränen der Mutter Jesu – Tränen des Mitleids</strong></p><p><em>Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. (Johannes 19,37)</em></p><p>So hieß es eben zum Schluss der Passionsgeschichte. „Auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ – das gilt vor allem für Maria. Man kann sich die Szene bildlich vorstellen: das furchtbare Werk der Henker ist getan, der Leichnam abgenommen, alle anderen sind weg. Maria ist mit ihrem toten Sohn allein. Und erst jetzt bricht der ganze Schmerz auf und mit dem Schmerz fließen die Tränen, wird das ganze Elend überhaupt erst ermessen. Auf Golgotha wird die Gottesmutter zur „Schmerzensreichen Mutter“, zur „Königin der Märtyrer“, zur „Regina Martyrum“. Unter dem Kreuz geht so die Weissagung des greisen Simeon in Erfüllung (Lukas 2,35): „deine Seele wird ein Schwert durchdringen“. Keiner kann so mit Jesus mitfühlen wie seine Mutter. Maria steht dabei für alle Mütter dieser Welt, die über den Tod ihrer Kinder trauern, die das Schlimmste erleben, nämlich das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen. Wir sehen es täglich, aber wir erleben es auch leider allzu oft im eigenen Umfeld. Marias Tränen sind echte Tränen des Mitleids, denn mit dem Kind stirbt immer auch ein Teil des eigenen Lebens. Im Hymnus „Christi Mutter stand mit Schmerzen“ („Stabat Mater“) zum „Fest der Schmerzen Mariens“ heißt es in der vorletzten Strophe so eindrücklich:</p><p><em>„Drücke deines Sohnes Wunden, wie du selber sie empfunden, heilge Mutter in mein Herz.</em></p><p><em>Dass ich weiß was ich verschuldet, was dein Sohn für mich erduldet, gib mir teil an deinem Schmerz.“</em></p><p>Mit Maria geht es darum, kein mitleidiges, sondern ein mitleidendes Herz zu bekommen. Denn nur wer den Schmerz über den Tod des Sohnes Gottes fühlt, ermisst auch den Preis, den Gott gezahlt hat für uns – und kehrt um. Und genau darum geht es am heutigen Karfreitag!</p>



]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kar- und Ostertage</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71614</guid><pubDate>Thu, 02 Apr 2026 20:30:00 +0200</pubDate><title>„Mache seine Tränen für uns zur Quelle des Heils“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/mache-seine-traenen-fuer-uns-zur-quelle-des-heils/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Gründonnerstag, 2. April 2026, im Würzburger Kiliansdom </description><content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNoSpacing">Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.</p><h3>Gründonnerstag und die Tränen Jesu</h3><p><em><strong>Tränen der Enttäuschung</strong></em><br /><strong>Jesus weint darüber, dass Jerusalem seine Stunde nicht erkannt hat</strong></p><p>„Als Jesus näherkam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was Frieden bringt. Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen.“ (Lukas 19,41-42)</p><p>So sagt Jesus nach dem Einzug in Jerusalem. Die Heilige Stadt ist nicht bereit, den Messias, den Heiligen, aufzunehmen, der ihr die ersehnte Rettung bringt, ganz im Gegenteil:</p><p>„Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind.“ (Lukas 13,31), klagt Jesus.</p><p>Die Tränen des Herrn über Jerusalem sind auch Tränen über die Kirche. Jahr für Jahr feiern wir die heiligen drei Tage. Aber sind wir auch innerlich dafür bereitet? Haben wir seine Stunde erkannt und uns auf unsere Stunde der Begegnung mit dem Messias vorbereitet? Hat uns dieser Messias was zu sagen? Erwarten wir noch etwas von ihm? Oder rührt uns das alles nicht weiter an?</p><p>Die Tränen Christi zu Beginn der heiligen drei Tage sind Tränen der Enttäuschung, dass es möglich ist, die ausgestreckte Hand Gottes einfach nicht zu sehen und sie nicht zu ergreifen. Der Hebräerbrief sagt in drastischen Worten, dass jeder, der den Glauben nicht ernst nimmt, den Herrn noch einmal kreuzigt und ihn neuerlich zum Gespött macht! (Hebräer 6,6) Jesu Tränen fordern uns auf, in heiligem Ernst in diese Tage einzutreten und das Geheimnis von Tod und Auferstehung so mitzuvollziehen, dass es unser Leben verändert.</p><p><em><strong>Die Tränen über den Unverstand der Jünger</strong></em><br /><strong>Die Jünger verstehen die Geste der Fußwaschung nicht</strong></p><p>Jesus liebt die Jünger „bis zur Vollendung“, so hieß es im Evangelium eindrücklich. Er will, dass sie vollendet wären als Jünger und damit ihrem Meister gleichkämen. Er will sie vollenden nicht nur durch Belehrung, sondern durch das gelebte Beispiel, weil Worte nur bewegen, aber das Beispiel wirklich zur Nachahmung einlädt, weil er als das „fleischgewordene Wort“ Worte zu Taten werden lässt. Deshalb wird der Meister zum Knecht und der Herr zum Diener. Denn groß ist nicht der, der über andere herrscht, sondern der, der anderen dient – das ist die Botschaft und das Beispiel Jesu. Aber die Jünger verstehen es nicht: Judas plant den Verrat, weil er mit einem solchen Messias nichts anfangen kann. Und Petrus will sich nicht waschen lassen, denn er ahnt, dass er dann auch zum Diener der anderen werden müsste, er, der „Felsenmann“ und Anführer der Jünger. Es ist zum Heulen. Jesus weint über den Unverstand der Jünger.</p><p>Es ist befremdend, wenn einen plötzlich keiner mehr versteht und wenn man wie gegen eine Mauer läuft. Kann das sein? Ist man sich tatsächlich so fremd geworden? Oder war man sich noch nie wirklich nah? Hat man sich so ineinander getäuscht? „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“, fragt Jesus. Die Jünger haben es offensichtlich nicht begriffen. Und wir?</p><p><em><strong>Tränen der Angst und des einsamen Ringens am Ölberg</strong></em><br /><strong>Jesus weint in der einsamen Nacht der Entscheidung</strong></p><p>Die Lebenshingabe im Zeichen der Fußwaschung hatte Jesus unterstrichen durch das Brechen des Brotes und den Segen über den Kelch. Durch beides gab er den Jüngern Anteil an seinem Leben. Was er zeichenhaft vorwegnahm, löst er ein beim Gebet am Ölberg. Die Jünger beten nicht mit, sie schlafen, verschlafen das Wichtigste: den betenden Meister zu sehen, der mit Gott, seinem Vater, ringt um diesen letzten Weg: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“ (Markus 14,36) Tränen der Angst weint Jesus in dieser einsamsten aller Nächte, während die anderen teilnahmslos schlafen und ihn alleine lassen. Nächte, die auch wir wahrscheinlich alle kennen – eine letzte Einsamkeit, die einem niemand abnehmen kann, in der man eine Entscheidung fällen muss, die man nicht delegieren kann, in der man ringt um den eigenen Lebensweg und um die Treue zu sich und zu Gott, in der man einfach Angst hat vor dem, was kommt, und keiner ist da, der helfen könnte. Wenigstens ein Engel habe Christus in dieser Nacht getröstet, weiß zumindest der Evangelist Lukas zu berichten (Lukas 22,43). Die Tränen der einsamen Angst, sie münden für Jesus ein in die Haltung der Ergebenheit in Gott und des totalen Gottvertrauens. Finde ich mich in den Tränen der Angst und der Einsamkeit des Herrn wieder? Kann ich mit ihm fühlen? Weiß ich mich durch sein Gebet in jener Nacht getragen bei meinem eigenen Ringen, in meinen Ängsten und in meiner Einsamkeit?</p><p><em><strong>Sammle meine Tränen in einem Krug</strong></em><br /><strong>Die Tränen Christi als Quelle des Heils, die die Sünden abwäscht</strong></p><p>Tränen der Enttäuschung – Tränen des Unverstands – Tränen der einsamen Angst: Die Tränen Jesu zeigen uns den wahren Menschen Jesus. Er hat ein empfindsames Herz, das sich nicht unempfindlich macht und abhärtet. Er lässt den Schmerz zu, ohne sich zu betäuben. In ihm fühlt Gott selbst die Enttäuschung, den Unverstand und die Angst dieser Welt am eigenen Leib. So werden uns die Tränen Christi kostbar. „Sammle meine Tränen in einem Krug, zeichne sie auf in deinem Buch. Dann weichen die Feinde zurück an dem Tag, da ich rufe: Ich habe erkannt. Mir steht Gott zur Seite. Ich vertraue auf Gott, ich fürchte mich nicht.“ (Psalm 56,9-10) So betet der Psalmist in Psalm 56 – ein Wort, das die Väter der Kirche auf Christus selbst gedeutet haben. Er bittet Gott, seinen Vater, darum, dass seine Tränen nicht umsonst vergossen seien, er bittet darum, dass Gott seine Tränen aufbewahre, seines Leidens gedenke und all der Schmerzen, die er um unseretwillen erlitten hat. Denn diese Tränen haben die Kraft, die Sünde der Welt abzuwaschen und auch uns im Innersten rein zu machen. Ja, Herr, sammle die Tränen Christi in einem Krug, und mache seine Tränen für uns zur Quelle des Heils. Amen.</p>

]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kar- und Ostertage</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71516</guid><pubDate>Mon, 30 Mar 2026 18:30:00 +0200</pubDate><title>„Der Herr gibt reichlich“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/der-herr-gibt-reichlich/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Chrisammesse am Montag, 30. März 2026, im Würzburger Kiliansdom </description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Amt,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><em><strong>Die Zerstörung der Heiligen Ampulle mit dem göttlichen Salböl 1793</strong></em></p><p>Man schrieb den 7. Oktober 1793. Es war auf dem Platz vor der Kathedrale von Reims, dem traditionellen Krönungsort der französischen Könige. Da zerbrach der Bürger Philippe Rühl als Vertreter des Elsass im französischen Nationalkonvent in einer öffentlichen Zeremonie die berühmte „Heilige Ampulle“.</p><p>Was aber war die „Heilige Ampulle“? Seit der Taufe und Krönung Chlodwigs zum ersten König der Franken wurde in der „Heiligen Ampulle“, der „sainte ampoule“, das Heilige Salböl aufbewahrt, das angeblich niemals versiegte und den Fortbestand des französischen Königtums auf ewig garantierte.</p><p><strong><em>Das symbolische Ende der verhassten Königsherrschaft</em></strong></p><p>Mit der Zerstörung der „Heiligen Ampulle“, des heiligen Ölgefäßes, sollte dem Königtum von Gottes Gnaden die Legitimationsgrundlage entzogen werden. Frenetischer Jubel begleitete diese Zeremonie, die das symbolische Ende der verhassten Königsherrschaft einläutete. Die Ampulle war zerbrochen. Das Öl verschüttet. Das Ende der Königssalbung war damit besiegelt.</p><p><em><strong>Die Fehlentwicklung der Königsherrschaft zum Absolutismus</strong></em></p><p>Fragt man sich, wie es so weit kommen konnte, so ist die Antwort nicht schwer: Es war die Fehlentwicklung des Königtums von Gottes Gnaden zur absolutistischen Herrschaft. Sakrales Amt wurde sakralisiertes Amt. Man fühlte sich unantastbar und unhinterfragbar. Die Herrschenden sahen sich niemanden mehr zur Rechenschaft verpflichtet und schalteten und walteten wie sie wollten. Durch den Missbrauch absoluter Macht hatte das Königtum den einstigen Nimbus eingebüßt, die Macht missbraucht und den Anspruch auf Herrschaft verwirkt.</p><p>Das Resultat sprach für sich: Das Land war durch endlose Kriege ausgeblutet, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Hungersnöte und grassierendes Elend waren die Folge. Vom mythischen „Königsheil“ keine Spur mehr.</p><p>Wenn schließlich ein einfacher Bürger die „Heilige Ampulle“ zerbrach, vollzog er mit dieser scheinbar sakrilegischen Handlung folgerichtig nur, was längst Wirklichkeit geworden war: Das Königtum hatte seine Würde verspielt, seinen Glanz verloren, das heilige Öl entehrt.</p><p><em><strong>Hierarchie meint nicht Absolutismus, sondern Rückbindung an Gott</strong></em></p><p>Aber wahre Hierarchie ist niemals Absolutismus. Wahre Hierarchie ist niemals losgelöst und menschlicher Willkür überlassen. Das Gegenteil ist der Fall: „Hier-Archie“ heißt „Heilige Herrschaft“, und diese liegt beim dreifaltigen Gott. Er sendet seinen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes in diese Welt: Nur so wird Jesus zum „Christus“, zum Messias, zum Gesalbten durch die Gnade Gottes, und er bleibt es ein Leben lang.</p><p>Der Evangelist Lukas zeigt uns immer neu den betenden Jesus, der vor jeder wichtigen Entscheidung seines Lebens betet und der damit immer neu in allem, was er tut, die Rückbindung zu Gott sucht. Er handelt nicht absolut, sondern lebt aus seiner Beziehung zum himmlischen Vater.</p><p>Deshalb sagt Jesus im Johannesevangelium so eindrücklich: „Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut, und noch größere Werke wird er ihm zeigen, sodass ihr staunen werdet“ (Joh 5,19-20).</p><p><em><strong>Weiheversprechen, sich täglich Christus enger zu verbinden</strong></em></p><p>Diese Rückbindung Christi an den Vater zeigt sich auch in unseren Weiheversprechen, die zu erneuern wir heute zusammengekommen sind.</p><p>Wir versprechen, uns täglich Christus, dem Herrn, enger zu verbinden, um so die eigene Sendung besser zu verstehen. Denn wir müssen bei all unserem Tun auf ihn schauen und uns an ihm orientieren.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, das Gebet für die Kirche darzubringen</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich auch im Weiheversprechen, zu Männern des Gebets zu werden. Das Gebet zu Gott und das fürbittende Gebet für die Kirche und die Welt ist eine dreifache Rückbindung des Dienstes, der eben nie absolut gedacht ist, sondern immer nur in Verbindung mit Gott und mit einer konkreten Ortskirche und ihren Menschen, zu denen wir uns im Namen Gottes gesandt wissen.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, den Armen und Notleidenden beizustehen</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich auch im Weiheversprechen, den Armen, Kranken, Heimatlosen und Notleidenden beizustehen. Denn unser Dienst muss Maß nehmen an Christus, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, den Gehorsam zu erneuern</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich auch im Gehorsamsversprechen, das dem Bischof geleistet wird. Es soll dazu helfen, in der eigenen Sendung immer tiefer und reifer Christus nachzufolgen und nicht selbstherrlich zu handeln. Im Gehorsam geht es darum, frei zu werden und sich dorthin senden zu lassen, wo die Kirche unseren Dienst am dringendsten braucht und wo er gute Früchte erhoffen lässt.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, die Mysterien in gläubiger Ehrfurcht zu feiern</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich im Versprechen, die Sakramente nicht absolut, also kraft eigener Vollmacht, zu feiern, nicht uns in den Vordergrund zu drängen, sondern immer nur „In Persona Christi“, um den Herrn selbst zu Wort kommen zu lassen und ihn wirksam werden zu lassen.</p><p>Wir feiern sie immer nur in der Kraft seines Heiligen Geistes, der unser menschliches Wirken salben muss, damit es uns mit Gott verbindet und zum wahrhaftigen Gottesdienst wird, der die Kraft zur Verwandlung in sich trägt.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich im Versprechen, das Wort Gottes zum Maßstab unseres Dienens zu machen. In der „Lectio Divina“, der geistlichen Schriftlesung, eröffne ich dem Herrn den Raum, um zu mir zu sprechen, damit sein Wort mir zu Herzen gehen kann und mich von innen her verwandelt.</p><p><em><strong>Der Heilige Geist muss immer neu erbeten werden</strong></em></p><p>Die Kirche hat keine „Heilige Ampulle“, die Menschen aufbewahren könnten und die ein sicherer und fester Besitz wäre – mit Bedacht! Nein, das heilige Öl bleibt ein unverfügbarer Schatz. Es muss uns immer neu geschenkt werden in der Ölweihe, in der wir um den Segen Gottes bitten für das Öl, das wir ihm heute darbringen.</p><p>Sicher, das heilige Öl geht dem Herrn nie aus. Aber wehe dem, der meint, es wäre sein fester Besitz und er müsste sich nicht immer neu dieses Öls als würdig erweisen.</p><p>Gott selbst hat in der Salbung für unseren Dienst sein gutes Werk in uns begonnen. Er vollende dieses gute Werk auch in uns, auf dass wir zum Wohlgeruch Christi werden kraft dieses wohlriechenden Öls. Ja, der Herr selbst gebe uns immer neu dieses Öl der Freude und begleite unser Wirken mit seinem reichen Segen. Das wünsche ich mir und Ihnen allen für unseren Dienst als Gesalbte und Geweihte.</p><p><em><strong>Der Dank für den Dienst</strong></em></p><p>Als Bischof danke ich Ihnen im eigenen Namen, aber auch im Namen unseres Weihbischofs und unseres Generalvikars von Herzen für Ihr Zeugnis und Ihren Dienst in unserem Bistum. Schön, dass wir heute so zahlreich zusammengekommen sind, um uns auf unseren heiligen Ursprung zu besinnen und den Segen für das heilige Öl herabzurufen. Diese Gemeinschaft stärkt uns und trägt uns, auch und gerade in diesen Tagen, in denen wir bisweilen den Eindruck haben, uns sei das Öl ausgegangen. Nein, der Herr gibt reichlich. An uns ist es, all unser Denken, Reden und Tun von ihm salben und heiligen zu lassen. Danke für alles Mittun, Mitringen und Mitdienen.</p><p>Erneuern wir nun unsere Gelübde „offen vor dem ganzen Volk“ (Ps 116,18).</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71153</guid><pubDate>Fri, 13 Mar 2026 15:30:00 +0100</pubDate><title>„Danke, lieber Mitbruder Michael!“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/danke-lieber-mitbruder-michael/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Requiem für Pfarrer Michael Erhart am Freitag, 13. März, in Zeil am Main</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Familie Erhart,</p><p>liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Amt,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p><strong>Hingebungsvoller Dienst</strong></p><p>„Ich ermahne euch also, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.“ (Röm 12,1) So schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Vergessen wir nicht: Die Stadt Rom zählte zu den Lieblingsorten Pfarrer Michael Erharts. Über 70 Mal hat er sie besucht, weil sie für ihn wie ein innerer Kraftort war. Und was Paulus der römischen Gemeinde mitgibt, sich selbst als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen, das war ihm Auftrag. Er sah seine priesterliche Sendung darin, ganz bei den Menschen zu sein. Lasten und Bürden wollte er selbst tragen, anstatt sie anderen aufzuladen. Dabei ging er oft an die Grenzen dessen, was er tragen konnte. So manches Mal aber auch darüber hinaus. Die Ermahnung des Apostels Paulus jedoch, das Leben zum heiligen Gottesdienst für andere zu machen, war für ihn das Leitwort seines priesterlichen Wirkens.</p><p><strong>Wertschätzung und Förderung der Charismen</strong></p><p>Paulus fährt fort: „Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig.“ (Röm 12,6)</p><p>Der Völkerapostel ermuntert dazu, die Fülle der Geistesgaben innerhalb der Gemeinde wahrzunehmen und zu fördern. Darin werden Sie Ihren Pfarrer sicher wiedererkennen. Es war Michael Erhart ein großes Anliegen, die Begabungen innerhalb der Gemeinde zu fördern. Er ermutigte die Menschen in seiner Pfarreiengemeinschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Gerne griff er ihre Ideen auf und förderte die Kreativität, indem er ihnen erlaubte, sich auszuprobieren und dadurch über sich hinauszuwachsen. So gelang es ihm, aus Begabungen wirkliche Charismen zu formen, die die Gemeinde und ihr Leben bereichern.</p><p><strong>Zusammenhalt im Team</strong></p><p>Und wenn der Apostel Paulus seiner Gemeinde zuruft: „Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ (Röm 12,10), dann werden die Mitglieder des Pastoralteams auch darin ihren Pfarrer Erhart wiedererkennen. Es war ihm wichtig, im Team alle gleichermaßen wahrzunehmen und wertzuschätzen, die Sekretariatskräfte genauso wie die pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als „mein starkes Team“ hat er seine Mitarbeitenden bezeichnet. Ein schönes Lob, auch aus der Erfahrung heraus, dass dieses Team ihn seinerseits geschätzt hat. Und dass dieses Team ihn auch immer wieder aufgefangen hat, wenn er der Hilfe bedurfte.</p><p>Dafür möchte ich Ihnen heute meinen persönlichen Dank aussprechen, weil ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Schön, dass Sie, dass Ihr auf diese Weise bewiesen habt, dass die Beziehung belastbar und damit gut war. Denn das zeigt sich bekanntermaßen erst in der Krise. Und noch einen sehr bemerkenswerten Zug Eures Pfarrers habt Ihr herausgestellt: Er war nie neidisch. Er hat sich immer mitfreuen können, wenn jemand anderem etwas gelungen ist, ohne sich zurückgesetzt zu fühlen. Erfolge wurden miteinander gefeiert in der Wertschätzung des Reichtums der Gaben im Team. Einander zugetan sein in geschwisterlicher Liebe und sich in gegenseitiger Achtung zu übertreffen – Ihr habt es gelebt und erlebt. Das ist etwas sehr Kostbares.</p><p><strong>Teilen von Freud und Leid</strong></p><p>Seinen pastoralen Grundsatz fasst der Apostel Paulus in der Maxime zusammen: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“ (Röm 12,15)</p><p>Auch darin werden Sie Ihren Pfarrer Erhart wiedererkennen.</p><p><strong>Freut euch mit den Fröhlichen…</strong></p><p>Er konnte sich so richtig mit den Fröhlichen freuen. Ausdruck dessen waren die vielen Hochzeiten, oft bis zu 30 oder noch mehr im Jahr, die er mit Hingabe vor allem im Zeiler Käppele feierte. Seiner Mitfreude verlieh er dadurch Ausdruck, dass er in seinen Predigten versuchte, die Geschichte des Paares kreativ aufzugreifen. Er half den Liebenden mit einer bildhaften Sprache und mit einem Symbol, sich selbst und ihren Weg vor Gott besser zu verstehen und ihr Miteinander als Sakrament der Liebe Gottes zu begreifen. Nicht selten setzte er für die Hochzeiten sogar seine Urlaubspläne hintan, so wichtig war ihm dieser Dienst.</p><p>Sich freuen mit den Fröhlichen konnte er auch beim Theaterspielen mit seiner Laienspielgruppe in Sand. Michael Erhart war dabei beides: Regisseur und Schauspieler. Er verstand es, seine Schauspieltruppe für ein Stück zu begeistern und die Rollen so zuzuweisen, dass ein Ganzes daraus wurde. Ein weiterer Beweis seiner vielfältigen Begabungen.</p><p>Sich freuen mit den Fröhlichen konnte er aber auch beim Fasching. Er war eigentlich ein bekennender Faschingsmuffel. Aber er ließ es sich dennoch nicht nehmen, selbst in die Bütt zu steigen. Die Whistleblower im Team wussten gar zu berichten, dass er dafür beim großen Peter Kuhn in Schweinfurt einen Workshop besucht hatte. Wenn schon, denn schon. Dafür war er zu sehr Perfektionist. Aber der Erfolg sprach für sich. Den Tribut an den Fasching entrichtete er nicht zuletzt in seinen gereimten Faschingspredigten, die man noch heute im Netz gerne anschaut wegen ihres Gehalts und damit ihres Unterhaltungswertes.</p><p><strong>… und weint mit den Weinenden!</strong></p><p>Aber er konnte auch weinen mit den Weinenden. Davon zeugt sein Einsatz für die Notfallseelsorge. Er war sowohl im Dekanat Hammelburg wie bis zuletzt im Dekanat Haßberge Dekanatsbeauftragter für die Notfallseelsorge. Dieser Dienst war ihm persönlich sehr wichtig. Ja, es war ihm eine innere Grundhaltung, sich um Menschen in Notlagen zu kümmern und ihnen beizustehen. Die Einsätze ließ er sich oft zu Herzen gehen, wie Ihr berichtet habt. Auch wenn er nicht immer über das sprechen konnte, was er an Schwerem und Belastendem erlebt hatte, so ging er doch abends noch einmal in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Was wir Menschen nicht tragen können, das dürfen wir dem Herrn anvertrauen und in seine Hände zurücklegen. So hat er es gesehen und so hat er es gelebt.</p><p><strong>Demütige Dienstbereitschaft</strong></p><p>„Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig!“ (Röm 12,16) So haben Sie Ihren Pfarrer erlebt. Er war am Gelingen des Ganzen interessiert. Dafür konnte er auch zurückstehen. Bei Festen half er selbstverständlich mit, die Bänke aufzuschlagen. Beim Pfarrfest war sein Platz an der Spülmaschine. Er war sich für nichts zu schade. Er musste nicht dauernd im Vordergrund stehen, sondern konnte auch die einfachen Tätigkeiten im Hintergrund verrichten, die es nun mal braucht, wenn Großes gelingen soll.</p><p><strong>Vertrautheit mit der Wirklichkeit des Todes</strong></p><p>Vom Tod hat Michael Erhart oft gesprochen. Er war mit der Wirklichkeit des Todes vertraut, wohl auch durch seine Einsätze in der Notfallseelsorge und nicht zuletzt durch die Erfahrung eigener Schwäche. Aber er war von seinem ganzen Wesen her ein österlicher Mensch. Das zeigte sich bei den Gottesdiensten im Zeiler Käppele, wenn er es genoss, am Abend durch die offene Tür ins lichte, weite Tal hinausschauen zu können. Das zeigte sich aber auch in seinem Wunsch, bei seinem Requiem möge die liturgische Farbe Weiß getragen werden als Zeichen der Auferstehungshoffnung, die er anderen so oft vermittelt hat.</p><p>Nun hat der Tod ihn ereilt. Viel zu früh und viel zu schnell, so dass wir es alle noch immer nicht so richtig begreifen können. Als Primizwort hatte er sich einen Vers aus Psalm 18 gewählt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“.</p><p>Möge sein Namenspatron und der Patron dieser Kirche, der heilige Erzengel Michael, ihm helfen, die letzte Mauer, die Mauer des Todes zu überspringen hinein in die lichtvolle Gegenwart der Liebe Gottes, in die einzugehen wir alle gerufen sind seit Christi Tod und Auferstehung.</p><p>„Who wants to live forever“ – „Wer will ewig leben“, das war sein Lieblingslied der Band Queen. Er wünschte sich, dass dieses Lied einmal gespielt würde bei seiner Beisetzung. Diesen Wunsch wollen wir ihm heute erfüllen. Singt doch das Lied davon, dass ewiges Leben nicht unendlich langes Leben ist. Ewiges Leben ist vielmehr der erfüllte Augenblick. Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität. Das tröstet auch uns im Hinblick auf seinen viel zu frühen Tod. Wenn wir nun dieses Lied hören, wollen wir seiner gedenken und im Gedenken ihm danken für all das, was er für die Menschen im Bistum Würzburg getan hat. Danke, lieber Mitbruder Michael!</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71108</guid><pubDate>Thu, 12 Mar 2026 13:30:00 +0100</pubDate><title>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/die-kraft-des-guten-werks-ist-die-beharrlichkeit/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am 12. März 2026 anlässlich des 450. Jubiläums der Grundsteinlegung des Juliusspitals in der Kirche Sankt Kilian des Würzburger Juliusspitals</description><content:encoded><![CDATA[<p>Sehr geehrte Herren des Oberpflegamtes,</p><p>sehr geehrter Herr Innenminister,</p><p>sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Juliusspitals,</p><p>oder einfach liebe „Spitäler“,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Der Wahlspruch Julius Echters</strong></p><p>„Virtus boni operis perseverantia est“ – „Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. So lautete der Überlieferung nach der bischöfliche Wahlspruch Julius Echters. Eine kraftvolle Devise, die Julius Echter bei all seinen Unternehmungen leitete – immerhin wirkte er 44 Jahre als Fürstbischof! Vieles, was er in die Hand nahm, hat bis heute Bestand: die Neugründung der Universität, die Verstärkung der Festung mit der Echter-Bastion und das Juliusspital, dessen Grundsteinlegung auf den Tag genau vor 450 Jahren wir heute feiern. Eine beeindruckende Bilanz, die nur wenige aufweisen können.</p><p>Hatte Echter sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, dann verfolgte er sein selbstgestecktes Ziel mit der ihm eigenen Beharrlichkeit als einer Tugend, die den Katholiken in der Zeit der Gegenreformation besonders abverlangt wurde. Beeindruckend noch heute, wie Petrus Canisius als angehender Jesuit in großen Lettern in sein Schulheft schrieb: „PERSEVERA“ – „Halt durch!“</p><p>Ausdauer brauchte es und einen langen Atem, um nach den Wirren der Reformation als katholische Kirche wieder Tritt zu fassen und sich neu aufzustellen.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der Verfolgung einer Vision</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Beharrlich verfolgte Julius Echter eine Verbesserung der städtischen Armenfürsorge. Sie litt seiner Ansicht nach unter drei Fehlentwicklungen, die zu korrigieren waren.</p><p>Erstens war die Gruppe der Begünstigten zu weiten. Gegen das Ansässigkeitsprinzip, wonach nur verdiente Bürger in den Genuss der Armenfürsorge kommen konnten, drängte der Oberhirte darauf, dass auch Fremde und Durchreisende versorgt werden müssten.</p><p>Zweitens bemängelte er, dass die bürgerlichen Armenspitäler sich im Laufe der Zeit zu Pfründneranstalten gewandelt hatten. Das bedeutete, dass man sich in die Spitäler einkaufen musste. Insofern wurden gerade nicht mehr die Armen versorgt, sondern die, die finanziell in der Lage waren, sich einen Platz zu sichern. Diesem Klientelwesen musste ein Riegel vorgeschoben werden.</p><p>Drittens fehlte es erwiesenermaßen in den städtischen Einrichtungen an einer qualifizierten medizinischen Versorgung, da man keine Notwendigkeit gesehen hatte, „ainen besundern medicum“ zu beschäftigen. Auch hier schwebte dem Fürstbischof als „obristen pfleger und versorger der armen“ vor, die medizinische Versorgung in die Hände von Fachleuten zu legen.</p><p>Und überhaupt: am besten wäre es, alle städtischen Einrichtungen unter bischöflicher Leitung mit der Errichtung eines Oberpflegamtes zusammenzuführen. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die ebenso visionären wie weitreichenden Pläne des Landes- und Stadtherrn nicht gerade auf offene Ohren stießen. Auch wenn Julius Echter in einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Rat der Stadt nicht alle seine Vorstellungen einer Armenfürsorge durchsetzen konnte, so schuf er doch mit dem Juliusspital eine Mustereinrichtung, die seinen Ansprüchen genügte und mit der er für Jahrhunderte Maßstäbe setzte. Sein außergewöhnlich großes Spital war eine Multifunktionsanstalt – oder im heutigen Pflegesprech eine „Komplexeinrichtung“ –, die Altenpflegeheim, Krankenhaus, Waisenhaus und Pilgerherberge unter einem Dach miteinander vereinte.</p><p>Die Diskussion der damaligen Zeit über die Frage, was gute Pflege ausmacht und wer sie sich leisten kann, hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Wer hier im Blick auf die momentane Entwicklung der Krankenhauslandschaft und in der Altenpflege nicht untergehen möchte, weiß, dass es auch heute der Echterschen Beharrlichkeit bedarf, um die nötigen Änderungen der Rahmenbedingungen anzumahnen und auf Dauer auch durchzusetzen.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der Durchsetzungskraft gegen Widerstände</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Der Beharrlichkeit bedurfte es auch in der Auseinandersetzung mit dem Domkapitel. Der größte Widerstand kommt bekanntlich immer von innen und nie von außen. So auch in diesem Fall. Den hohen Herren des Domkapitels grauste es beim Gedanken an die hochfliegenden Pläne des Bischofs. Sie boten argumentativ alles auf, um das Unternehmen zu stoppen.</p><p>Als erstes schauten sie natürlich auf die Finanzen. Wer um Himmels willen sollte das bezahlen? Wer für die enormen Baukosten aufkommen? Sie ahnten schon Ungemach auf sich zukommen. Zweitens müsse der Fürstbischof doch bedenken, dass im Kriegs- oder Verteidigungsfalle der Feind sich des mächtigen Spitals bedienen könne als Bastion gegen die Stadt, war doch die Anlage des Spitals außerhalb der Stadtmauern geplant. Und drittens sei die halbe Stadt nicht groß genug, um alle „gemeinden Bettler“ aufzunehmen. Warum sich an einem solchen Projekt überheben?</p><p>Wer den guten Julius Echter kennt, weiß, dass alle Gegenargumente nicht verfingen. Das Spital kam. Und blechen musste das Domkapitel auch, da half alles nichts. Beharrlich trieb der Bischof seine Pläne voran. Immerhin war das Juliusspital zu seiner Zeit nicht nur eine Einrichtung der Wohlfahrtspflege, sondern vor dem Bau der Neumannschen Residenz zugleich der städtische Repräsentationsbau des Fürstbischofs. Davon zeugen bis heute der Fürstenbau und die Kilianskirche als Herzstück des Gebäudeensembles. Echter lehrt uns: Eine große Idee allein reicht eben nicht. Zur Vision muss die Tatkraft hinzutreten.</p><p>Beharrlichkeit braucht es auch hier, denn gute Gründe gegen die Armenfürsorge gab es zu allen Zeiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Echter aber war ein Mann der Tat.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der materiellen Absicherung für die Zukunft</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Das gilt auch für die Errichtung und Ausstattung der zugehörigen Stiftung. Julius Echter stiftete einen großen Teil seines Privatvermögens für den Unterhalt des Spitals und machte dadurch deutlich, wie ernst es ihm war mit diesem Projekt und wie viel er sich das persönlich kosten ließ. Aber wie so oft zog er auch die Vermögensmasse aufgelassener Klöster zur Finanzierung heran.</p><p>Zu nennen sind hier die Güter des ehemaligen Zisterzienserinnenstiftes Heiligenthal und diejenigen des Augustinerchorherrenstiftes in Birklingen. Es verging kein Jahr ohne bischöfliche Zustiftungen. Bis heute erfüllen diese Dotationen ihren Zweck. Wie er auf das Vermögen ehemaliger Klöster zurückgriff, so griff er auch auf den Judenfriedhof als Bauplatz zurück, nachdem die jüdische Gemeinde im Jahre 1560 der Stadt verwiesen worden war. Denn der Bauplatz musste aufgrund der schieren Größe des Spitals außerhalb der Stadtmauern liegen. Gegen die Wahl des jüdischen Friedhofs halfen alle Proteste nichts, auch nicht der Hinweis auf die Totenruhe, die nicht gestört werden dürfe, zumal der Friedhof auf ewige Zeiten von der jüdischen Gemeinde erworben worden war.</p><p>Dankenswerterweise erinnert seit 2013 die Stiftung Juliusspital mit einem Historischen Gedenkpunkt im Innenhof an diesen jüdischen Friedhof. In der Wahl seiner Mittel war der energische Fürstbischof nicht eben zimperlich, was ihn so manche Sympathie gekostet hat.</p><p>Und dennoch: Beharrlichkeit hieß für Julius Echter immer auch, dafür zu sorgen, dass die gute Idee nachhaltig abgesichert wird. Denn nur durch eine auskömmliche finanzielle Ausstattung konnte Echters Vision von der Armen- und Krankenfürsorge im Juliusspital so aufgestellt werden, dass sie noch in unseren Tagen dem Gründungszweck ihres Stifters nachkommen kann. Dem Oberpflegamt ist es zu danken, dass das Stiftungskapital durch die Jahrhunderte hindurch erhalten wurde, auch und gerade in diesen bedrängenden und so wechselhaften Zeiten.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der persönlichen Zukunftssicherung</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Das gilt schließlich auch für das Seelenheil des großzügigen Stifters. Der ließ es sich nicht nehmen, in den ersten Jahren in seinem Spital am Gründonnerstag zwölf Armen die Füße zu waschen und nicht zwölf Domkapitularen, wie es sonst Brauch gewesen war. Dafür erwartete er, dass die Armen für ihn beteten, um für sein Seelenheil zu sorgen. Beharrlichkeit war gefragt. Denn auch in Sachen Gebet überließ der Stifter nichts dem Zufall. Vielmehr lebten die Bewohner des „großen spitals“ nach der Art eines abgeschiedenen klösterlichen Konvents. Drei Rosenkränze hatten sie täglich zu beten. Einen für das Heil der Christenheit, einen für den Stifter und einen für sich selbst. Um dem Gebetspensum nachzukommen, war eigens der Stiftsgeistliche angestellt worden. Nur auf diese Weise konnte die Dankesschuld abgetragen werden. Zugleich hatte der Stifter die Sicherheit, dass immer jemand für ihn bei Gott ein gutes Wort einlegte. Also eine echte Win-win-Situation. Schön, dass man bis heute diesem Stifteranliegen nachkommt und die Dankbarkeit gegenüber Gott und gegenüber denjenigen pflegt, die sich für das leibliche und seelische Wohlergehen einsetzen.</p><p><strong>Beharrlichkeit und der Auftrag: „Wer hernach kommt, thue auch das Best“</strong></p><p>Ich komme zum Schluss. „Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Im Tugendstammbaum zeigt sich die Beharrlichkeit als Tochter der Tapferkeit. Beharrlich dranbleiben heißt, tapfer durchhalten. Wenn Aristoteles bemerkt, dass jede echte Tugend zwischen zwei Extremen liegt, dann sind das im Blick auf die Beharrlichkeit die Weichlichkeit oder Nachgiebigkeit auf der einen Seite und die Hartnäckigkeit oder Verbohrtheit auf der anderen Seite.</p><p>Die Mitte zu halten zwischen diesen beiden Straßengräben, wünsche ich jedenfalls dem Oberpflegamt. Weder verbohrt noch nachgiebig, sondern eben beharrlich im Sinne der Tapferkeit gilt es Kurs zu halten. So wird es gelingen, jeweils flexibel auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren, ohne sich in eine fixe Idee zu verrennen oder vorzeitig klein beizugeben. Der Wahlspruch Echters sei Ihnen auch Leitwort für die kommenden Jahre. Ihnen allen eine glückliche Hand, die Liebe zu Armen, die den Stifter beseelte, und die Kraft der Entschiedenheit, die ihn auszeichnete.</p><p>Mein Dank gilt heute aber nicht nur der Leitung, sondern allen „Spitälern“, die in den vielfältigen Sparten des Juliusspitals ihren Dienst tun mit Stolz und Freude, angefangen vom Krankenhaus über die Altenhilfeeinrichtung, die Palliativakademie, das Hospiz sowie die Pflegeschule bis hin zum Forst-, Landwirtschafts- und Weinbaubetrieb. Die Juliusspitalstuben natürlich nicht zu vergessen!</p><p>Danken möchte ich heute aber auch unserem Innenminister, unter dessen Schutz und Fürsorge das Juliusspital steht. Bleiben Sie uns gewogen, Herr Innenminister. Wir werden es Ihnen unsererseits danken mit dem Einsatz und dem Streben nach Exzellenz, das Julius Echter bei all seinen Unternehmungen beflügelte.</p><p>Wie heißt es so schön auf der Inschrift des Spitals in den berühmten Knittelversen jener Zeit:</p><p>„Das Julier Spital genánnt</p><p>Zu Nutz gebaut im Fránkenland</p><p>Nimt auf die arme Búrgerschaft</p><p>Kinder, Kranke und wás schadhaft</p><p>Áuch sonst dürftig fremde Gäst</p><p>Wer hernach kommt, thue áuch das Best“</p><p>„Wer hernach kommt, thue áuch das Best“ – das wollen wir uns gesagt sein lassen als Erbe und Auftrag zugleich. In diesem Sinne rufe ich Ihnen allen heute zu: Ad multos annos! Auf noch viele gute Jahre unter Gottes reichem Segen!</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-70311</guid><pubDate>Sat, 31 Jan 2026 15:22:19 +0100</pubDate><title>„Es war ein schweres Stück Arbeit“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/es-war-ein-schweres-stueck-arbeit/</link><description>Einschätzung von Bischof Dr. Franz Jung zur sechsten Syndodalversammlung in Stuttgart</description><content:encoded><![CDATA[<p class="western">„Mit der heutigen sechsten Synodalversammlung ist der synodale Weg in Stuttgart insgesamt zu Ende gegangen. Bei dieser Synodalversammlung gab es ein neues Element, was wir vorher nicht hatten, in Anlehnung an die Weltsynode: die ,Conversatio in Spiritu'. Wir haben uns mehrfach Zeit genommen, die Sitzung zu unterbrechen für ein geistliches Gespräch in kleiner Runde, in der dann jeder mitteilen konnte, was ihn momentan beschäftigt. In einer zweiten Runde konnten die anderen Teilnehmer darauf reagieren und in einer dritten Runde wurde dann gefragt: Was steht jetzt eigentlich im Raum? Was ist weiter zu bearbeiten? Wie ich finde, ein sehr fruchtbares Format, das hilft, die Gemeinschaft unter den Synodalen zu stärken und wirklich jeden Einzelnen und jeder Einzelne zu Wort kommen zu lassen.</p><p>Insgesamt ging es jetzt bei der sechsten Synodalversammlung darum, Rückschau zu halten, in zweifacher Hinsicht: Einmal in der Evaluation zu fragen: Was sind Gelingensfaktoren guter Synodalität?Dort wurden noch einmal drei Punkte eigens beleuchtet. Zum einen die Frage: Wie ist die Dialogqualität einer solchen Versammlung? Kann jeder zu Wort kommen? Wie geht man miteinander um? Das Zweite: Was ist mit Frustrationen und Verletzungen, die entstehen? Wie kann das aufgefangen werden und konstruktiv bearbeitet werden? Und das Dritte: Was ist mit dem Thema Zeit und Zeitdruck? Oftmals war die Erfahrung bei der Synodalversammlung, dass unter hohem Zeitdruck Entscheidungen gefällt werden mussten. Das war oft nicht gut, weil man den Eindruck hatte, es besteht noch Diskussionsbedarf. Für gelingende Synodalität muss also auch der Faktor Zeit noch mal eigens bedacht werden. Wie viel Zeit zur Diskussion ist? Wann sind Dinge tatsächlich entscheidungsreif?</p><p><iframe src="https://bistumwuerzburg.podigee.io/279-wozu-will-ich-die-fastenzeit-nutzen/embed?context=external&amp;token=tASb7nszAauC-mwrHpUR4g" style="border: 0" border="0" height="380" width="100%"></iframe></p><p>Ein zweiter Punkt betraf nicht die Prozessqualität, sondern die Frage: Wie sind die Beschlüsse, die gefasst worden, umgesetzt worden? Dort hat unsere Kommission, die Kommission zwei, deren Vorsitzender ich war, zusammen mit Birgit Mock vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) noch einmal alle Bistümer abgefragt, die daran teilgenommen haben. Es waren immerhin 23 von 27&nbsp;Bistümern, die uns eine Rückmeldung gegeben haben. Diese haben wir zusammengestellt. Es wurde auch beschlossen, dass die Rückmeldung der einzelnen Bistümer mit den Diözesangremien noch einmal besprochen werden soll und eine weitere Umsetzung in dem Bistum vor Ort zu diskutieren ist.</p><p>Wir haben während der fünften und sechsten Synodalversammlung im Synodalausschuss die sogenannte Synodalkonferenz vorbereitet, das heißt, das Beratungsformat von Laien und Bischöfen soll auf Dauer gestellt werden. Die Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe muss diesem Satzungsentwurf, der in enger Abstimmung mit Rom vorbereitet ist, noch zustimmen. Und dann muss Rom noch mal abschließend diesen Satzungsentwurf rekognoszieren. Dann könnte ab November auch wieder in Stuttgart die erste Synodalkonferenz zusammentreten.</p><p>Es gab noch eine Abschlusserklärung zur Syndodalversammlung, in dem wir noch einmal versucht haben, das Anliegen zu bündeln. Jetzt bin ich gespannt, wie das im November gut weitergeht. Ich bin froh, dass der synodale Weg mit der sechsten Synodalversammlung seinen Abschluss gefunden hat. Es war ein schweres Stück Arbeit in den vergangenen Jahren. Aber jetzt schauen wir positiv in die Zukunft.“</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-70129</guid><pubDate>Sun, 25 Jan 2026 12:00:36 +0100</pubDate><title>„Der Ort, an dem sich über uns der Himmel öffnet“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/der-ort-an-dem-sich-ueber-uns-der-himmel-oeffnet/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung aus Anlass von 100 Jahren Exerzitienhaus Himmelspforten am Sonntag, 25. Januar 2026, in der dortigen Hauskapelle</description><content:encoded><![CDATA[
<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><h3>Der Traum Jakobs über das Tor des Himmels</h3><p>„Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“(Gen 28,17) So ruft der Patriarch Jakob aus voller Verwunderung. Im Traum hatte er gesehen, wie auf dem Ort, an dem er geschlafen hatte, die Himmelsleiter aufruhte. Über die Himmelsleiter schwebten die Engel Gottes auf und nieder. Tatsächlich, er hatte das Tor zum Himmel gesehen. „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“</p><h3>Himmelspforten – ein Ort langer geistlicher Tradition</h3><p>„Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort!“ Dieses Wort des Patriarchen Jakob gilt auch für das Kloster und das Exerzitienhaus Himmelspforten. Ein Blick in die bewegte Geschichte zeigt, dass seit Jahrhunderten Menschen diesen Ort heiliggehalten haben, weil sie hier die Pforte zum Himmel erfahren hatten. Ich kann das nur in Stichworten rekapitulieren. Das Zisterzienserinnenkloster 1231 in Himmelstadt gegründet, dann 1248 nach Schönau verlegt, um von dort in der sogenannten „Schottenau“ 1251 endlich zur Ruhe zu kommen. Bis heute ist es das älteste bestehende Frauenkloster der Stadt, das viele Höhen und Tiefen erlebt hat. Die Nonnen haben in der Reformation treu den Glauben bewahrt und den Stürmen der Zeit, vor allem im verheerenden Dreißigjährigen Krieg, getrotzt. Dann wurde das Kloster im Rahmen der Säkularisation 1804 einfach über Nacht aufgelöst.</p><h3>Den Ort in Ehren halten und die Himmelspforte wiederherstellen</h3><p>Und dennoch. Viele gaben sich damit nicht zufrieden. Sie wussten: „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort!“ Hier soll keine Militärlazarett einziehen und auch eine Tabak- oder Farbenfabrik hat hier nichts verloren. Der ehrfurchtgebietende Ort braucht Menschen, die Gott die Ehre geben und dadurch diesem besonderen Ort wieder seine einzigartige Würde schenken.</p><p>Bis heute fasziniert mich, dass es nicht der Bischof war, nicht das Domkapitel und auch keine Kleriker. Nein, es waren zwei Schwesternpaare aus Margetshöchheim und aus Dettelbach, die Geschwister Götz und Röll, die nicht eher ruhten, bis sie Karmelitinnen aus Gmunden am Traunsee in Österreich bewegen konnten, das altehrwürdige Kloster wiederzubeleben. Der Sinn für diesen einzigartigen Ort und die Sehnsucht danach, auch in Würzburg wieder eine Himmelspforte zu haben, haben ihr Herz erfüllt. Ihr Vermächtnis, dass sie sich im Übrigen etwas kosten ließen, lehrt uns bis heute, was frommer Sinn vermag. Und wie sehr es auf den Einzelnen ankommt, der nicht auf die Obrigkeit schaut, sondern selbst die Initiative ergreift.</p><p>Gott wollten sie die Ehre geben im Wissen darum, dass wir alle solche Orte dringend brauchen, heute vielleicht mehr denn je, in einer Zeit, die scheinbar alles gleichmacht und den Sinn für Transzendenz zu verlieren droht.</p><p>Weil die Räumlichkeiten für ein Karmelitinnenkloster zu groß waren, wurde ein Teil der Konventsgebäude 1925 dann dem Bistum überlassen, das vor nunmehr 100 Jahren hier ein gleichnamiges Exerzitien- und Bildungshaus eingerichtet hat. Ich bin sehr froh, dass die Klosterkirche seit 1969 wieder das alte Patrozinium „Mariä Himmelfahrt“ übernommen hat, nachdem von 1844 bis 1969 der heilige Nikolaus von Myra der Patron war. Durch die Rückkehr zum alten Patrozinium wurde deutlich, dass man sich wieder in die alte Zisterzienserinnentradition stellen wollte und an die reiche Geschichte dieses ehrfurchtgebietenden Ortes anknüpfen wollte. Das Patrozinium „Himmelspforten“ ist ein Programm. Das möchte ich am heutigen Tag unter dreifacher Rücksicht mit Ihnen bedenken.</p><h3>Maria als die Porta Caeli</h3><p>Die Zisterzienser haben ihre Klosterkirche alle unter das Patrozinium „Mariä Himmelfahrt“ gestellt. Das ist kein Zufall. Denn Maria ist als Person die Pforte des Himmels schlechthin. Durch sie ist der Erlöser in diese Welt eingetreten. Als Ersterlöste ist sie uns auch in den Himmel vorausgegangen. Dort erwartet sie die Gläubigen und weist ihnen den Weg durch diese Welt zum Himmel. Wie Maria zur „Himmelspforte“ wurde, sollen auch wir zu Himmelspforten werden. Christus will auch durch uns in diese Welt kommen. Zugleich sollen wir nicht müde werden, anderen den Weg zum Himmel zu weisen. Das ist ein großer Anspruch.</p><p>Für mich war es vor diesem Hintergrund immer bedeutsam, dass Exerzitien- und Bildungshaus und Kloster nebeneinander lagen. Wie oft bin ich als Generalvikar in der Mittagspause in die Klosterkirche gegangen, um dort einen Moment zur Ruhe zu kommen und zu beten. Die Schwestern erinnern durch ihre stille Präsenz an das, was wirklich zählt: wie Maria in der Gegenwart des Herrn zu verweilen und ihn nie aus den Augen zu verlieren. Denn nur so können wir für andere zu Himmelspforten werden. Das ist unsere Berufung und unser Auftrag – im Kloster genauso wie im Exerzitien- und Bildungshaus.</p><p>Planen Sie auch als Dienstgemeinschaft solche Momente der Sammlung ein, die der Selbstvergewisserung über den eigenen Auftrag und der Stärkung der eigenen Sendung dienen. Die neue Grundordnung lädt genau dazu ein, als Dienstgeber die Mitarbeitenden immer wieder daran zu erinnern, wo sie arbeiten, aus welcher Haltung heraus wir unseren Dienst tun und was unser Anspruch als Kirche ist.</p><h3>Himmelspforten aus Ausdruck gelebter Gemeinschaft</h3><p>Wenn die Zisterzienser für ihre Klöster den Namen „Himmelspforte“ wählten, dann war das natürlich auch ein Hinweis auf das monastische Zusammenleben.</p><p>In dieser Gemeinschaft, so die Verheißung, kannst du erleben, wie man in den Himmel eingeht. Das ist der Anspruch, der bis heute auch für das Exerzitien- und Bildungshaus gilt.</p><p>Nun ist Himmelspforten bekannt für seine Gastfreundschaft und für den hervorragenden Service. Das kann ich aus den Rückmeldungen der Generalvikare und der Bischöfe ohne Übertreibung sagen. Beides sind urbenediktinische Tugenden. In jedem Fremden Christus sehen, ihn aufnehmen und ihm dienen. Der Geist eines Hauses zeigt sich im Umgang miteinander und nicht zuletzt in einem gedeckten Tisch, an dem man verweilt bei gutem Essen, dem köstlichen Frankenwein und in Gesprächen, die in die Tiefe gehen, weil man gerne miteinander Zeit verbringt. Dass das Haus nach außen hin abgeschlossen ist durch die Mauer, verleiht dem Ort auch etwas Heimeliges. Der „Hortus Conclusus“, der „abgeschlossene Garten“ des Klosters bietet auch dem Exerzitien- und Bildungshaus Schutz und die nötige Stille, um in gesammelte Atmosphäre die oft schwierigen Themen diskutieren, bedenken und entscheiden zu können. Der gute Service und die monastische Prägung des Ortes sind ein echter Standortvorteil. Pflegen Sie beides, denn diese Faktoren sind es, die die Anziehungskraft dieses Ortes ausmachen und das Ehrfurchtgebietende ausstrahlen.</p><h3>Himmelspforten als Anspruch an unsere Exerziten-, Bildungs- und Konferenzarbeit</h3><p>Ein Letztes. Der Name Himmelspforten ist auch ein Anspruch an unsere inhaltliche Arbeit. Wir müssen als Kirche den Himmel offenhalten. Nichts ist heute wichtiger als dieser Auftrag. Das Dokument „Unsere Hoffnung“ der Würzburger Synode, dessen Verabschiedung vor 50 Jahren wir letztes Jahr gefeiert haben, formuliert es so:</p><p><em>„Die Krise des kirchlichen Lebens beruht letztlich nicht auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber unserem modernen Leben und Lebensgefühl, sondern auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber dem, in dem unsere Hoffnung wurzelt und aus dessen Sein sie ihre Höhe und Tiefe, ihren Weg und ihre Zukunft empfängt: Jesus Christus.“</em> (UH II.3)</p><p>Deshalb empfiehlt das Synodendokument:</p><p><em>„So gilt als Gesetz unserer kirchlichen Erneuerung, daß wir vor allem die Angleichungsschwierigkeit gegenüber dem, auf den wir uns berufen und aus dem wir leben, überwinden und daß wir konsequenter in seine Nachfolge eintreten, um den Abstand zwischen ihm und uns zu verringern und unsere Schicksalsgemeinschaft mit ihm zu verlebendigen. Dann ist ein Weg und eine Zukunft. Dann gibt es eine Chance, heutig, ganz gegenwärtig zu sein - die Probleme, Fragen und Leiden allenthalben zu teilen, ohne sich ihrer geheimen Hoffnungslosigkeit zu unterwerfe</em>n.“ (UH II.3)</p><p>In aufrüttelnden Worten wird hier dargelegt, was es heißt, den Himmel offenzuhalten. Ich wünsche mir und uns, dass wir immer die nötigen Formate finden in der Exerzitien- und Bildungsarbeit, um Menschen eine Pforte zum Himmel zu eröffnen.</p><p>Ich wünsche aber auch uns als Bischöfen und anderen kirchlichen Verantwortungsträgern, dass wir bei unseren endlosen Konferenzen und Tagungen nie vergessen, auf Christus zu schauen, der von sich gesagt hat, dass er die Tür zum Himmel ist. Diese Tür aufzuhalten und sie nicht zu verstellen oder zufallen zu lassen ist unsere Mission. Wenn uns das gelingt, dann machen wir dem Namen „Himmelspforten“ alle Ehre, dann können die Menschen mit dem Patriarchen Jakob sagen: „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“</p><h3>Danksagung</h3><p>Am heutigen Tag danke ich dem Team vom Exerzitienhaus Himmelspforten unter der Leitung von Frau Dittmann-Nath für sein Engagement und den sehr guten Service.</p><p>Ich danke den Programmverantwortlichen für das Bemühen, hier anspruchsvolle Angebote zu machen, die helfen, den Himmel neu zu entdecken.</p><p>Danken möchte ich auch den Geistlichen, die diesem Ort durch ihr Wirken ihren Stempel aufgedrückt haben. Ebenso danke ich den Ritaschwestern, die durch ihren Dienst dem Haus ein geistliches Gepräge gegeben haben.</p><p>Nicht zuletzt geht mein Dank an meine Vorgänger im Amte. Bischof Hermann von Lobdeburg hat vor 800&nbsp;Jahren das Zisterzienserinnenkloster gegründet. Bischof Matthias Ehrenfried hat das Bildungshaus fast auf den Tag genau vor 100 Jahren eingeweiht. Unter Bischof Josef Stangl konnte das erneuerte Haus 1967 wieder seinen Betrieb aufnehmen. Bischof Friedhelm Hofmann war es schließlich vorbehalten, 2005&nbsp;das Haus nach umfassender Erneuerung seiner Bestimmung zu übergeben. Ihnen allen schulde ich, schulden wir unseren Dank. Diesen Dank wollen wir nun in der Feier der Eucharistie dem Herrn darbringen. Denn sie ist der Ort, an dem sich über uns der Himmel öffnet. Amen.</p>

]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Würzburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69566</guid><pubDate>Thu, 25 Dec 2025 11:00:00 +0100</pubDate><title>„Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/wo-immer-christus-geboren-wird-ist-betlehem/</link><description>Weihnachtspredigt von Bischof Dr. Franz Jung am Hochfest der Geburt des Herrn, Donnerstag, 25. Dezember 2025, im Würzburger Kiliansdom </description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>„Lasst uns nach Betlehem gehen“</strong></p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“, so sagen die Hirten zueinander, nachdem der Engel ihnen die freudige Nachricht von der Geburt des Messias verkündet hatte.</p><p>In dieser Aufforderung steckt die gesamte Weihnachtsbotschaft.</p><p>Das will ich im Folgenden mit Ihnen bedenken.</p><p><strong>Betlehem als der Ort, an dem der Gottessohn geboren wurde</strong></p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“ – das bedeutet zunächst: Es gibt einen Ort, den man eindeutig benennen kann und der ein für alle Mal mit der Menschwerdung Gottes verbunden ist. Das ist deshalb wichtig, weil Weihnachten von einer historischen Tatsache erzählt. Weihnachten ist kein Mythos, keine fromme Legende und auch kein Lebensgefühl, das in einer bestimmten Jahreszeit über die Menschen kommt, sondern Weihnachten sagt: Gott kommt in diese Welt. Wenn Gott Mensch wird, tritt er ein in unsere Geschichte. Dann gibt es einen Ort und eine Zeit, die man genau bestimmen kann. Genau das und nur das verbürgt das Heil. Denn Gott heiligt unsere Erde und unsere Zeit, indem er hier als Mensch geboren wird.</p><p>Bis zum heutigen Tag gehört daher die Geburtskirche in Betlehem zu den heiligsten Orten der Christenheit. Hier wird die Geburtsgrotte gezeigt, in der Maria den Retter der Welt geboren hat und ihn in Windeln gewickelt hat, genau wie es der Engel den Hirten angekündigt hatte. Bis zum heutigen Tag sagen deshalb viele Pilgerinnen und Pilger weltweit mit den Hirten: „Auf, lasst uns nach Betlehem gehen!“</p><p><strong>Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem </strong></p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“ – das kann aber auch in einem geistlichen Sinn verstanden werden. Betlehem ist der Ort, an dem Christus geboren wurde. So haben wir eben gehört. Aber umgekehrt gilt auch: Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem. Betlehem wird damit zum Symbol für eine geistliche Wirklichkeit. Und das macht es spannend. Nach Betlehem aufzubrechen, heißt dann, nach den Orten zu suchen, an denen Christus mitten unter uns geboren wird.</p><p>Wo aber liegt dann Betlehem?</p><p><strong>Betlehem ist da, wo die Nacht zum Tag wird</strong></p><p>Christus wird in der dunkelsten Nacht des Jahres geboren. Durch seine Geburt vertreibt Gott die Finsternis. Betlehem ist also immer da, wo mitten in der Dunkelheit unseres Lebens das Licht Christi erstrahlt. Heute sind wir eingeladen, unsere persönlichen dunklen Stunden des vergangenen Jahres in seinem Licht zu betrachten. Nicht dass das Bedrückende und Schwere einfach weggeblasen wäre. Aber weil Gott in das Dunkel kommt, möchte er mit uns aus dem Dunkel in sein Licht gehen. Wenn wir nach Betlehem gehen, wird aus der Nacht unseres Lebens seine Heilige Nacht.</p><p><strong>Betlehem ist da, wo die Würde der Menschen gewahrt wird</strong></p><p>Weil an Weihnachten Gott unsere menschliche Natur angenommen hat, hat er damit auch unsere Würde erneuert. Betlehem ist also immer da, wo die Würde von Menschen nicht mit Füßen getreten wird, sondern geachtet wird. Das ist immer da, wo Menschen nicht reduziert werden auf eine Eigenschaft, sondern als Personen geachtet werden, z.B. in den Justizvollzugsanstalten, weil niemand auf seine Schuld festgelegt werden darf, sondern immer mehr ist als nur jemand, der sich verfehlt hat. Oder in den Unterkünften für Geflüchtete, weil Menschen auf der Flucht nicht nur Bittsteller sind, sondern auch Rechte haben, die gewahrt und geschützt werden müssen. Nach Betlehem gehen heißt dann auch, an die Menschenwürde aller zu erinnern und Verletzungen der Menschenwürde als solche zu benennen.</p><p><strong>Betlehem ist da, wo der Friede Gottes anbrechen kann</strong></p><p>In der Heiligen Nacht haben die Engel über den Feldern von Betlehem den Menschen den Frieden verkündet. Christus wird immer da geboren, wo wir an diesen Frieden glauben, der uns von Gott her zugesagt wird. Weil Gott sich mit der Welt versöhnt hat, sollen wir seinen Frieden weitertragen. Eine herausfordernde Aufgabe, gerade in diesen Zeiten, in denen offenbar die Kriegstreiber die Oberhand haben. Nach Betlehem zu gehen, bedeutet dann, nach dem zu suchen, was dem Frieden dient. Nicht die Gegensätze bis zur Unversöhnlichkeit zuzuspitzen, nicht die Eskalation immer weiter voranzutreiben, nicht die Unterschiede zu betonen, sondern nach dem Verbindenden Ausschau zu halten und der Versöhnung den Weg bereiten – auch und gerade im Heiligen Land. Der Weg nach Betlehem verlangt Ausdauer und den unverbrüchlichen Glauben an den Frieden der Heiligen Nacht. So gilt gerade in diesen Tagen: Lasst uns nach Betlehem gehen auf dem Weg des Friedens.</p><p><strong>Betlehem ist da, wo Menschen in ihrer Verletzlichkeit geschützt werden</strong></p><p>An Weihnachten hat Gott sich als kleines Kind verletzlich gemacht. Betlehem ist immer da, wo wir die Verletzlichsten schützen. Das gilt für das Ungeborene Leben, für das es keinen abgestuften Lebensschutz gibt, sondern das von Beginn an schützenswert ist. Das gilt aber auch für die sterbenden Menschen angesichts der Diskussion um den assistierten Suizid. Statt durch die Hand von Menschen zu sterben machen wir uns dafür stark, an der Hand von Menschen zu sterben. Weil Gott selbst unsere Verletzlichkeit geheiligt hat, heißt nach Betlehem gehen, sich für die Schwächsten stark zu machen.</p><p><strong>Betlehem und der Krippenbau in unseren Häusern</strong></p><p>Vergessen wir nicht: Unsere Häuser und Wohnungen wollen Betlehem sein. Deshalb bauen wir an Weihnachten unsere Krippen auf. Sie sind nicht nur Folklore oder ein frommer Brauch. Der Tiefe Ernst der Krippen liegt darin begründet, dass sie uns daran erinnern, dass Christus auch bei uns geboren werden möchte. Auch unser Zuhause soll Betlehem sein. Auch wir sollen heilige Familien sein. Familien, in denen Menschen um Christi willen einander annehmen. Familien, die durch die Liebe zu Christus zusammengehalten werden.</p><p>Familien, die sich freuen, dass Gott in ihrer Mitte ist und mit ihnen den Weg durchs Leben geht mit allen Höhen und Tiefen. Ja, lasst uns nach Betlehem gehen, um an unseren Krippen betend zu verweilen. Lasst uns so immer mehr Betlehem werden.</p><p><strong>Betlehem als Inbegriff für die Eucharistie</strong></p><p>Der hebräische Ortsname „Bethlehem“ heißt übersetzt „Haus des Brotes“. Schon seit den frühesten Zeiten wurde deshalb Betlehem zum Symbol für die Kirche. Denn die Kirche ist das „Haus des Brotes“. In der Mitte der Kirche feiern wir im Sakrament der Eucharistie immer neu die Vergegenwärtigung unserer Erlösung. Wie in Betlehem zum ersten Mal der „Leib Christi“ gesehen wurde, so sehen wir den „Leib Christi“ in der Feier der Eucharistie. Christus wird mit „Leib“ und „Blut“ unter uns gegenwärtig. In der Kommunion haben wir Gemeinschaft mit ihm. Wir werden „durch ihn und mit ihm und in ihm“ zu Schwestern und Brüder im Glauben.</p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“ heißt also immer auch, lasst uns miteinander Eucharistie feiern. Denn an Weihnachten will Christus in uns geboren werden. Mit ihm sollen wir zu neuen Menschen werden, die „von oben geboren sind“, wie es der Evangelist Johannes sagt. Denn nur neue Menschen können die Welt im weihnachtlichen Sinne verwandeln.</p><p><strong>Hören wir also niemals auf, nach Betlehem zu gehen!</strong></p><p>Hören wir also niemals auf, nach Betlehem zu gehen. Muntern wir uns mit den Hirten immer neu gegenseitig auf, nach Betlehem aufzubrechen. Denn Weihnachten wird erst dann vollendet sein, wenn die ganze Welt sich an seiner Krippe einfindet, um ihn anzubeten. Amen.</p>

]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Advent und Weihnachten</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69565</guid><pubDate>Wed, 24 Dec 2025 23:30:00 +0100</pubDate><title>„Schau auf das kleine Kind“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/schau-auf-das-kleine-kind/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung in der Christmette an Heiligabend, 24. Dezember 2025, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Enge Pforte der Geburtskirche in Betlehem</strong></p><p>Im nun zu Ende gehenden Heiligen Jahr war die Heilige Pforte im Petersdom in Rom das Ziel aller Pilgerinnen und Pilger. Auch an Weihnachten geht es um eine Heilige Pforte. Allerdings nicht in Rom, sondern in Betlehem. Ich meine mit dieser heiligen Pforte den Eingang zur Geburtskirche in Betlehem – Sie sehen sie auf ihrem Liedblatt abgedruckt. Wer schon einmal da war, wird sich gewiss an sie erinnern. Warum?</p><p>Ganz einfach. Weil die Geburtskirche im Gegensatz zu unseren Kathedralen und Domen kein prächtiges Portal aufweist. Ganz im Gegenteil. Wer die Geburtskirche betreten möchte, muss sich bücken. Er muss aufpassen, dass er sich nicht den Kopf anstößt, so eng und klein ist die Tür.</p><p><strong>Die kleine Pforte als „Tür der Demut“</strong></p><p>Dass die Tür so klein ist, hat zunächst ganz praktische Gründe. Wer genau hinschaut, sieht nämlich, dass die einst größere Tür zugemauert wurde. Man wollte verhindern, dass Unbefugte sich Zutritt verschaffen zu diesem heiligen Ort.</p><p>Überdies sagt die Überlieferung, dass auch die Könige gewohnt waren, hoch zu Ross in die Kirche einzureiten. Dem wollte man ein für alle Mal einen Riegel vorschieben. Wer die Geburtskirche betreten will, muss runter vom hohen Ross – im wahrsten Sinne des Wortes. Er muss sich üben in Demut. Deshalb heißt die kleine Tür zur Geburtskirche auch die „Tür der Demut“.</p><p><strong>Die enge Pforte des Mutterschoßes zur Menschwerdung Gottes</strong></p><p>Die Bezeichnung „Tür der Demut“ bezieht sich aber nicht nur auf die Besucher der Kirche. Die Tür der Demut passt nämlich ausgezeichnet zur Geburtskirche. Denn sie wird zum Symbol für die Menschwerdung Gottes. Denn an Weihnachten feiern wir, dass Gott sich klein gemacht hat. Der Schöpfer und Herr der Welt wählt die enge Pforte des Mutterschoßes, um als kleines Kind in diese Welt zu kommen.</p><p>„Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering“, so singt die Kirche an Weihnachten im Lied „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“ (GL 247). Der unfassbare Gott macht sich fassbar. Dazu muss er all seine Herrlichkeit und Größe ablegen, um den Menschen als Mensch zu begegnen in der Form eines hilflosen Kindes.</p><p>Gott sieht nicht länger vom hohen Thron auf die Menschen herab, sondern steigt selbst ab vom hohen Thron, um unser Leben mit uns zu teilen. Er kommt nicht als Herrscher, sondern als Diener und Knecht. Das ist die umstürzende und zugleich froh machende Botschaft von Weihnachten.</p><p><strong>Das Betreten der Geburtskirche als Eintreten in das Geheimnis der Menschwerdung</strong></p><p>So wird das Betreten der Geburtskirche zu einem „mystagogischen Ereignis“, wie man so schön sagt. Das heißt beim Eintreten muss man sich klein machen. Und in diesem Sich-Klein-Machen lernt man, was es heißt, dass Gott Mensch geworden ist.</p><p>Im Durchschreiten der „Tür der Demut“ übt man die Demut selbst ein. Man tritt gewissermaßen ein in das Geheimnis von Weihnachten. So wird Weihnachten ganz praktisch erfahrbar.</p><p><strong>Als Christen müssen wir diesen Eintritt ins Weihnachtsgeheimnis immer neu üben</strong></p><p>Diese praktische Lehrstunde in Sachen Weihnachten ist dringend notwendig. Denn es ist im Leben oft gar nicht so einfach, durch die „Tür der Demut“ zu gehen.</p><ul><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn Du deine eigene Schwäche erkennen und annehmen musst in Krankheit und Alter, weil es nicht mehr geht wie früher und eine radikale Umkehr im Leben ansteht – dann schau auf das kleine Kind, in dem Gott unsere menschliche Schwachheit angenommen hat, um sie mit seiner Gottheit zu verbinden</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn Du unversöhnt bist und nachtragend – dann schau auf das Kind, in dem Gott die Sünde der Welt hinwegnimmt und uns die Versöhnung mit sich und untereinander anbietet</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du über deinen Schatten springen und deine Bequemlichkeit ablegen musst – dann schau auf das Kind, in dem Gott die Mühen unseres Lebens mit uns teilt, damit Neues werden kann und nicht einfach alles beim Alten bleibt</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du angefragt bist mit den Bedürftigen zu teilen – dann schau auf das Kind, in dem Gott arm wird, um uns durch seine Armut reich zu machen und uns Anteil zu geben an seiner Liebe</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du deine Vorurteile über andere ablegen musst – dann schau auf das kleine Kind, in dem wir den Sohn Gottes erkennen dürfen wie der Engel sagt, durch den wir alle „eine neue Schöpfung sind“ (2Kor 5,17), von Gott her neu, weil von Gott geliebt</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du deine Angst überwinden musst – dann schau auf das Kind, in dem uns das Licht in der dunkelsten Nacht aufgestrahlt ist, das uns leuchtet auch in der Finsternis (Joh 1,5)</li></ul><p><strong>Die engen Pforten können zu Heiligen Pforten werden</strong></p><p>Es gibt viele enge Pforten im Leben. An Weihnachten sind wir eingeladen, mit dem Kind diese Pforten zu durchschreiten. Nicht umsonst wird Jesus später im Evangelium sagen: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!“ (Lk 13,24) Wer das wagt, für den wird so manche enge Pforte tatsächlich zur Heiligen Pforte, weil er im Glauben über sich hinausgewachsen ist und gemerkt hat, dass das enge Tor notwendig war auf dem eigenen Lebensweg, um neu zu werden.</p><p><strong>Die Tür der Demut ist die Tür der Kinder Gottes</strong></p><p>Die „Tür der Demut“ ist gerade mal 1,20 m hoch. Das Idealmaß für Kinder. Auch das wird an Weihnachten zum hochsymbolischen Maß. Mit dem Sohn Gottes können nur die Kinder Gottes durch diese Tür ein und ausgehen. Es sind die, von denen es im Johannesevangelium heißt, dass sie „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13). Es sind die, die in dem Kind zu neuen Menschen geworden sind. Sie haben keine Angst vor der engen Tür, sondern an der Hand des Kindes gehen sie durch diese enge Tür ins Leben.</p><p><strong>Das Ende des Prologs der Benedikt-Regel</strong></p><p>Im Vorwort zur Regel des Heiligen Benedikt heißt es am Ende:</p><p>„Sollte es (…) aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.</p><p>Wer aber (…) im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.“</p><p>Wie schön! Und ermutigend! Wie immer kann der Weg des Heils und der Heilung am Anfang nicht anders als eng sein. Denn aller Anfang ist schwer. Wer aber im Blick auf Weihnachten an der Hand dieses Kindes im Glauben voranschreitet, dem wird das Herz weit und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes. Genau das wünsche ich Ihnen am heutigen Weihnachtsfest: Dass ihr Herz weit wird. Dass sie mit dem Kind das unsagbare Glück der Liebe erfahren.</p><p>Denn wenn das Herz weit wird und die Liebe zu ihrem Recht kommt, dann können wir einstimmen in den Lobgesang der Engel:</p><p><em>„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade.“ </em></p><p>Ihnen allen von Herzen frohe und gesegnete Weihnachtstage. Amen.</p><p></p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Advent und Weihnachten</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69437</guid><pubDate>Thu, 18 Dec 2025 15:00:00 +0100</pubDate><title>„Die Welt braucht unseren Zuspruch der Hoffnung und des Trostes mehr denn je“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/die-welt-braucht-unseren-zuspruch-der-hoffnung-und-des-trostes-mehr-denn-je/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim adventlichen Pontifikalgottesdienst für die Mitarbeitenden von Bischöflichem Ordinariat und Caritas am Donnerstag, 18. Dezember, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<h2 style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Josef, der Träumer</h2><p>Was für ein Evangelium! Wenn Träume platzen… Josef muss zur Kenntnis nehmen, dass ihm offenbar ein anderer zuvorgekommen ist. Der Traum von der eigenen Familie – ausgeträumt! Er macht nicht groß Aufhebens von dieser persönlichen Katastrophe. Er bemüht sich vielmehr um Schadensbegrenzung und will sich im Stillen verabschieden. Er hat hier keinen Platz mehr. Seine Stelle ist weg.</p><p>Da wird er von Gott - wohlgemerkt im Traum! - zum Bleiben bewogen. Denn er erfährt jetzt, dass der geheimnisvolle Andere niemand anderes als Gott selbst ist. Gott braucht diesen Josef dringender denn je, denn er soll dem Kind den Namen geben und Mutter wie Kind behüten.</p><p>Auf diese Weise erhält Josef eine Bleibe-Perspektive. Er lässt sich auf das neue Abenteuer ein und tritt die Stelle als Vaterersatz für die heilige Familie an. Er träumt Gottes Traum mit von der Erlösung der Welt durch die Menschwerdung seines Sohnes.</p><h2>Was lernen wir daraus?</h2><p>Erstens: Das Beispiel des Josef zeigt uns: Veränderung von Stellenprofilen und Aufgabenzuschnitten gibt es schon seit Beginn der Heilsgeschichte - und wird es auch weiterhin geben.</p><p>Unser Bemühen geht jedoch dahin, Veränderungen im Stellenprofil mit den Betroffenen rechtzeitig und offen zu besprechen. Wir wollen es gerade nicht der Phantasie der Mitarbeitenden überlassen, zu raten, was sich gerade verändert. Denn diese Phantasie treibt erfahrungsgemäß unschöne Blüten. Sie steigert die Verunsicherung und führt zu Zukunftsängsten. Die Folgen lassen sich an Josef ablesen. Sie sind die innere Kündigung bzw. der Wechsel des Arbeitgebers. Das beeinträchtigt auch das Betriebsklima.</p><p>Bei euch aber soll es anders sein! Von daher danke ich allen, die bei den anstehenden Veränderungen seit Jahren bemüht sind, alle, die es betrifft, mitzunehmen und gemeinsam eine gute Perspektive zu erarbeiten. Das stärkt das Vertrauen und hilft, sich als lernende Organisation weiterzuentwickeln.</p><p>Zweitens: Im Blick auf Josef könnte man darauf hoffen, dass die Mitarbeitenden einen gesunden Schlaf haben und dass Engel auch heute noch fliegen.</p><p>Zielführender ist es allerdings, die Mitarbeitenden rechtzeitig über die künftigen Unternehmensziele aufzuklären. Das verlangt übrigens auch die erneuerte Grundordnung vom Dienstgeber. Im nun zu Ende gehenden Jahr haben wir vieles unternommen, um unseren Mitarbeitenden die Unternehmensziele nahezubringen und sie mitzunehmen auf diesem Weg.</p><p>Dieses „Mitnehmen“ gilt im wahrsten Sinne des Wortes für die drei Wallfahrten zum Heiligen Jahr nach Rom. Dabei haben wir als „Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung“ nicht nur die vier heiligen Pforten durchschritten, sondern auch so manch andere Tür zu einem guten und vertrauensvollen Miteinander aufgetan. Das war eine sehr schöne Erfahrung von Dienstgemeinschaft!</p><p>Das bietet mir die willkommene Gelegenheit, unserer MAV zu danken, mit der wir gemeinsam die Idee der Romwallfahrten für die Mitarbeitenden geboren haben. So zeigte sich wieder einmal das konstruktive Miteinander von Dienstgeber und Dienstnehmenden, für das ich als Bischof sehr dankbar bin!</p><p>Drittens: Für Josef gab es zum Glück kein böses Erwachen. Ihm wurden – das ist der humoristische Zug unserer Geschichte! - im Schlaf die Augen geöffnet. Im Schlaf wurde er eingeweiht in das große Projekt der Welterlösung. Er durfte erkennen, dass Bleiben jetzt „Erste Bürgerpflicht“ ist und er sich nicht heimlich davonzuschleichen braucht. Vor allem aber, dass alles viel größer und bedeutsamer ist, als er sich je selbst hätte träumen lassen.</p><p>Ich wünsche uns, dass auch wir uns an Weihnachten freuen, dass Gott der „Immanuel“ ist, der „Gott-Mit-Uns“. Und dass wir als kirchliche Mitarbeitende froh und stolz sind, auch heute unseren Beitrag leisten zu dürfen zu dieser großartigen Mission. Denn sie hat nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüßt, aber auch nichts von ihrer Schönheit.</p><p>Darüber muss man übrigens nicht schweigen wie der gute Josef, sondern darf ab und an auch mal ein Wort, hoffentlich ein gutes Wort, verlieren. Denn die Welt braucht unseren Zuspruch der Hoffnung und des Trostes mehr denn je in diesen aufgewühlten und unsicheren Zeiten!</p><h2>Dank</h2><p>In diesem Sinne danke ich allen für die Arbeit im vergangenen Jahr und spreche ihnen gerne meine Anerkennung aus für das Geleistete und für alles gemeinsame Ringen um eine gute Weiterentwicklung unseres Bistums und damit der Ortskirche von Würzburg. Ich tue das ausdrücklich auch im Namen unseres Weihbischofs, meines Generalvikars und im Namen Clemens Biebers.</p><p>Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien von Herzen frohe und besinnliche Weihnachtstage und die nötige Erholung für den Neustart in das Jahr 2026, in dem für Josef wie für uns alle gilt: „Hab Mut, steh auf!“, denn es gibt noch viel zu tun!</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68974</guid><pubDate>Thu, 27 Nov 2025 21:00:00 +0100</pubDate><title>„Es fehlt das Herz“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/es-fehlt-das-herz/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Donnerstag, 27. November, in der Pfarrkirche Sankt Justinus in Alzenau im Rahmen der Predigtreihe „„Dilexit Nos. Das Vermächtnis Papst Franziskus‘“</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1"></p><h1>Liebe Schwestern und Brüder!</h1><h3>„Es fehlt das Herz.“ (DN 9)</h3><p>Mit seiner Enzyklika „Dilexit nos“ hat uns Papst Franziskus sein geistliches Testament hinterlassen. Diese Enzyklika – veröffentlicht zum Abschluss der Weltsynode – handelt überraschenderweise nicht von Synodalität, nicht von Verfahrensfragen, Strukturen oder Ämtern. Mit seiner letzten Enzyklika kommt der Papst auf das Eigentliche zu sprechen, das in all diesen Diskussionen unter den Tisch fällt. Er handelt von der Verehrung des Herzens Jesu als der Herzmitte unseres Glaubens. Seine Enzyklika hebt an mit einer Verlustanzeige: „Es fehlt das Herz.“ (DN 9). Eine Feststellung, die unmittelbar zu Herzen geht und die prägnant zusammenzufassen scheint, was derzeit irgendwie jeder und jede fühlt. Es fehlt das Herz. Es ist uns abhandengekommen in einer Welt, in der alles nur darauf getrimmt wird, möglichst reibungslos zu funktionieren. So möchte ich heute von der Notwendigkeit der Herzensbildung sprechen als Aufgabe der Kirche. Was heißt das: Herzensbildung?</p><h3>Herzensbildung heißt, sich selbst zu fühlen</h3><p>Herzensbildung heißt zuerst, sich selbst zu fühlen. Das Neue Testament erzählt uns immer wieder von der Begegnung Jesu mit Menschen, die den Kontakt zu sich und zu ihrem Herzen verloren haben. Ich denke dabei an den Besessenen von Gerasa, der in den Höhlen außerhalb der Stadt lebt. Er ist isoliert. Verletzt sich dauernd selbst und kann von niemandem gebändigt werden. Ein Beispiel für einen schwer traumatisierten Menschen, der sich nicht mehr fühlen kann (Mk 5,1-20).</p><p>Oder denken wir an die Samariterin am Jakobsbrunnen. Diese Frau hatte fünf Männer und der sechste ist nicht ihr Mann, wie Jesus ihr auf den Kopf zusagt (Joh 4,18). Weil ihre Sehnsucht nach Liebe nicht erfüllt wird, stürzt sie sich von einer Liebschaft in die nächste. Den Kontakt zum eigenen Herzen hat sie längst verloren. Sie lebt nur noch im Außen, nicht mehr im Innen.</p><p>Jesus gelingt es, beiden Menschen zu helfen, sich wieder zu spüren. Im Fall des Besessenen vertreibt er die Dämonen, um ihn von der inneren Fremdherrschaft zu befreien in der Kraft des Heiligen Geistes. Im Fall der Samariterin weckt er ihre Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser der Liebe Gottes, das in ihm als wahrer Quelle entspringt. Herzensbildung bedeutet zuerst, das eigene Herz wieder zu spüren und die Sehnsucht nach innerer Heilung wiederzuentdecken. Ein langer Weg. Nur Jesus, der Herzenskenner, kann uns hier im Letzten weiterhelfen.</p><h3>Herzensbildung heißt, die Herzlosigkeit der Menschen zu fühlen</h3><p>Herzensbildung zeigt sich zweitens aber auch darin, die Herzlosigkeit anderer zu fühlen. Als Jesus am Sabbat in der Synagoge den Mann mit der verdorrten Hand heilen möchte, fragt er zuerst die Pharisäer nach ihrer Meinung: „Was ist am Sabbat erlaubt - Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz“ (Mk 3,4).</p><p>Man kann sich die Szene bildlich vorstellen und Jesu Erschrecken über die Hartherzigkeit der Menschen, die zu keinerlei Mitleid fähig sind angesichts des Elends dieses Mannes. Auch wenn er sich ihren Hass zuzieht, heilt Jesus diesen Menschen.</p><p>Immer wieder erzählt die Schrift, wie Jesus Mitleid gehabt habe und wie er die Barmherzigen seliggepriesen habe, die sich ihr Mitgefühl erhalten hatten.</p><p>Herzlosigkeit führt zur Gleichgültigkeit. Von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ als Krankheit unseres Zeitalters hat Papst Franziskus immer wieder gesprochen. Mitfühlen und Empathie empfinden zu können sind wichtige Schritte auf dem Weg der Herzensbildung.</p><h3>Herzensbildung heißt, am Herzen des Meisters zu ruhen</h3><p>Herzensbildung heißt drittens, am Herzen des Meisters zu ruhen. Inbegriff dessen ist der Lieblingsjünger Johannes im gleichnamigen Evangelium. Johannes ruht am Herzen Jesu. Auch im Abendmahlssaal ist er der Einzige, der die Nähe Jesu sucht und dessen Nähe Jesus duldet (Joh 13,23). Weil er am Herzen des Meisters ruht, erkennt er am Ostertag vor allen anderen den Herrn (Joh 20,8 / 21,7). Er kennt Jesus und ist von ihm erkannt.</p><p>Das Gegenbild zum Lieblingsjünger Johannes ist im Johannesevangelium der Apostel Petrus. Auch wenn er beteuert, seinem Herrn und Meister nachzufolgen bis in den Tod (Lk 22,33), verleugnet er bei der erstbesten Gelegenheit gleich dreimal Jesus.</p><p>Erst als Jesus nach dem Verrat Petrus in die Augen schaut und der seinem Blick nicht ausweicht, spürt er sein Herz (Lk 22,62). Der Blick des geschundenen Herrn rührt ihn zu Tränen der Reue. Erst jetzt wird ihm bewusst, was er angerichtet hat. Ein Moment der Gnade und der Umkehr. Von Jesus erkannt, beginnt er sein Herz zu fühlen. Von Jesus erkannt, bildet sich sein Herz. Als geläuterter und von Christus im Herzen erkannter kann er dann zum Felsenmann der Kirche werden.</p><p>Ruhen am Herzen des Herrn, mit den Augen Jesu schauen, mit den Ohren Jesu hören, mit den Händen Jesu zärtlich berühren und mit diesem Jesus fühlen, das ist die wahre Schule der Herzensbildung. Sie durchlaufen wir in der Betrachtung der Heiligen Schrift, besonders in der Form der Lectio Divina oder der Geistlichen Schriftlesung, wie ich sie im Heiligen Jahr unseren Gemeinden empfohlen habe. Denn in der Geistlichen Schriftlesung geht es darum, sich die Worte der Heiligen Schrift zu Herzen gehen zu lassen und sie sich zu Herzen zu nehmen.</p><p>Aber die Schule der Herzensbildung ist auch die geschenkte Zeit der Anbetung. Sich dem Herrn auszusetzen, sich von ihm anschauen lassen und ihn anzuschauen, das hilft, dass unsere Herzen verwandelt werden.</p><h3>Herzensbildung als Aufgabe der ganzen Kirche</h3><p>Herzensbildung ist Aufgabe der ganzen Kirche. Denn wo das Herz fehlt, wird der Glaube blutleer. Ein Glaube aber, der sich nur als Glaubenswissen versteht, verbleibt im Kopf, ist allenfalls eine intellektuelle Anstrengung, die aber das Herz nicht erreicht und deshalb den Menschen auch nicht verwandelt.</p><p>Wo das Herz fehlt, wird das Handeln aus dem Glauben nur als angestrengtes Ableisten frommer Werke verstanden. Moralische Strenge hilft aber nicht, das eigene Tun als Herzensangelegenheit zu verstehen, für die man aus innerster Überzeugung brennt. Wo das Herz im Glauben fehlt, arbeiten wir uns nur an innerkirchlichen Strukturfragen ab, ohne zur Tiefe dessen vorzudringen, für die es die Kirche und ihre Strukturen überhaupt braucht. Reformbemühungen ohne die Ergriffenheit des Herzens werden langfristig wohl keine Früchte tragen, weil sie nicht aus der lebendigen Glaubensmitte hervorgehen.</p><p>Glauben ist eben mehr als nur Glaubenswissen, mehr als nur fromme Werke, mehr als nur rigider Moralismus, mehr als nur kirchliche Strukturen.</p><p>Glauben heißt, Jesus aus innerstem Herzen verbunden sein, heißt Jesus zu lieben, heißt eine persönliche Christusbeziehung zu haben - genau darum geht es.</p><p>Die Folge davon, dass das Herz fehlt „ist oft ein Christentum, das die Zartheit des Glaubens, die Freude hingebungsvollen Dienstes, den Eifer für die Mission von Mensch zu Mensch, das Überwältigt-Sein von der Schönheit Christi, die emotionale Dankbarkeit für die Freundschaft, die er anbietet, und den letzten Sinn, den er dem persönlichen Leben gibt, vergessen hat,“ (DN 88) wie der Papst so eindringlich schreibt. Genau das gilt es wiederzugewinnen als Aufgabe der Kirche insgesamt. Ein höchst anspruchsvolles, aber zugleich auch höchst erstrebenswertes Ziel.</p><h3>Herztausch als Vollendung der Herzensbildung</h3><p>Weil die Herzensbildung ein so anspruchsvolles Geschäft ist, können wir sie nicht allein bewerkstelligen. Zur Herzensbildung braucht es die lebendige Sehnsucht nach dem Herrn. Zur Herzensbildung muss man selbst im eigenen Herzen von der Liebe zum Herrn entbrannt, von seiner Liebe verwundet sein. Die Heilige Katharina von Siena war ein solcher Mensch. Mit Feuereifer sehnte sie sich danach, ihr Herz nach dem geöffneten Herzen Jesu zu bilden. Da erschien ihr eines Tages der Herr selbst in einer mystischen Vision, wie ihr Biograph Ramund von Capua erzählt. Der Herr zeigte sich ihr mit einem menschlichen Herzen in der Hand. Er öffnete ihre Brust, legte es dort hinein und sagte: „Meine vielgeliebte Tochter, wie ich dir neulich dein Herz genommen habe, so übergebe ich dir jetzt mein Herz, mit dem du fortan leben sollst.“ (Raimund v. Capua, Vita II.6.180)</p><p>Im Herztausch erfüllte sich das Wort des Apostels Paulus „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Und mit dem Propheten Ezechiel ging die Verheißung in Erfüllung, da er sagte: „Ich nehme das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch.“ (Ez 36,26) Nicht ein, sondern DAS Herz aus Fleisch, nämlich das Herz des menschgewordenen Gottes, das Herz Jesu Christi, in dem die göttliche Liebe vollendet ist. Der Herztausch bleibt das Ziel der innigen Vereinigung mit dem Herrn. Beten wir mit dem Psalmisten „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Ps 51,12). So möge auch der Herr selbst unser Herz nach seinem Herzen formen. Denn darin vollendet sich alle Herzensbildung. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Aschaffenburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68853</guid><pubDate>Mon, 24 Nov 2025 09:00:00 +0100</pubDate><title>„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/jesus-denk-an-mich-wenn-du-in-dein-reich-kommst/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Altarweihe der Kirche Sankt Maria Magdalena in Münnerstadt am Christkönigssonntag, 23. November 2025
</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Lieber Pater Markus, liebe Mitbrüder,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;"><br />Das Evangelium von Christkönig als Provokation</h3><p class="Dachzeile1"><br />Das Evangelium des heutigen Christkönigssonntags ist eine Provokation. Denn es zeigt uns Jesus alles andere denn als König. Zwischen zwei Schwerverbrechern hängt der Herr am Kreuz. Der Aufforderung, vom Kreuz herabzusteigen und so vor aller Welt seine Macht als König zu demonstrieren, kommt er nicht nach. Der Ruf „Rette dich selbst“, der dreimal hintereinander erschallt, verhallt ungehört auf Golgotha. Nein, Jesus ist kein irdischer König. Alle die Zeichen fordern, die Erweise seiner irdischen Macht sehen wollen, müssen enttäuscht werden. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.&nbsp;</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Sein Reich ist nicht von dieser Welt</h3><p class="Dachzeile1">Erst wer verstanden hat, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, kann noch einmal neu auf den gekreuzigten Herrn schauen. Dann wird er allerdings mit Überraschung feststellen, dass dieser Jesus doch ein König ist. Seine Herrschaft beginnt jedoch da, wo die Herrschaft der Könige dieser Welt endet. Denn dieser König ist nicht einfach ein „Herrscher von Gottes Gnaden“. Dieser König ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“ zugleich, wie es das Konzil von Nizäa vor 1.700 Jahren gesagt hat.</p><p>Deshalb reicht seine Herrschaft über den Tod hinaus. Entgegen der Praxis der Machthaber dieser Welt, die ihre Untergebenen in den sicheren Tod schicken, geht dieser König selbst in den Tod. Er nimmt das Los des schmachvollen Kreuzestodes auf sich, um in diesem letzten Kampf die Macht des Todes zu brechen. Durch Kreuz und Leid geht er uns voraus ins ewige Leben.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Der Sinn der Altarweihe</h3><p class="Dachzeile1">Der Altar ist der Ort in unseren Kirchen, an dem wir den Sieg des Lebens über den Tod feiern. Denn in jeder Eucharistiefeier gedenken wir am Altar des Opfers Christi, der uns durch seinen Tod erlöst hat. In der fünften Osterpräfation heißt es deshalb von Christus so wunderbar, er sei selbst „der Priester, der Altar und das Opferlamm“. Der Altarstein ist somit das Symbol für Christus in unseren Kirchen schlechthin.</p><p>Die herausgehobene Bedeutung des Altares unterstreicht die heutige Altarweihe. Durch die Weihe wird dieser Altar der profanen Nutzung entzogen. Er wird ganz Gott übereignet. Als Ort, der Gott und dem Gottesdienst vorbehalten ist, genießt er besondere Verehrung. Im Altarkuss des Priesters und durch die Inzens mit Weihrauch gewinnt diese Verehrung sichtbaren Ausdruck.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Der Heilsdialog im Evangelium und die Dimensionen der Erlösung</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ – „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Die letzte Zwiesprache am Kreuz zwischen Jesus und dem rechten Schächer ist die Schlüsselszene des heutigen Evangeliums.</p><p>Der Bittruf des rechten Schächers, seiner zu gedenken, ist der Bittruf der Kirche durch alle Jahrhunderte. Und die Zusage Jesu, noch heute mit ihm im Paradies zu sein, ist die Verheißung, die in jeder Eucharistiefeier aufs Neue bekräftigt wird.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Das Wissen um die eigene Schuld und die Zusage der Vergebung</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir mit dem rechten Schächer, wenn wir wie er unsere Schuld erkennen und bekennen. Der rechte Schächer wusste genau, dass Jesus unschuldig war. Aber er ahnte, dass allein der Unschuldige in der Lage ist, die Schuldigen frei zu sprechen. Keiner soll gedankenlos zur Eucharistie hinzutreten, um sich nicht das Gericht zu essen, wie der Apostel Paulus sagt (1Kor 11,29). Aber jedem, der vor Gott seine Schuld bekennt, gilt die Verheißung, „noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“. In der Feier der Eucharistie wird uns die Vergebung Gottes zugesagt, die Christus uns am Altar des Kreuzes erwirkt hat.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Die Bitte um Frieden auf der Welt</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir angesichts von Krieg und Gewalt. Welcher Herrscher könnte uns Frieden bringen? Die irdischen Machthaber jedenfalls nicht, auch wenn sie sich großspurig als Friedensbringer feiern lassen. Gewalt kann niemals der Spirale der Gewalt ein Ende setzen. Hier hilft nur der Christkönig, der auf einem Esel reitet und nicht auf einem Schlachtross. Als „Lamm Gottes“ nimmt er hinweg die Sünde der Welt. Er schenkt uns einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. Jeder, der mit ihm Eucharistie feiert, bekommt Anteil an diesem Frieden vom Altar. Und er hört den Ruf des Herrn: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Die Bitte um Einheit</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir in unserer Not aufgrund der vielen Streitereien, auch in der Kirche. Rechte gegen Linke, Konservative gegen Progressive, Reformverweigerer gegen Reformbefürworter. Die Zerrissenheit kann nur überwunden werden in der gemeinsamen Umkehr aller zum Herrn. Der Altar ist die wahre Mitte der Kirche. Hier schauen wir auf den Preis, den Gott entrichtet hat, um uns freizukaufen aus unserer Verstrickung in Rechthaberei, Polarisierung und Spaltung. Wann immer wir uns zu ihm bekehren, ohne einander das Kirche-Sein abzusprechen, hören wir seinen Zuspruch: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Die Bitte um die Gnade des Gotteslobs</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir, wenn wir überwältigt werden von der Traurigkeit dieser Zeit. Wenn uns elend zu Mute ist, weil scheinbar alles im Niedergang begriffen ist. Wenn sich scheinbar so gar keine Perspektive auftut. Wenn wir uns kraftlos und niedergeschlagen fühlen. Der Herr selbst aber hat uns am Kreuz den Himmel geöffnet. Mitten im Dunkel des Karfreitags bricht das österliche Licht der Vergebung und der Freude in diese Welt.</p><p>Weil er uns bei der Feier der Eucharistie den Himmel öffnet, spricht er zu uns: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Voller Freude singen wir deshalb das Sanctus mit den himmlischen Heerscharen, das vor Gottes Thron niemals endet. Niemand kann uns diese Freude nehmen, weil sie uns vom Himmel her geschenkt wird und auf dem Altar ihren irdischen Haftpunkt hat.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Sterbegebet in der Todesstunde</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir mit dem Schächer in unserer Sterbestunde. Ein ergreifendes letztes Stoßgebet. Für Jesus ist es nie zu spät. Wer umkehrt, und sei es in der letzten Stunde, dem wendet er sich barmherzig zu. „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“ darf der reumütige Schächer hören. Durch die Vergebung des Herrn wird der Tod zum Tor ins Leben. Mit Christus gehen wir aus Leid und Tod in die Herrlichkeit des Vaters. „Wegzehrung“ und „Viaticum“ ist uns dabei der Leib Christi, der uns vom Altar her gereicht wird.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Das Kommuniongebet der Chrysostomos-Liturgie</h3><p class="Dachzeile1">Ich will meine Betrachtung des Altars und seiner Heilsgaben beschließen mit dem wunderbaren Kommuniongebet unserer orthodoxen Schwestern und Brüder. Es ist der Chrysostomos-Liturgie entnommen und lautet:</p><p class="Dachzeile1"><em>„Lass mich heute teilnehmen, o Sohn Gottes, an Deinem mystischen Gastmahl; </em></p><p><em>ich will Deine Mysterien nicht den Feinden verraten, </em></p><p><em>Dir auch keinen Kuss geben wie Judas,</em></p><p><em>sondern wie der Schächer bekenne ich vor Dir:</em></p><p><em>Gedenke meiner, o Herr, wenn Du in Dein Reich kommst.</em></p><p><em>Gedenke meiner, o Gebieter, wenn Du in Dein Reich kommst.</em></p><p><em>Gedenke meiner, o Heiliger, wenn Du in Dein Reich kommst.“</em></p><p class="Dachzeile1">Ehrfurcht und tiefe innere Ergriffenheit sprechen aus diesem Gebet. Angesichts der Vereinigung mit dem Herrn in der Kommunion bittet die ganze Gemeinde darum, würdig zum Altar hintreten zu dürfen. Im Gegensatz zum Apostel Judas, der zum Verbrecher wurde und den Herrn verraten hat, orientiert sich die Gemeinde am rechten Schächer. Aus dem Verbrecher wurde in der letzten Minute ein Heiliger. Mit ihm fleht die ganze Gemeinde: Gedenke meiner, o Herr, wenn Du in Dein Reich kommst.</p><p>In diesem Geist der Ehrfurcht wollen wir nun die Heiligen um ihren Beistand anrufen und diesen neuen Altar weihen. Er sei der Ort unserer Zuflucht, unserer Gebete und unserer Danksagung. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Bad Kissingen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68528</guid><pubDate>Thu, 06 Nov 2025 13:52:35 +0100</pubDate><title>„Gottes Wille ist immer Wille zum Heil“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/gottes-wille-ist-immer-wille-zum-heil/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung zum Diözesanen Priestertag am Montag, 3. November 2025, im Würzburger Neumünster</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p>etwas vom Schönsten, was ich persönlich seit meiner Münchner Studienzeit mit der Person Pater Rupert Mayers verbinde, ist das Gebet, das in der Bürgersaalkirche in München immer auslag und noch ausliegt. Ich möchte dieses Gebet am heutigen Priestertag mit Ihnen gemeinsam meditieren. Es lautet:</p><p><em>Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n,</em></p><p><em>und wie Du willst, so will ich geh’n,</em></p><p><em>hilf Deinen Willen nur versteh’n.</em></p><p><em>Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,</em></p><p><em>und wann Du willst, bin ich bereit,</em></p><p><em>heut und in alle Ewigkeit.</em></p><p><em>Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,</em></p><p><em>und was Du willst, ist mir Gewinn,</em></p><p><em>genug, dass ich Dein eigen bin.</em></p><p><em>Herr, weil Du’s willst, drum ist es gut,</em></p><p><em>und weil Du’s willst, drum hab‘ ich Mut,</em></p><p><em>Mein Herz in Deinen Händen ruht!</em></p><p>Eingängig ist das Gebet durch die Reimform, in der alle vier Strophen gehalten sind. Die gereimten Strophen lassen sich gut memorieren. Schön ist das Gebet durch die formale Gleichgestaltung der vier Strophen. Jede Strophe hebt an mit der Anrufung Gottes als Herr des Lebens. Der Beter unterstreicht damit die Souveränität Gottes, dessen Wille ihm Befehl ist, dem er bedingungslos entsprechen möchte.</p><p>Biblisch klingt in dem Gebet die Ölbergszene an: Wir könnten uns Jesus als Betenden vorstellen, der in der Agonie darum ringt, sich den Willen des Vaters zu eigen zu machen. „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, betet Jesus (Mt 26,39), genauso wie er es zuvor seine Jünger in der Übergabe des „Vater-Unser“ gelehrt hatte (Mt 6,10).</p><p>Auf den ersten Blick mutet das Gebet fatalistisch an. Es klingt nach totaler Schicksalsergebenheit. Aber der erste Eindruck täuscht. Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass der Beter sich nicht einfach passiv in sein Los schickt. Über alle Schicksalsergebenheit dominiert sein Gottvertrauen. Er weiß sich in den Händen des himmlischen Vaters geborgen. Er weiß im Innersten, dass der Vater im Himmel es gut mit ihm meint.</p><p>Dieses Gottvertrauen bildet die Grundlage für seine Bereitschaft, aus den Händen des himmlischen Vaters das entgegenzunehmen, was für ihn bestimmt ist. Aus diesem Gottvertrauen gewinnt der Beter die Zuversicht, die Herausforderungen, die das Leben für ihn bereithält, auch meistern zu können. Schauen wir uns die vier Gebetsstrophen kurz an. Ich möchte sie im Folgenden im Blick auf die Grundhaltungen des geistlichen „Empowerments“ auslegen, wie sie der Pastoralpsychologe Christoph Jacobs wiederholt dargelegt hat.</p><p><em>Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n,</em></p><p><em>und wie Du willst, so will ich geh’n,</em></p><p><em>hilf Deinen Willen nur versteh’n.</em></p><p>Mein Leben verläuft gerade anders als von mir geplant. Der Beter lehnt sich aber nicht dagegen auf. In Anlehnung an die Worte der Gottesmutter nach der Verkündigung Gabriels sagt er: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Das Neue ist eine Zäsur, vielleicht auch das abrupte Ende des bisherigen Lebensabschnitts. Für den Beter wird aber dieses Ende zum Neubeginn. Ich habe es mir nicht ausgesucht, aber ich will diesen Weg nun gehen, der sich vor mir unerwartet aufgetan hat. Das Einzige, was er erbittet, ist ein vertieftes Verständnis dessen, was da jetzt auf ihn zukommt. Entsprechend der Bitte des heiligen Augustinus, „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst“ („Da quod iubes et iube quod vis“ Conf. X.29).</p><p>„Ambiguitätstoleranz“ heißt das Zauberwort in der aktuellen Debatte der Pastoralpsychologie. Ambiguitätstoleranz braucht es in neuartigen Situationen, die nicht nur kompliziert sind, sondern komplex. Das heißt, es gibt keine einfachen oder eindimensionalen Lösungen, sondern hier passiert etwas ganz Neues, das uns eine Reaktion auf unterschiedlichen Ebenen abverlangt. Das gilt auch und vor allem für Situationen, die teilweise oder ganz unlösbar erscheinen. Es geht nicht darum, sich auftuende Schwierigkeiten kleinzureden oder dem Einzelnen die komplette Verantwortung für eine Lösung aufzubürden. Als innere Haltung aber hilft die Ambiguitätstoleranz, nicht sofort einen Rückzieher zu machen und aufzugeben, bevor noch der erste Schuss gefallen ist. Maria kann hier Vorbild sein als erste Glaubende in einer scheinbaren Situation totaler Überforderung. Ihr Ja trägt auch uns bis heute.</p><p><em>Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,</em></p><p><em>und wann Du willst, bin ich bereit,</em></p><p><em>heut und in alle Ewigkeit.</em></p><p>Der Ruf Gottes trifft Menschen oft unvorbereitet. Sie haben sich den Zeitpunkt nicht ausgesucht. Die Zeitpläne von Menschen werden gehörig durcheinandergebracht. Mose, Jesaja und Jeremia begehren auf gegen den Ruf. Sie führen an, sie wären noch nicht so weit. Aber Gott lässt nicht locker. Umgekehrt erstaunt es immer wieder, wenn wir lesen, dass die ersten Jünger und Levi am Zoll keine Sekunde gezögert hätten, dem Ruf in die Nachfolge zu gehorchen.</p><p>Der Beter versichert jedenfalls, er sei bereit, sich unterbrechen zu lassen. Er macht nicht einfach seinen Stiefel weiter wie bisher, sondern signalisiert, neu aufbrechen zu wollen. Er spürt, dass „die Zeit erfüllt ist“ (Mk 1,15), dass etwas Neues ansteht, das sein Recht einfordert.</p><p>Gerade im aktuellen Umbruch stehen wir immer wieder vor der bedrängenden Frage: Wann ist es Zeit, einen Einschnitt zu setzen? Wann geben wir dem Neuen eine Chance? In unserem persönlichen Leben, aber auch im Leben der Gemeinden? Wann ist der gute Zeitpunkt gekommen, an dem es allen passt? Aus Erfahrung wissen wir: Diesen guten Zeitpunkt wird es so nie geben. Klar, manchmal passt es besser. Oft aber sind wir gefordert, einen Cut zu machen. Die „Unsicherheitstoleranz“ bewahrt uns davor, uns lähmen zu lassen vor einem Neustart, auch wenn niemand uns genau sagen kann, was uns erwartet. Sie glaubt an die Gnade des Rufes, auch wenn er uns scheinbar zur Unzeit erreicht.</p><p><em>Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,</em></p><p><em>und was Du willst, ist mir Gewinn,</em></p><p><em>genug, dass ich Dein eigen bin.</em></p><p>Nehmen, wie es kommt. Nehmen, was kommt. Das gehört zur geistlichen Lebenskunst. „Gell, Herr Kaplan, wir nehmen’s wie’s kommt“, so hat immer eine alte Dame zu mir gesagt an meiner ersten Kaplansstelle. Ein weises Wort. Man kann natürlich auch die Annahme verweigern, wenn es einem nicht in den Kram passt. Man kann ignorieren, was da kommt. Man kann die Augen verschließen vor dem, was da ansteht. Man kann versuchen, es wegzuschieben. Aber man wird es trotzdem nicht los. Da ist es am Ende doch besser, es anzunehmen. Auch wenn ich noch nicht weiß, was ich damit anfangen soll.</p><p>Die „Selbstwirksamkeitserwartung“ bestärkt einen in dem Glauben, dass das, was kommt, kein Verlustgeschäft ist. „Was du willst, ist mir Gewinn“, sagt der Beter. Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber ich traue mir zu, das Beste daraus zu machen. Ihm genügt zu wissen, bei Gott geborgen zu sein. Die multiplen Krisen der vergangenen Jahre haben in mir so manches Mal Zweifel aufkommen lassen, ob das alles wirklich Gewinn ist, womit man sich als Bischof herumschlagen muss. Aber die Erfahrung lehrt immer neu, dass man an den Herausforderungen auch wachsen kann. Den Gewinn kann man nicht immer gleich verbuchen. Aber allein der Herausforderung nicht ausgewichen zu sein, steigert die Selbstwirksamkeitserwartung und rüstet für neue Aufgaben.</p><p><em>Herr, weil Du’s willst, drum ist es gut,</em></p><p><em>und weil Du’s willst, drum hab‘ ich Mut,</em></p><p><em>Mein Herz in Deinen Händen ruht!</em></p><p>Am Ende des Gebets geht es nicht mehr um das Wie, das Wann oder das Was. Am Ende wendet sich der Blick zurück auf Gott selbst. Weil er es will, darum ist es gut. Darum muss es gut sein. Kein blindes Schicksal waltet hier. Keine Willkürgottheit schickt sich an, den menschlichen Willen zu brechen. Nein, der Vater im Himmel ist am Werk. Er kann nur das Beste wollen. Sein Wille ist immer Wille zum Heil.</p><p>Diese innere Einstellung korrespondiert mit dem sogenannten „Kohärenzgefühl“. Mit Kohärenzgefühl beschreibt man die Zuversicht, dass das, was auf mich zukommt, nicht willkürlich über mich kommt, sondern grundsätzlich verstehbar ist. Weil ich es einordnen kann, traue ich mir auch zu, es anzupacken. Mich trägt die Überzeugung, dass es im Letzten Sinn hat, auch wenn sich dieser nicht unmittelbar erschließen mag. Neues und Unerwartetes wird uns in der derzeitigen kirchlichen Situation oft abverlangt. Dass dieses Neue uns kohärent erscheint, uns stimmig anmutet, trotz aller Unwägbarkeiten, ist immer auch Gegenstand unseres Betens, so wie es uns Pater Rupert Mayer hier vormacht.</p><p>Ich erinnere mich gut, wie ich dieses Gebet in der Bürgersaalkirche gefunden habe. Mich hat es damals sofort angesprochen. Seitdem ist es mein Begleiter, auch und gerade in schwierigen Situationen. Auch am Kranken- und Sterbebett habe ich es oft gebetet und gespürt, wie diese Worte die Menschen tief berühren. Sicher, Probleme müssen gelöst werden, und als Bischof bemühe ich mich um Lösungen. Neben den Bemühungen um Lösungen gehört aber auch eine geistliche Haltung dazu, gut mit den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten unserer Zeit umzugehen. Das Gebet Pater Rupert Mayers (SJ) kann dazu eine Hilfe sein. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.</p><p>Zugleich danke ich allen für Ihren Dienst und Ihre Treue in diesen bewegten Zeiten. Ich freue mich, dass wir heute in so großer Zahl uns zusammengefunden haben, uns in unserem Dienst bestärken zu lassen. Das ist ein ermutigendes Zeichen des Miteinander. Denn die Gemeinschaft stärkt uns auf unserem Weg. Danke!</p><p><em>Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n,</em></p><p><em>und wie Du willst, so will ich geh’n,</em></p><p><em>hilf Deinen Willen nur versteh’n.</em></p><p><em>Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,</em></p><p><em>und wann Du willst, bin ich bereit,</em></p><p><em>heut und in alle Ewigkeit.</em></p><p><em>Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,</em></p><p><em>und was Du willst, ist mir Gewinn,</em></p><p><em>genug, dass ich Dein eigen bin.</em></p><p><em>Herr, weil Du’s willst, drum ist es gut,</em></p><p><em>und weil Du’s willst, drum hab‘ ich Mut,</em></p><p><em>Mein Herz in Deinen Händen ruht!</em></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-67758</guid><pubDate>Mon, 29 Sep 2025 10:37:39 +0200</pubDate><title>Die drei Dimensionen der einen Eucharistie</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/die-drei-dimensionen-der-einen-eucharistie/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Gottesdienst zum Dreihostienfest in Kloster Andechs am Sonntag, 28. September 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Lieber Abt Johannes,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><h3>Die Sendung der – und nicht „mit der“ – Maus</h3><p>Eine Maus war es, die der Überlieferung nach die Erinnerung an das Heiltum in Andechs wiederbelebte. Denn die Maus habe ein Verzeichnis mit den Reliquien ans Tageslicht befördert. Daraufhin erst habe man in Andechs begonnen, nach dem vergessenen Heiltum zu suchen und habe es dann im Jahre 1388 glücklicherweise wiedergefunden. Es war also die Sendung der Maus und nicht „die Sendung mit der Maus“. Denn manchmal bedient sich Gott auch der unvernünftigen Kreatur, um den Menschen wieder zur Vernunft zu rufen.</p><h3>Traditionsvergessenheit als Gefahr</h3><p>Warum ist mir diese Episode so wichtig? Weil wir immer wieder achtlos mit unseren religiösen Schätzen und kirchlichen Traditionen umgehen. Weil es vorkommt, dass vieles, was früheren Generationen hoch und heilig war, in späteren Zeiten einfach in Vergessenheit gerät und abhandenkommt. Das gilt in unserer schnelllebigen Zeit umso mehr, die - nicht nur in der Kirche – radikale Traditionsabbrüche verzeichnet. Der derzeit grassierende Vandalismus an und in Kirchen ist erschreckend und zeugt von der Respektlosigkeit und Traditionsvergessenheit unserer Tage. Umso schöner ist es, dass Sie alle als Wallfahrerinnen und Wallfahrer die Verehrung des Heiltums in Andechs hochhalten und die Wallfahrt durch ihr Mitwallen und Mitbeten beleben. Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen!</p><h3>Die Wallfahrt im Heiligen Jahr und der Jubiläumsablass</h3><p>Ich tue das besonders gerne in diesem Heiligen Jahr! Denn auch die erste große Wallfahrt zum Andechser Heiltum fand in einem Heiligen Jahr statt. Herzog Stephan III. hatte sich nämlich von Papst Bonifaz IX. das Privileg erwirkt, auch in München 1392 ein Heiliges Jahr abhalten zu dürfen. So mussten die Gläubigen nicht nach Rom pilgern, sondern konnten vor Ort ihren Glauben erneuern. Durch die Gewährung des Jubiläumsablasses wurden sie dazu ermutigt, ihr Leben neu an Christus auszurichten und von ganzem Herzen umzukehren.</p><p>Gleiches gilt in diesem Heiligen Jahr, für das Papst Franziskus den Jubiläumsablass gewährt hat. Neben der Wallfahrt erwirbt ihn jeder, der beichtet, der an der Heiligen Messe teilnimmt, und der in der Meinung des Heiligen Vaters betet. So dient auch dieses Heilige Jahr dazu, den Glauben grundlegend zu erneuern.</p><p>Die Andechser Kirchenmaus freut sich jedenfalls, wenn ihre Mission nicht vergebens war…</p><h3>Die Verehrung der drei Hostien</h3><p>Doch jetzt zur Verehrung der drei Hostien. Herzstück der Heiltumswallfahrt ist die Monstranz mit den drei kostbaren Hostien. Als Abt Johannes mich vor einiger Zeit einlud, nach Andechs zum Dreihostienfest zu kommen, da dachte ich bei mir:</p><p>Oh, was ist das? Drei Hostien?</p><p>Normalerweise wird an Fronleichnam doch nur eine Hostie verehrt! Wieso drei?</p><p>Und warum? Wieso drei, ist schnell gesagt. Weil zwei Hostien von Papst Gregor dem Großen als kostbare Schätze überliefert wurden und eine Hostie aus der Zeit von Papst Leo IX. stammt. Und warum verehrt man diese drei Hostien?</p><p>Weil die drei Hostien die drei Dimensionen der einen Eucharistie versinnbilden. Das möchte ich mit Ihnen meditieren.</p><h3>Die erste Hostie steht für die Lebenshingabe Jesu Christi</h3><p>Die erste Hostie, so könnte man sagen, steht in unserer Betrachtung des heutigen Festgeheimnisses für das Lebensopfer Jesu Christi. <em>„Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“</em>, hatte Jesus gesagt (Joh 6,51). Jesus ist nicht nur ein Mensch. Er ist der Sohn Gottes. Er ist „wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich“. Daran erinnern wir uns besonders in diesem Jahr, in dem wir des Konzils von Nizäa gedenken, das diese Wahrheit vor 1700 Jahren formuliert hat.</p><p>Als er daher am Abend vor seinem Tod seinen Jüngern das Brot bricht und den Kelch teilt, nimmt er zeichenhaft vorweg, was am nächsten Tag auf Golgotha passiert. Der Gottmensch stirbt am Kreuz. Mit dem Gottmenschen Jesus Christus steigt Gott selbst mit uns Menschen in die tiefste Gottverlassenheit des Todes hinab. Nur dadurch kann er die Macht des Todes ein für alle Mal brechen und den Tod in neues Leben bei Gott verwandeln.</p><p>Was sich auf Golgotha ereignet und am Ostermorgen in der Auferstehung vollendet, ist nicht nur ein historisches Ereignis. Tod und Auferstehung Jesu Christi sprengen den Rahmen von Raum und Zeit. Das Heil, das uns Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch erworben hat, wird von Gott allen Menschen zu allen Zeiten angeboten. Den auferstandenen Herrn erkennen die Jünger daran, dass er ihnen das Brot bricht. So ist Christus in den eucharistischen Gaben bei uns bis ans Ende der Zeit (Mt 28,20). In ihnen ist uns das Heil verbürgt.</p><h3>Die zweite Hostie steht für die Feier der Eucharistie</h3><p>Die zweite Hostie steht für die Feier der Eucharistie. „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ So hatte Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie seinen Jüngern aufgetragen (1Kor 11,24). Die Kirche hält diesen Auftrag heilig. In jeder Feier der Eucharistie wird das Lebensopfer Jesu vergegenwärtigt. Die Feier der heiligen Messe fügt dem einen Opfer des Herrn nichts hinzu. Sie heiligt vielmehr alle Zeiten. Wir feiern sie bis zur Wiederkunft des Herrn.</p><p>Nicht umsonst singen wir nach dem Einsetzungsbericht:</p><p><em>„Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du wiederkommst in Herrlichkeit.“</em></p><p>Durch die Feier der Eucharistie hält der Herr in seiner Kirche das Gedenken an die Erlösungstat Jesu Christi wach. Wenn beim heutigen Fest die drei Hostien wie Reliquien verehrt werden, dann sind das nicht irgendwelche Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen. Wie alle Reliquien wollen sie nicht nur an Vergangenes erinnern. Sie wollen den Kontakt zu den Heiligen oder hier den Kontakt zu Jesus Christus als dem Heiligen in der Gegenwart sicherstellen. Insofern sind die drei Hostien nicht nur irgendwelche Erinnerungsstücke. Sie zeigen uns vielmehr, dass Christus in der Eucharistie „wahrhaft, wirklich und substanzhaft“ in unserer Mitte gegenwärtig ist, wie es das Konzil von Trient gesagt hat (KKK 1374). Deshalb verehren wir diese drei so besonderen Reliquien.</p><p><em>„Denkmal, das uns mahnet an des Herren Tod!<br />Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot.<br />Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du,<br />dass er deine Wonnen koste immerzu.“</em></p><p>So hat Thomas von Aquin in seinem Hymnus „Gottheit tief verborgen“ gedichtet. Die Eucharistie ist lebendiges Denkmal, ist lebendige Reliquie des lebendigen Herrn. Ihm wollen wir uns immer tiefer verbinden in der Anbetung und im Lobpreis. Er soll uns Nahrung werden für Leib und Seele.</p><h3>Die dritte Hostie steht für die Lebenshingabe der Gläubigen</h3><p>Die dritte Hostie steht für die Lebenshingabe der Gläubigen, so könnte man sagen. „<em>Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen - als euren geistigen Gottesdienst.“</em> So schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom (Röm 12,1).</p><p>In der Aufforderung, selbst lebendige Opfergabe in Christus zu werden, kommt das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen zum Ausdruck. Wir alle, die wir teilhaben an dem einen Opfer des Herrn, sollen in Christus unser Leben an die Schwestern und Brüder verschenken. Als Gewandelte sollen wir mitwirken an der großen Verwandlung der Welt.</p><p>Wie nötig das ist, erfahren wir in unseren Tagen. Angesichts zunehmender Polarisierung sollen wir auf Ausgleich bedacht sein und nicht noch mehr spalten. Denn Christus ruft uns zur Einheit. Angesichts von zunehmender Gewalt sollen wir auf Frieden hinwirken und nicht die Gewalt vermehren. Denn Christus schenkt uns einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. Angesichts von Ausgrenzung sollen wir daran erinnern, dass wir in Christus alle Schwestern und Brüder sind. Denn <em>„Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“</em>, mahnt uns der Herr (Mt 25,40). In unserem Opfer kommt das Opfer Christi zu Vollendung. Denn so macht uns der Herr zu lebendigen Gliedern an seinem Leib.</p><h3>Drei Hostien, aber nur ein einziges Opfer</h3><p>Drei Hostien werden verehrt, aber dennoch ist es nur der eine Leib Christi.</p><p>Drei Hostien werden gezeigt, aber dennoch ist es nur das eine Opfer.</p><p>Drei Hostien sind es, aber dennoch ist es nur das eine Brot. Dieses eine Brot, von dem die Chrysostomos-Liturgie so wunderbar bekennt: Dieses eine Brot,</p><p><em>„das immerdar gebrochen, aber niemals zerteilt wird,<br />das immerdar gegessen und doch nie aufgezehrt wird.“</em></p><p>Die drei Hostien bezeichnen also nicht drei verschiedene Brote. Sondern sie zeigen nur die drei verschiedenen Seiten des einen Opfers Jesu Christi. Deshalb werden sie auch nicht in drei Monstranzen gezeigt, sondern in einer einzigen Monstranz.</p><p>Das macht für mich die Bedeutsamkeit und Schönheit des Dreihostienfestes aus.</p><p>Möge der Blick auf die drei Hostien unseren Glauben mehren an Christi Erlösungstat, unsere Hoffnung auf die endgültige Verwandlung der Welt wachhalten und unsere Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern entzünden. Das wünsche ich mir und uns allen in diesem Heiligen Jahr. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-67644</guid><pubDate>Sun, 21 Sep 2025 11:00:00 +0200</pubDate><title>Appell zur Solidarität mit den Leidenden</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/appell-zur-solidaritaet-mit-den-leidenden/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Gottesdienst zur Eröffnung des Gedenkens an 500 Jahre Riemenschneider-Altar in Maidbronn am Sonntag, 21. September 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Lieber Domkapitular Gabel,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><em><strong>Die Beweinung Christi als persönliche Erinnerung Riemenschneiders</strong></em></p><p>Das letzte bekannte Steinbildwerk Tilman Riemenschneiders hat die Kreuzabnahme und die Beweinung Christi zum Thema. Zwischen 1523 und 1526 habe „Meyster Dyln“, wie Riemenschneider seinerzeit genannt wurde, dieses Werk geschaffen – so vermuten zumindest die Fachleute. Somit fällt die Fertigstellung des Altares in eine Zeit, die biographisch für Riemenschneider äußerst einschneidend war, die Zeit des Bauernkriegs nämlich, auf dessen 500. Wiederkehr wir in diesem Festjahr auch noch zurückschauen.</p><p>Denn Riemenschneider war nicht nur ein hochangesehener Bildhauer, sondern auch ein gut beleumdeter Ratsherr in Würzburg. Sein Lebensabend ist auf tragische Weise mit den Ereignissen des Bauernkriegs in Würzburg verknüpft. Darf man vermuten, der Meister habe seine Erfahrungen im Bauernkrieg in diesem seinem letzten steinernen Bildwerk reflektiert? Der Zeitansatz zwischen 1523 und 1526 lässt dies zumindest denkbar erscheinen.</p><p><em><strong>Der Gedenktag „Mariä Schmerzen“ als „Schmerzgedächtnis der Kirche“</strong></em></p><p>Diesem Gedanken, der mich persönlich fasziniert, möchte ich in meinen heutigen Ausführungen nachgehen. Ich tue das unter Bezugnahme auf den Gedenktag der Schmerzen Mariens, den wir heute liturgisch feiern. Dieser Gedenktag ist für mich so etwas wie das „Schmerzgedächtnis der Kirche“.</p><p>Der Begriff des „Schmerzgedächtnisses“ ist angelehnt an die medizinische Beobachtung, dass menschliche Schmerzrezeptoren sehr schnell lernen. Hält ein akuter Schmerz über längere Zeit an, brennt sich der Schmerz gewissermaßen in das Gedächtnis der Nervenzellen ein. Aus dem akuten Schmerz entwickelt sich ein langanhaltender, chronischer Schmerz.</p><p>Das Bild der schmerzensreichen Mutter von Maidbronn zeigt uns den menschlichen Schmerz, der sich seit der Passion Jesu und dem Leid seiner Mutter unvergesslich – gewissermaßen chronisch – in die Heilsgeschichte und die Geschichte der Kirche eingeschrieben hat. Von daher scheint es mir nicht abwegig zu sein, anzunehmen, Tilman Riemenschneider habe auch sich selbst mit seinen eigenen schmerzlichen Erinnerungen in diesem Bild wiedergefunden.</p><p>Um welche Schmerzen es sich dabei gehandelt hat, erfahren wir von seinem Kollegen im Stadtrat, dem damaligen Stadtschreiber Martin Cronthal, der uns eine detailreiche und beklemmende Darstellung der Bauernkriegsereignisse hinterlassen hat. Man liest sie bis zum heutigen Tag atemlos wie einen Krimi, weil er höchst anschaulich schildert, was die Menschen, die Verantwortungsträger im Stadtrat zumal, in den Wirren ihrer Zeit durchzustehen hatten. Drei dieser schmerzlichen Erinnerungen möchte ich heute benennen.</p><p><em><strong>Die Ohnmacht angesichts sich überstürzender Ereignisse</strong></em></p><p>Eine erste schmerzliche Erinnerung bezieht sich auf die Ohnmacht des Stadtrats angesichts der Bedrohung Würzburgs durch die Bauern. Cronthal erzählt, wie der Stadtrat anfänglich meinte, die Geschicke der Stadt in den Händen zu haben und die brenzlige Situation meistern zu können. Doch die Ratsmitglieder mussten schnell lernen, dass sich die Ereignisse überschlugen und ihnen die Zügel zusehends entglitten. Gerüchte über die Kriegsvorbereitungen des Fürstbischofs machten die Runde. Hans Bermeter aus dem Hauger Viertel wiegelte systematisch die ärmere Stadtbevölkerung gegen den Rat auf. Berichte über die militärischen Erfolge der Bauern im Odenwald weckten Hoffnungen auf einen baldigen Umsturz. Resigniert notiert der Stadtschreiber: „Nun das Rad gieng und lief alleweil und kunntens nit halten“ (Cronthal S. 46).</p><p>„Und kunntens nit halten“ – es gab kein Halten mehr. Die Eskalation der Gewalt nahm ihren Lauf und war nicht mehr zu bremsen. Das Rad lief nicht nur, sondern am Ende kamen alle unter die Räder, die durch anhaltende Agitation gemeint hatten, eine gewaltsame Veränderung der Verhältnisse herbeiführen zu können. Für vernünftige Überlegungen war kein Raum mehr.</p><p>Wahrscheinlich sind uns solche Erfahrungen nicht unbekannt. Noch meinen wir, wir könnten die Dinge lenken und hätten das Steuer in der Hand. Doch bald müssen wir einsehen, nicht mehr Herr der Lage zu sein, sondern nur noch Getriebene, die ahnen, dass es kein gutes Ende nehmen wird. Die Ohnmacht, sehenden Auges ins Unglück zu rennen, sind unerträglich. Wie in der Passion Christi übernimmt das Böse das Ruder und führt ins Verderben.</p><p>Das Schmerzgedächtnis und die Erfahrung erlittener Ohnmacht im Leben, sie werden im Maidbronner Altar eindrücklich dargestellt im leeren Blick des Jüngers Johannes, der in die Ferne schaut und zugleich seine Hand behutsam, ja gedankenverloren, auf den Arm Mariens legt. Auch die beiden Frauenfiguren am Bildrand – rechts wohl Maria von Magdala – wenden sich von der Bildmitte ab, um sich den Anblick des Leichnams des Herrn und seiner trauernden Mutter zu ersparen. Es gehört zu den Schmerzen Mariens und den Schmerzen der Kirche, Zeugen schlimmer Entwicklungen zu sein, ohne diese aufhalten zu können. Im Los der Gottesmutter hat sich wohl auch Meister Tilman gut wiederfinden können.</p><p><em><strong>Die Qualen ungerechter Folter</strong></em></p><p>Eine zweite schmerzliche Erinnerung bezieht sich auf das Strafgericht, das nach der Niederschlagung des Bauernaufstands über Würzburg hereinbrach. Die Stadt hatte sich auf „Gnad und Ungnad“ dem Fürstbischof zu ergeben (Fries I S. 332). Martin Cronthal berichtet, wie man ihn zusammen mit Riemenschneider und 40 anderen Gefangenen in ein Turmverließ auf der Festung Marienberg sperrte. Mit zwei anderen Gefangenen sei Riemenschneider dann vom Henker „hart gewogen und gemartert worden“ (Cronthal S. 91). Das heißt, man hat ihnen die Arme auf dem Rücken zusammengebunden, sie daran hochgezogen und gefoltert. Zum Glück möchte man sagen, denn zeitgleich wurden viele andere einfach geköpft, ohne dass man ihnen zuvor den Prozess gemacht hätte – ein Schicksal, dem Riemenschneider und seine Mitgefangenen tagtäglich ins Auge sehen mussten. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie diese traumatischen Wochen im Festungskerker ihre Spuren im Leben des Meisters hinterlassen haben.</p><p>Das ungerechte Leiden findet im überdimensionalen Leichnam Christi seinen beredten Ausdruck im Maidbronner Altar. Die mittelalterliche Bedeutungsgröße unterstreicht den Hauptakteur, Christus selbst. Er, der Gerechte, hat für die Ungerechten gelitten. Durch seine Wunden sind die Wunden der Welt geheilt, wie es so eindrücklich im Ersten Petrusbrief heißt (1Petr 2,24). Hat Tilman Riemenschneider sich an diesem Anblick festhalten können? Konnte er seine Leiden als Mitleiden mit dem Meister und Herrn verstehen? Konnte er mit dem Apostel Paulus im Kolosserbrief gar sagen, er ergänze „in seinen Leiden, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt an seinem Leib, der die Kirche ist“ (Kol 1,24)? Wir wissen es nicht.</p><p>Es berührt mich jedenfalls, wenn die Kunsthistoriker sagen, in der Figur des Nikodemus in der Bildmitte direkt unter dem Kreuz des Maidbronner Altares habe sich Tilman Riemenschneider selbst dargestellt. Denn dieser Nikodemus, der in der Tat die Züge Riemenschneiders trägt, hält ein großes Gefäß in den Händen, gefüllt mit kostbarem Öl, um den geschundenen Leib Christi einzubalsamieren. Es ist, als ob der Meister sagen wollte: Seht her, ich selbst will mithelfen, die geschlagenen Wunden zu heilen, ich, der auch ich in das Unglück verwickelt war, das nun über uns alle gekommen ist. Ein tröstlicher Gedanke. Die geschlagenen Wunden zu heilen ist unser aller Auftrag als Kirche. Das Schmerzgedächtnis hält dazu an, die Leidenden nicht aus den Augen zu verlieren, sondern sich ihrer anzunehmen und ihre Schmerzen zu lindern, soweit wir es vermögen.</p><p><em><strong>Die Bitterkeit über die ungerechte Wiederherstellung der ohnehin ungerechten Verhältnisse</strong></em></p><p>Eine dritte schmerzliche Erinnerung bezieht sich auf die sogenannte „Brandschatzung“ des Fürstbischofs nach dem Bauernaufstand. Der Fürstbischof bereiste das Hochstift mit einer Kommission, die die Schäden durch Brände und Plünderungen aufnahm und zugleich die Kosten zur Wiedergutmachung festsetzte. Dabei ging es jedoch nicht um Ausgleich und Wiederherstellung, wie man zunächst gehofft hatte. Im Gegenteil. Die Brandschatzung führte dazu, dass oftmals weitaus höhere Kosten in Rechnung gestellt wurden als zur Behebung der tatsächlichen Schäden vonnöten gewesen wären.</p><p>Bitter vermerkt Cronthal in seiner Chronik: „und so wurd jedoch manchs haus, schloss und entwende fahrnus weit, weit höher angeschlagen, dann sie in grund und boden werth gewesen, und in summa manchem sein alte, zerissene rattennester dermassen geschetzt, (…) dass er und etliche seiner vorfahren nie so viel gehabt (…).“ (Cronthal S. 111-112)</p><p>Gerechtigkeit sieht anders aus. Anstatt die früheren Verhältnisse, die ohnehin bedrückend waren, wiederherzustellen, wurden sie noch weiter verschlimmert. Am Ende bot sich ein niederschmetterndes Bild der Lebenssituation der Menschen. Auf einen neuen Aufbruch hatten sie gehofft. Nun sahen sie sich um ihre Hoffnungen vollends betrogen.</p><p>Die gefühlte Trostlosigkeit wird in der Figur Mariens anrührend in Szene gesetzt. Die Gottesmutter hält zaghaft und zugleich hilflos den leblosen Arm ihres Sohnes, der sich noch im Tod von ihr abwendet. Die verstörten Blicke der anderen Personen sprechen Bände. In der Tat, jeder der schon einmal prozessiert hat, weiß, dass es auf Erden keine vollkommene Gerechtigkeit gibt. Dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Recht haben und Recht bekommen. Auch das gehört zu den schmerzlichen Erfahrungen der Kirche und in der Kirche.</p><p>Dennoch warnt der Apostel Paulus vor der Neigung, sich mit Gewalt Recht zu verschaffen, wenn er im Römerbrief schreibt: „Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12, 19-21). Besiege das Böse durch das Gute, weil auch Christus das Böse durch seine Güte und Barmherzigkeit besiegt hat. Auch daran mahnt uns das Schmerzgedächtnis der Kirche.</p><p><em><strong>Der Altar als Appell zu weltweiter Solidarität mit den Leidenden</strong></em></p><p>Ich habe versucht, den Maidbronner Altar als Ausdruck der schmerzlichen Erinnerungen zu deuten, die Tilman Riemenschneider prägten im Blick auf die Ereignisse des Bauernkriegs. Ohnmacht, Folter und Ungerechtigkeit – das waren nicht nur seine Erfahrungen. Was er erlebte, durchleben momentan ungezählte Menschen weltweit in den Kriegs- und Krisengebieten unserer Erde. Sein Altar wird zur Mahnung, diese Menschen nicht zu vergessen. Ihnen Solidarität zu bezeugen in ihrem Schmerz, ist der Appell, der von Riemenschneiders letzten Steinbildwerk ausgeht und der uns heute noch unmittelbar erreicht – heute an dem Tag, an dem wir der Schmerzen Mariens und der ganzen Kirche gedenken. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Würzburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-67467</guid><pubDate>Mon, 15 Sep 2025 08:26:08 +0200</pubDate><title>„Zieh uns an dich, denn dann werden wir gerettet“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/zieh-uns-an-dich-denn-dann-werden-wir-gerettet/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung zum Ordensfest der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem auf dem Kreuzberg am Sonntag, 14. September 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Liebe Consorores, liebe Confratres,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><h3>Der Jubiläumsablass im Heiligen Jahr</h3><p>Jedes Heilige Jahr versteht sich als Einladung zur persönlichen Umkehr. Um zur Umkehr zu ermutigen, hat der Heilige Vater auch in diesem Heiligen Jahr den Jubiläumsablass verkündet. In unserem Bistum habe ich als Ortsbischof drei besondere Hoffnungsorte benannt, an denen dieser Ablass erlangt werden kann: nämlich hier in der Kloster- und Wallfahrtskirche auf dem Kreuzberg, im Franziskanerkloster in Würzburg sowie in der Kapuzinerkirche in Aschaffenburg.</p><p>Doch was heißt das: den Jubiläumsablass gewinnen? Und ist das Thema Ablass nicht ein für allemal diskreditiert, nachdem Martin Luther gegen den Ablasshandel wirkmächtig zu Feld gezogen ist? Was versteht die Kirche unter „Ablass“, so dass sie auch heute noch den Gläubigen diesen Ablass als Hilfe zur geistlichen Erneuerung in Aussicht stellt? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen.</p><h3>Die verfehlte Ablasspraxis</h3><p>Martin Luther wandte sich zurecht gegen die spätmittelalterliche Ablasspraxis. Dem Sünder wurde von der Kirche in Aussicht gestellt, sich um seines persönlichen Heiles willen schnell und unkompliziert durch die Zahlung einer bestimmten Summe von der Sündenstrafe freizukaufen. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt“ – so hieß der Merkspruch, der sich mit der damaligen Ablasspraxis verbunden hat. Der florierende Ablasshandel wurde weithin zum Ärgernis, weil der Eindruck entstand, dass sich die Kirche an der Seelennot der Einzelnen maßlos bereicherte und somit deren Notlage schamlos ausnutzte. Gegen diese Praxis regte sich verständlicherweise Widerstand.</p><h3>Der Ablass ist kein Handel</h3><p>Deshalb bleibt festzuhalten: der Ablass ist kein Handel. Niemand kauft oder verkauft das Heil, schon gar nicht die Kirche. Im Gegenteil. Christus hat uns freigekauft von der Macht der Sünde. „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat“ (Kol 2,14), wie es so eindrücklich im Kolosserbrief heißt. Genau daran erinnern wir uns heute am Fest Kreuzerhöhung auf dem Kreuzberg. Christus hat keine neuen Schuldscheine ausgestellt, die wir bezahlen müssten. Er hat die Schuld der Welt vollends auf sich genommen und in neues Leben gewandelt. Das ist der wunderbare Tausch („admirabile commercium“), von dem die Liturgie kündet.</p><h3>Der Ablass ersetzt nicht die persönliche Beichte</h3><p>Dieses Heil können wir nicht erwerben, schon gar nicht kaufen. Dieses Heil muss uns zugesprochen werden. Wir können es uns nicht selbst sagen. Deshalb bedarf es der sakramentalen Beichte, in der uns der Zuspruch der Vergebung gewährt wird. Voraussetzung dafür sind die Gewissenserforschung, die Reue, die Umkehr mit dem Vorsatz, sich zu bessern, und das Bekenntnis der eigenen Schuld. Denn nur was ausgesprochen wird, kann auch geheilt werden.</p><p>Die persönliche Umkehr und die Beichte sind zentraler Bestandteil des Ablasses, der uns in diesem Heiligen Jahr gespendet wird.</p><h3>Gegen die Vereinzelung des Sünders</h3><p>In der Praxis des Ablasshandels war nur der Sünder in seiner Vereinzelung im Blick, der sich selbst freikauft. Aber wir leben als Menschen nie vereinzelt, sondern immer in Gemeinschaft und sind auf die Gemeinschaft der anderen angewiesen. Als Gläubige wissen wir um die Kraft der Gemeinschaft der Kirche. Wir wissen auch um die Notwendigkeit, von der Gemeinschaft der Kirche getragen zu werden. Denn jede Sünde hat eine soziale Dimension. Sie wirkt sich aus auf das Zusammenleben aller in der Kirche. Völlig zurecht beginnt daher das Schuldbekenntnis mit den Worten:</p><p>„Ich bekenne, Gott, dem Allmächtigen, und allen Brüdern und Schwestern …“.</p><p>Denn meine Schuld betrifft immer alle, auch wenn das nicht immer sichtbar wird.</p><h3>Der Ablass zielt auf die Tilgung der Folgen der Sünden</h3><p>Hier setzt der Ablass an. Denn beim Ablass geht es nicht um die Sündenvergebung. Diese wird uns in der Beichte zugesprochen. Beim Ablass geht es um die Tilgung der Folgen unserer Sünde. Denn mit der Vergebung allein ist es nicht getan. Der Vergebung muss die Wiedergutmachung folgen. Wir müssen alles daransetzen, den Schaden, den wir angerichtet haben, irgendwie wieder gut zu machen.</p><p>Dabei wissen wir, dass den Bemühungen um Wiedergutmachung Grenzen gesetzt sind. Wir können nicht alles wieder in Ordnung bringen, was wir durcheinandergebracht haben. Wir können nicht alle Verletzungen heilen, die wir anderen zugefügt haben. Wir können nicht alles ungeschehen machen, was wir anderen angetan haben.</p><p>Gerade deshalb will uns das Geschenk des Ablasses ermutigen, mit Entschiedenheit einen Weg der geistlichen Erneuerung zu gehen. Denn für die Tilgung der Folgen unserer Schuld vertrauen wir in diesem heiligen Jahr auf das stellvertretende Gebet der ganzen Kirche.</p><p>Es geht also um das Zusammenspiel unserer Bemühungen um echte Umkehr mit dem Zuspruch der Gnade dieses Heiligen Jahres. Beides gehört zusammen. Denn der Ablass will die Buße nicht ersetzen, sondern fördern.</p><p>Neben der sakramentalen Beichte braucht es zur Gewinnung des Ablasses drei Elemente: Erstens ein sichtbares Zeichen des Neubeginns. Zweitens den Besuch der Heiligen Messe. Und drittens das Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters.</p><h3>Ein sichtbares Zeichen des Neubeginns setzen</h3><p>Unser Weg der Läuterung braucht ein sichtbares Zeichen des Neubeginns. Das kann eine Wallfahrt sein, wie hier und heute die Wallfahrt zum Kreuzberg oder zu einem anderen unserer drei Gnadenorte im Bistum. Das kann und soll sein in diesem Heiligen Jahr das Durchschreiten eine der vier Heiligen Pforten in Rom (Petersdom / Santa Maria Maggiore / San Giovanni in Laterano / St. Paul vor den Mauern).</p><p>Weil Christus die Tür zum neuen Leben ist, eröffnet er uns im Durchschreiten der Heiligen Pforte einen neuen Lebensraum.</p><p>Indem wir solch ein sichtbares Zeichen der Umkehr setzen in der Gemeinschaft der Kirche, dürfen wir hoffen, dass die Folgen unserer Sünden abgemildert werden und wir in diesem Heiligen Jahr Fortschritte auf dem Weg geistlicher Erneuerung machen.</p><h3>Die Feier der heiligen Messe besuchen</h3><p>Neben den Zeichen des geistlichen Neuaufbruchs gehört zum Ablass der Besuch der Heiligen Messe. Denn in der Feier der Eucharistie kommt auf einzigartige Weise der Gemeinschaftscharakter unseres Heils zum Ausdruck. Wir feiern das Geheimnis unserer Erlösung in der Verbindung mit der ganzen Kirche. Das heißt in Verbindung mit allen Lebenden und mit all denen, die uns im Glauben ins ewige Leben vorausgegangen sind. Vor allem aber vertrauen wir auf das fürbittende Gebet Mariens und der schon vollendeten Heiligen. Im Gebet füreinander erhoffen wir, der Vergebung teilhaftig zu werden, die Christus uns erworben hat. Aus dieser Vergebung erwächst uns die Kraft, den alten Menschen hinter uns zu lassen und mit Christus zum neuen Menschen aufzuerstehen.</p><h3>In der Meinung des Heiligen Vaters beten</h3><p>Neben der sakramentalen Beichte, neben den sichtbaren Zeichen des Neuaufbruchs und dem Besuch der Eucharistie gehört auch das Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters zu den Elementen des Ablasses. So wird deutlich, dass wir im Gebet nicht nur um uns selbst und um unsere eigenen Anliegen kreisen. Mit dem Nachfolger Petri als dem Haupt der Kirche beten für alle Glieder des Leibes Christi. Mehr noch: Weil die Kirche als Sakrament des Heils gesandt ist, die ganze Welt und alle Menschen zu retten, gilt unser Gebet mit dem Heiligen Vater der Erlösung der ganzen Welt.</p><p>In diesem September lädt der Heilige Vater ein, für unsere Beziehung zur ganzen Schöpfung zu beten. Er sagt:</p><p>„Beten wir, dass wir, inspiriert vom heiligen Franziskus, unsere gegenseitige Abhängigkeit von allen Geschöpfen erfahren, die von Gott geliebt sind und Liebe und Respekt verdienen.“</p><p>Machen wir uns dieses Gebetsanliegen zu eigen. Denn aus der Erfahrung der Abhängigkeit von allen anderen Geschöpfen erwächst der Respekt voreinander und ein ehrfürchtiger und liebevoller Umgang miteinander.</p><h3>Nutzen wir dieses Heilige Jahr als Jahr der Gnade</h3><p>Ich komme zum Schluss. „So wahr ich lebe - Spruch GOTTES, des Herrn -, ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt. Kehrt um, kehrt euch ab von euren bösen Wegen! Warum denn wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?“ (Ez 33,11).</p><p>So lautet der flehentliche Umkehrruf Gottes an sein Volk, wie ihn uns der Prophet Ezechiel übermittelt hat.</p><p>Nutzen wir dieses Heilige Jahr als Einladung zur Umkehr, weil Gott nicht den Tod des Sünders will, sondern sein Leben. Nutzen wir die Zusage des Ablasses, die uns ermutigt, auszuschreiten auf dem Weg der persönlichen Bekehrung.</p><p>Denn siehe: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, jetzt sind sie da, die Tage der Rettung“ (2Kor 6,2). Vertrauen wir auf die Zusage des Herrn vom Kreuz her:</p><p>„Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen“ (Joh 12,32).</p><p>Ja, zieh uns an dich, Herr Jesus. Zieh uns zu dir. Denn dann überwinden wir alle Hindernisse, die uns noch trennen von dir und voneinander.</p><p>Zieh uns an dich, denn dann werden wir gerettet. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Rhön-Grabfeld</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-66848</guid><pubDate>Sat, 26 Jul 2025 11:00:00 +0200</pubDate><title>„Begreifen können wir die Liebe Gottes nicht“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/begreifen-koennen-wir-die-liebe-gottes-nicht/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Priesterweihe von Mariannhillerbruder Simon Mushi am Samstag, 26. Juli, in der Würzburger Herz-Jesu-Kirche</description><content:encoded><![CDATA[<p>Lieber Pater Provinzial,<br />liebe Mitbrüder,<br />liebe Festgäste,<br />liebe Familie Mushi,<br />lieber Frater Simon,</p><p>für Ihre Priesterweihe haben Sie sich das Evangelium von der Fußwaschung gewünscht. Die Kirche liest dieses Evangelium an jedem Gründonnerstag. Es ist der Tag, an dem wir der Einsetzung der Eucharistie durch Jesus gedenken, der Sie als Priester dienen wollen. So lohnt es sich, die Fußwaschung in ihrem Bezug zum priesterlichen Dienst zu meditieren.</p><p><em><strong>Die Fußwaschung wird zum Ausdruck der Reinigung von der Sünde</strong></em></p><p>Die Fußwaschung, die Jesus an seinen Jüngern vollzieht, symbolisiert die große Reinigung der Jünger. Gereinigt werden an diesem Abend nicht nur ihre Füße. Gereinigt wird vor allem ihre Vorstellung von Gott. Denn der Sohn Gottes kommt nicht, um sich bedienen zu lassen, wie man erwarten könnte. Ganz im Gegenteil, er kommt um zu dienen (Mk 10,45). Das ist die große Reinigung im Gottesbild. Denn die Sünder meinen, der Mensch wäre umso größer, je höher er über den anderen steht.</p><p>In seiner Lebenshingabe aber nimmt Jesus die Sünde der Welt hinweg. Er macht damit deutlich: Groß ist nicht der, der über den anderen steht. Groß ist der, der sich herabbeugt und die anderen groß macht. Hierin besteht der priesterliche Dienst Jesu, durch den er uns Menschen mit Gott verbindet. Werden Sie ein Priester nach dem Vorbild Jesu Christi, des einzigen Priesters seiner Kirche. Vergegenwärtigen Sie in der Feier der Eucharistie den dienenden Christus, der die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er mache Sie selbst zu einem guten Diener an seiner Gemeinde.</p><p><em><strong>Die Fußwaschung wird zum Ausdruck der liebevollen Ehrfurcht </strong></em></p><p>Die Füße zu waschen verlangt, sich hinzuknien. Indem man sich hinkniet und klein macht, schaut man nicht von oben auf das Gegenüber herab. Man schaut vielmehr von unten zu seinem Gegenüber hinauf. Das aber bedeutet, den anderen in seiner Bedürftigkeit ernst zu nehmen. Die Fußwaschung wird zum Ausdruck der Ehrfurcht voreinander.</p><p>Christus hat diese Ehrfurcht gelebt. Aus dieser Ehrfurcht heraus ist er allen anderen mit Respekt begegnet. Er hat niemanden verurteilt, weder die Sünder, noch die Armen, noch die Pharisäer. Er hat vielmehr daran geglaubt, dass es durch die Fußwaschung möglich ist, dem Guten im anderen zum Durchbruch zu verhelfen. Versuchen Sie als Priester, mit Christus das Gute im Herzen der anderen zu sehen und es zu fördern. Sprechen Sie den Menschen die Vergebung Christi zu, wenn sie sich nach echter Umkehr sehnen. Schauen Sie mit Christus zu den Menschen hinauf und lernen Sie, die Menschen im Licht Gottes zu sehen.</p><p><em><strong>Die Fußwaschung wird zum Ausdruck der zärtlichen Zuwendung</strong></em></p><p>Wer die Füße anderer wäscht, darf keine Angst haben vor Berührung. Erlösung geht nur, indem wir mit anderen in direkten Kontakt kommen. Jesus sucht den Kontakt. Er ließ sich vom Schicksal der Menschen berühren und er hat die Menschen berührt: die Blinden und Tauben, die Aussätzigen und Gelähmten, ja sogar die Toten. Jesus hatte keine Angst davor, sich die Finger schmutzig zu machen. Denn wer andere waschen will, wer ihr Leben heilen will, muss bereit sein, wie ein guter Arzt anzupacken. Lassen Sie sich als Priester in der Nachfolge Jesu vom Schicksal der Menschen berühren, die ihnen anvertrauten werden. Und haben Sie keine Angst, mit ihnen in Kontakt zu treten. Denn nur das wird erlöst, was wirklich angenommen wird. Nur das kann vom Herrn durch unseren Dienst auch geheilt werden.</p><p><em><strong>Die Fußwaschung als Freundschaftsdienst</strong></em></p><p>Die Fußwaschung ist ein Knechtsdienst, für den es aber keine Knechte benötigt, sondern Freunde. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15), sagt Jesus. Er will nicht, dass wir aus Zwang handeln. Er will nicht, dass wir einander die Füße nur waschen, weil wir es müssen. Jesus sieht in seinen Jüngern keine Befehlsempfänger, sondern Freunde. Er hat uns alles mitgeteilt. Er hat uns die Liebe Gottes geschenkt. Und er hofft, dass wir aus Dankbarkeit einander dienen. Denn das Kriterium, ob ein Dienst vor Gott Wohlgefallen findet, ist allein die Liebe. Bleiben Sie als Freund Jesu in seiner Liebe. Nur wer aus seiner Liebe gibt, handelt ohne Berechnung und ohne Hintergedanken. Denn die Liebe ist ihr eigener Lohn, wie der Heilige Bernhard einmal so wunderbar gesagt hat.</p><p><em><strong>Die Fußwaschung verlangt lebenslange Einübung</strong></em></p><p>„Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“, fragt Jesus. Judas hat es nicht begriffen. Denn die Fußwaschung Jesu passt nicht zu seinem Bild eines machtvollen Gottes. Petrus hat es nicht begriffen, weil er in seiner Überheblichkeit glaubt, schon rein zu sein und keiner Waschung mehr zu bedürfen. Beide, Judas und Petrus, lernen erst durch die Erfahrung ihres Versagens, wie nötig sie es haben, dass der Herr ihnen die Füße wäscht.</p><p>„Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Begreifen können wir die Liebe Gottes nicht. Aber wir können uns von ihr ergreifen lassen. Bei jedem Akt der Fußwaschung waschen wir uns auch selbst ein wenig rein. Wir waschen ab unsere Engherzigkeit, unsere Zweifel, unsere Ängste und unseren Stolz. So wird jede Fußwaschung zur Tauferneuerung, in der unser alter Mensch stirbt, um mit Christus zum neuen Menschen aufzuerstehen.</p><p><em><strong>Die Fußwaschung als Sakrament</strong></em></p><p>Der heilige Bernhard sieht in der Fußwaschung ein Sakrament, also ein wirksames Zeichen des göttlichen Heils. Das Sakrament der Fußwaschung erinnert uns daran, dass die Feier der Eucharistie und der Dienst an den Menschen immer zusammengehören. Zur Liturgie gehört die Diakonie.</p><p>Der Gottesdienst der Kirche muss im Gottesdienst des Lebens weitergeführt werden, um echt zu sein. Denn die Aufforderung in der Eucharistie „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ findet ihre Ergänzung in der Mahnung des Herrn „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ Wer so die Geheimnisse des Heils feiert und danach handelt, bringt sich „selbst als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer dar“ (Röm 12,1). Das wünsche ich Ihnen heute, am Tag Ihrer Priesterweihe, von ganzem Herzen. Der Herr begleite Sie und segne Ihren priesterlichen Dienst. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-66671</guid><pubDate>Sun, 13 Jul 2025 09:10:00 +0200</pubDate><title>„Das Dunkel erstrahlt in Gottes Licht“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/das-dunkel-erstrahlt-in-gottes-licht/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der „Nacht der Hoffnung“ am Samstag, 12. Juli 2025, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Johannes vom Kreuz: „…auch wenn es Nacht ist.“</em></strong></p><p><em>„Wohl kenne ich den Quell,</em></p><p><em>der rinnt und fließet,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Verborgen ist dem Blick die ewge Quelle,</em></p><p><em>doch weiß ich wohl zu finden ihre Stelle,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Ich weiß, nicht Ursprung hat sie je genommen,</em></p><p><em>doch aller Ursprung ist aus ihr gekommen,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Ich weiß, dass keine Schönheit ihrer gleiche,</em></p><p><em>sie tränkt die Erde und die Himmelreiche,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Ins Bodenlose, weiß ich, würde gleiten,</em></p><p><em>wer sie beträte, um sie zu durchschreiten,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Niemals hat ihre Klarheit sich verdunkelt,</em></p><p><em>und alles Licht weiß ich aus ihr entfunkelt,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Gewaltig weiß ich ihre Ströme eilen</em></p><p><em>durch Höllen, Himmel und wo Menschen weilen,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Den Wassern, die aus dieser Quelle steigen,</em></p><p><em>wohl weiß ich ihnen alle Macht zu eigen,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Den Strom, zu dem zwei Ströme sich verbinden,</em></p><p><em>weiß ich mit beiden nur zugleich zu finden,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Verborgen rinnt der Quell, auf dass wir leben,</em></p><p><em>in dem lebend'gen Brot, das uns gegeben,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.</em></p><p><em>Hier ruft er die Geschöpfe, dass sie kommen,</em></p><p><em>zu stillen sich, von Dunkelheit umschwommen,</em></p><p><em>weil's in der Nacht ist.</em></p><p><em>Ersehnter Quell, dich such' ich nicht vergebens,</em></p><p><em>ich schaue dich in diesem Brot des Lebens,</em></p><p><em>auch wenn es Nacht ist.“</em></p><p><em><strong>Anschreiben gegen die übermächtige Erfahrung der Nacht</strong></em></p><p>„Auch wenn es Nacht ist“ – Durch die Wiederholung des Refrains am Ende jeder Strophe prägt er sich dem Zuhörer tief ein.</p><p>„Auch wenn es Nacht ist“ – Und er spiegelt damit das Lebensgefühl vieler Menschen, die durch Zeiten der Dunkelheit in ihrem Leben gehen.</p><p>Dabei hat das Dunkel viele Facetten: Angstzustände, das Gefühl der Überforderung, depressive Verstimmungen, Phasen tiefer Trauer, in denen man wie in einem Loch gefangen ist, Ratlosigkeit und Ohnmacht, endlose Schmerzen an Leib und Seele, Wunden, die nicht heilen wollen. „Auch wenn es Nacht ist…“</p><p><em><strong>Johannes vom Kreuz kann wahrhaft „ein Lied davon singen“</strong></em></p><p>Denn ein solches Gedicht kann nur verfassen, wer selbst durch Zeiten der Dunkelheit gehen musste, wer selbst jahrelang den Eindruck hatte, dass es Nacht ist und ein neuer Tag, ein neuer Anfang in weite Ferne gerückt sei. Für ihn war es die finstere Zeit, die er im ordenseigenen Gefängnis in Toledo durchmachen musste, gefangengesetzt durch seine eigenen Ordensbrüder, die sich seinen Reformbestrebungen mit aller Gewalt widersetzten und dabei nur wenig zimperlich mit ihm umgegangen sind. Er durchlitt Todesängste und war sich nicht sicher, ob er jemals wieder Licht sehen würde, ob er jemals wieder freikäme. Gerade in dieser ausweglosen Situation hat er dieses Gedicht verfasst, das so seltsam oszilliert zwischen der übermächtigen Erfahrung der Dunkelheit und dem geheimnisvollen Strom aus einer unergründlichen Quelle, der dennoch fließt und alles belebt.</p><p><em><strong>Ursprunglose Quelle</strong></em></p><p>Das Gedicht beginnt mit einem Paradox: Die geheimnisvolle Quelle, von der der Dichter spricht, ist der Ort des Ursprungs, aus dem alles hervorgeht. Aber diese Quelle hat keinen Anfang, sie entspringt in der Ewigkeit, sie ist ohne Anfang und ohne Ende. Weil sie in der Ewigkeit entspringt, entzieht sie sich auch unserem Begreifen. Oder mit den Worten des Dichters formuliert: Wir können diese Quelle nicht durchschreiten, denn sie ist von einer unauslotbaren Tiefe. Gerade das vermittelt uns den Eindruck, dass es Nacht wäre, weil wir nichts mehr verstehen.</p><p><em><strong>Die Quelle, der ein Strom entspringt, ist zugleich Quelle des Lichts in der Dunkelheit</strong></em></p><p>Das Wasser dieser Quelle wird zum Strom aus der Ewigkeit, das funkelt und glitzert. Und nichts kann dieses Wasser trüben. „Auch wenn es Nacht ist“ und wir den Eindruck haben, dass aus dem klaren Quell eine undurchsichtige Brühe geworden ist, die lebensbedrohlich erscheint und abschreckend. Es ist aber das überhelle Licht dieses Stroms, das unsere Augen blendet, so dass wir meinen, dass es Nacht wäre, dabei ist es hellster Tag und ungetrübtes Licht, das wir nicht erfassen können.</p><p><em><strong>Alles durchdringt diese Quelle</strong></em></p><p>Weil sie der Ewigkeit entspringt, scheint sich die Quelle von nichts und niemandem aufhalten zu lassen, sie durchströmt in dem Fluss die gesamte Wirklichkeit. Alles Geschaffene ist von ihm durchdrungen und durchströmt – auch wenn es scheint, „dass es Nacht ist“ und nichts mehr geht. Das gilt vor allem, seit der Gottessohn, der ohne Ursprung ist, vom Himmel auf Erden kam und in die Hölle hinabgestiegen ist. Seitdem gibt es keinen Ort mehr, an den der Strom dieser Quelle nicht hinkäme, auch wenn es scheint, dass es Nacht ist, in der nichts mehr fließt und alles zum Stillstand gekommen wäre.</p><p><em><strong>„Verborgen rinnt der Quell, auf dass wir leben, in dem lebend‘gen Brot, das uns gegeben, auch wenn es Nacht ist.“</strong></em></p><p>Der Lebensquell wird für uns fassbar im eucharistischen Brot, sagt der Dichter. Gott hatte sich verhüllt in der Gestalt des Menschen Jesus Christus, so dass man ihn nicht erkannte. Doch mitten im Leiden Christi am Kreuz, als die Seite des Heilands geöffnet wurde, entsprang dort eine Quelle des Heils. Das Irdische wird umfangen vom Göttlichen. Das menschliche Dunkel wird umfangen vom göttlichen Licht. Das menschliche Leid wird umfangen vom göttlichen Heil. Das menschliche Elend wird umfangen von der göttlichen Herrlichkeit. Die menschliche Begrenztheit wird umfangen von der göttlichen Fülle. In der Eucharistie, im Brot des Lebens, strahlt somit im unscheinbaren Brot das göttliche Licht auf. So hat es Johannes gesehen, „auch wenn es Nacht ist“. Alle Geschöpfe finden an dieser Quelle Nahrung, Heilung und Ruhe, finden zu ihrem Ursprung zurück – auch wenn es Nacht ist.</p><p><em><strong>Ersehnter Quell, dich such' ich nicht vergebens, ich schaue dich in diesem Brot des Lebens, auch wenn es Nacht ist.</strong></em></p><p>Im eucharistischen Brot sieht der Dichter das Brot des Lebens. Hier wird sein Hunger gestillt und sein Durst gelöscht. Hier ist der Ort, an dem die geschundene Seele zur Ruhe findet. Hier ist der Ort, an dem das Dunkel in Gottes Licht erstrahlt. „Denn sein Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst“, wie es im Johannesevangelium heißt. „Auch wenn es Nacht ist.“</p><p><em><strong>„Auch wenn es Nacht ist“</strong></em></p><p>Die heutige Nacht der Hoffnung lädt dazu ein, vor dem Herrn zu verweilen. Heute Nacht dürfen wir bei ihm sein mit unseren Erfahrungen der Dunkelheit, mit dem Ungeklärten, mit dem Unausgesprochenen, mit dem, was uns überfordert, mit dem, was uns Angst macht, mit dem, was wir an Schmerz und Leid mit uns tragen. „Auch wenn es Nacht ist“ – ja, weil es Nacht ist. Heute Nacht bitten wir darum, dass unser Dunkel und das Dunkel der Welt von seinem Licht umfangen wird. Dass er unsere Dunkelheit nicht einfach wegwischt, sondern uns hilft, sie anzunehmen, weil für ihn die Finsternis nicht finster ist und die Nacht leuchtet wie der Tag. Kommen wir bei ihm zur Ruhe und verweilen wir in seiner Gegenwart – „auch wenn es Nacht ist“. Dann können wir als Pilger der Hoffnung ausschreiten auf unserem Weg, aus dem Dunkel in sein Licht. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kiliani</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-66442</guid><pubDate>Sun, 06 Jul 2025 11:30:00 +0200</pubDate><title> „Pilger ─ aus Hoffnung“ </title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/pilger-aus-hoffnung/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Sonntag, 6. Juli, im Würzburger Kiliansdom beim Pontifikalgottesdienst zur Eröffnung der Kiliani-Wallfahrtswoche 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p>„Pilger - aus Hoffnung“. Ein schönes Motto, denn Hoffnung und Pilgerschaft gehören immer zusammen. Die Hoffnung findet sich nicht mit dem Bestehenden ab, sondern beginnt einen Weg, um einer Verheißung auf der Spur zu bleiben; mit Abram hat diese Pilgerschaft begonnen und Kilian, Kolonat und Totnan haben diese Pilgerschaft fortgesetzt.</p><p><em><strong>Pilger aus Hoffnung – entdecken die eigene Mission wieder</strong></em></p><p>Kilian aus Mullagh wirkte zuerst als Mönchsbischof in Irland, als er den Ruf hörte, in die Fremde aufzubrechen. Er hatte gespürt, dass er sich zu sehr im Bestehenden eingerichtet hatte und ihm darüber seine Mission verloren gegangen war; er musste neu aufbrechen, um seine Mission wiederzuentdecken &nbsp;– &nbsp;ein höchst aktueller Gedanke! Denn auch wir spüren, wie sehr wir uns eingerichtet haben und im Bestehenden festgefahren sind. Kilian und seine Gefährten erinnern uns daran, dass Kirche nur dann lebt, wenn sie ihre Mission wiederentdeckt, wenn sie auszieht, um Menschen für Christus zu gewinnen. Als Kirche müssen wir uns daran messen lassen, ob wir dieser Mission dienen, oder nur noch um uns kreisen und fruchtlos um den Erhalt des Bestehenden kämpfen: Pfarreien, Orden, Verbände.<br />Mittel und Ziel dürfen wir nicht verwechseln: denn Kirche ist nur Mittel, Ziel aber ist Christus – ihn zurückzugewinnen als Mitte, die uns über uns hinausführt ist, ist aller Mühe wert. Die Wallfahrten des Heiligen Jahres erinnern uns an den geistlichen Aufbruch; gleich den Emmaus-Jüngern wollen sie das Feuer in unseren Herzen wieder entzünden, so dass auch wir mit Kilian sagen können: „Brannte uns nicht das Herz?!“</p><p><em><strong>Pilger aus Hoffnung – bewähren sich in den Prüfungen des Lebens </strong></em></p><p>Die Frankenapostel bezeugen: Wer den Mut hat, aufzubrechen, wird sich bald mit vielen Widerstände konfrontiert sehen. Sie mussten immer neu Wegweisung erbitten, rangen um die Wirksamkeit ihrer Verkündigung, machten die Erfahrung der Ablehnung: Das kann abschrecken, zermürben, entmutigen. Aber Hoffnung bewährt sich gerade in den Prüfungen. Hoffnung ist nicht problemverliebt, sondern lösungsorientiert. Deshalb kehrt Hoffnung immer neu um zu Christus als dem Hoffnungsanker, ohne in Schwierigkeiten zu erstarren. Hoffnung hält im Herzen jung, ohne zu resignieren. Gerade die Bedrängnisse aber sind der Moment, in dem wir gleich den Emmaus-Jüngern den Herrn bitten: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“ Bleib und geh nicht weiter! Denn nur, wenn ER bleibt, bewirkt die Bedrängnis Geduld, die Geduld Bewährung, die Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen – so bezeugt es uns Kilian!</p><p><em><strong>Pilger aus Hoffnung – leben aus der Gegenwart des erhöhten Herrn</strong></em></p><p>Die Emmaus-Jünger haben den Herrn am Brotbrechen erkannt; sie erkannten ihn daran, dass er das Leben mit ihnen teilte. Pilger aus Hoffnung teilen ihre Lebenserfahrungen miteinander, nur hier kann Hoffnung wachsen und neu ausgerichtet werden. In unserem „Lectio Divina“ laden wir ein, mit Christus im Gespräch zu bleiben, um neue Perspektiven zu erlangen. In der eucharistischen Anbetung in der „Nacht der Hoffnung“ wollen wir unser Leben ihm aussetzen, damit er uns neu sendet. Die „Glaubenswege der Hoffnung“ laden dazu ein, Hoffnungsgeschichten zu teilen, so brechen auch wir einander das Brot der Hoffnung, die nur so vertieft, erneuert, bestärkt wird.</p><p><em><strong>Pilger aus Hoffnung – sind frohe Menschen</strong></em></p><p>Auch wenn die weltpolitische und kirchliche Lage wenig zuversichtlich stimmt, viele Menschen derzeit Angst haben, ruft uns Paulus zu: „Seid fröhlich in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!“ So wollen wir in diesem heiligen Jahr hoffnungsfroh, geduldig und im Gebet mit dem Herrn vereint voranschreiten auf dem Weg der Heiligkeit. &nbsp;</p><p class="text-right"><em>(Es gilt das gesprochene Wort)</em></p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Würzburg</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kiliani</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-66459</guid><pubDate>Sat, 05 Jul 2025 12:10:00 +0200</pubDate><title>„Danke für dieses Zeugnis“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/danke-fuer-dieses-zeugnis/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei den Pontifikalmessen für Gold- und Diamant-Ehejubilare am Donnerstag, 3. Juli 2025, sowie für Silber-Ehejubilare am Freitagabend, 4. Juli 2025, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Zwischenberschrift"><em><strong>„Pilger der Hoffnung“</strong></em></p><p>Unter diesem Motto steht das Heilige Jahr 2025. Das ist zugleich ein passendes Motto für Ihr Ehejubiläum. Denn seit 25, 50 oder noch mehr Jahren sind Sie als Paar gemeinsam unterwegs auf Ihrem ganz persönlichen Pilgerweg. Welch ein Glück und ein Segen! Danke für dieses Zeugnis!</p><p><em><strong>Das brennende Herz der Emmaus-Jünger als Symbol der Hoffnung</strong></em></p><p>„Brannte uns nicht das Herz“ – so sagten die Emmaus-Jünger als sie den Herrn erkannten beim Brotbrechen. Das brennende Herz wird zum Symbol der Pilger der Hoffnung. Dem möchte ich in meiner Predigt etwas nachgehen.</p><p><em><strong>Das brennende Herz am Anfang der Pilgerschaft</strong></em></p><p>Das brennende Herz steht für den Beginn Ihres gemeinsamen Wegs, wenn das Herz in Liebe füreinander entbrennt. Es steht für den Moment, in dem Sie sich zum ersten Mal mit dem Gedanken getragen haben, mit diesem Menschen ihr Leben teilen zu wollen und diese Hoffnung aufleuchtete. Das Feuer des Anfangs hat sich oftmals ins gemeinsame Gedächtnis eingebrannt und das ist gut so. Heute ist der Moment, diese erste Liebe wieder neu zu entfachen und aufflammen zu lassen.</p><p><em><strong>Das brennende Herz steht aber auch für die Aufgaben, die Sie gemeinsam angegangen sind und miteinander bewältigt haben</strong></em></p><p>„Brannte nicht unser Herz…“ beim Gedanken, eine Familie zu gründen? Brannten wir nicht darauf, uns ein Zuhause zu schaffen, wo wir miteinander bleiben können? Brannten wir nicht darauf, unsere Träume zu verwirklichen? Jede Pilgeretappe lebte und lebt von der nötigen Begeisterung und dem inneren Elan, etwas Schönes miteinander und füreinander auf den Weg zu bringen. Nur wo man wirklich für etwas brennt, wird es auch gut und nachhaltig!</p><p><em><strong>Das brennende Herz steht aber auch für die ersten Irritationen auf dem gemeinsamen Pilgerweg</strong></em></p><p>Brannte es nicht im Herzen, als wir einander plötzlich nicht mehr verstanden? Und dann langsam lernen mussten, wie man sich einander wieder annähert. Die Hoffnung auf gegenseitiges Verstehen ist Ihnen zum Glück nicht abhandengekommen. Wenn ein unbedachtes oder ein gezielt gesetztes Wort noch lange im Inneren brannte und wehtat, ein Wort, das verletzte und das zu löschen Zeit brauchte, damit es sich nicht zum unkontrollierten Brandherd auswuchs? Die Hoffnung auf Versöhnung haben Sie immer hochgehalten, und das ist etwas Kostbares und Schönes. Brannte es nicht, wenn plötzlich das Feuer der Eifersucht im Spiel war und die Frage aufkam: Fühle ich mich noch geliebt? Und wo ist mein Partner, meine Partnerin wirklich? Und wer sind wir noch füreinander? Sich neu anzunähern, sich als Paar neu zu erfinden, brauchte und braucht Zeit und Einfühlsamkeit. Aber die Hoffnung, den rechten Eifer füreinander wieder zu entwickeln, haben Sie sich dankenswerterweise bewahrt. In all diesen Erfahrungen zeichnete sich ab: „Pilger der Hoffnung“ zu sein heißt, die Kraft der Hoffnung auf dem Weg immer wieder neu zu entdecken; sie ist nichts Statisches, das man ein für alle Mal hätte; sie muss immer wieder neu errungen werden und uns von Gott her immer neu zugesagt werden.</p><p><em><strong>„Brannte uns nicht das Herz“? Das gilt aber auch für Rückschläge und Enttäuschungen, die nicht ausbleiben – wenn etwas in Flammen aufgeht und wir nur noch auf Sparflamme laufen</strong></em></p><p>„Wir aber glaubten dass…“ – so beginnen die Sätze enttäuschter Hoffnungen wie bei den Emmaus-Jüngern. Bei der Krankheit eines Partners, die nicht zuließ, die Träume zu leben und zu verwirklichen, die man sich vorgenommen hatte und auf die man sich gefreut hatte. Bei Kindern, die ihre ganz eigenen Wege gegangen sind und sich nicht immer so entwickelt haben, wie wir es gerne gehabt hätten. Bei einem Schicksalsschlag, der dazu zwang, den eigenen Lebensentwurf und das Konzept des Zusammenlebens völlig neu zu justieren. Beim Tod eines Freundes, der Eltern oder gar des Kindes, wodurch eine wichtige Stütze wegfiel, die einen stabilisiert hat. Nein, nicht alle Hoffnungen des Anfangs erfüllen sich, manches wird ein Raub der Flammen und das tut weh, sehr weh.</p><p><em><strong>„Musste denn nicht“, sagt Jesus, der Grund unserer Hoffnung</strong></em></p><p>Musste nicht dieser Umweg genommen werden, auch wenn er uns alle Kräfte gekostet hat und wenn er ungeliebt war? Musste er nicht gegangen werden, um so neu zusammenzufinden? Oft sieht man erst im Nachhinein, wofür etwas gut war und wie aus den Zumutungen des Lebens etwas Gutes, unerwartet Segensreiches erwachsen ist – keine Selbstverständlichkeit, sondern immer eine unvorhersehbare Gnade. Das geht nur mit einer großen Portion Hoffnung und ihrer Tochter, der Geduld, die nicht einfach hinwirft, sondern nach neuer Wegweisung Ausschau hält in der Zuversicht, dass sich der Weg beim Gehen zeigt und das Feuer nicht erlischt… Die „Pilger der Hoffnung“ wissen um die Umwege und Abwege des Lebens, die Sackgassen und die Rückwege, denn Hoffnung ist kein linearer Prozess, sondern kennt Höhen und Tiefen und wächst gerade in der Bedrängnis, ja bewährt sich in der Prüfung, weil die Liebe Gottes in den Herzen hier überhaupt erst aufleuchtet, wie Paulus im Römerbrief schreibt.</p><p><em><strong>Die brennenden Herzen als Feuer der Läuterung und Reife</strong></em></p><p>Das brennende Herz steht am Ende eines langen Zusammenlebens für das Feuer der Läuterung und der Reife. Das Feuer der Läuterung, weil ich mich durch den Anderen selbst kennengelernt habe und er oder sie mir geholfen hat, ein reifer Mensch zu werden und so manche Unart abzulegen. Das Feuer der Läuterung, das mich lehrte, aufeinander Rücksicht zu nehmen und dem anderen die Möglichkeit zu eröffnen, auch seine Wünsche zu verwirklichen – und ich gerade durch das Glück des anderen auch selbst glücklich geworden bin. Das Feuer der Läuterung, das mich lehrte, realistisch zu bleiben und auch das anzunehmen, was uns als Paar nicht möglich war zu leben und was uns verschlossen blieb, ohne deshalb bitter zu werden oder nachtragend zu sein, sondern erlöst und versöhnt mit dem eigenen, unverwechselbaren Weg umzugehen. Einander zu helfen in der gegenseitigen Heiligung (1 Kor 7,14) ist ein großes Geschenk, denn in jedem geglückten Leben leuchtet die „Hoffnung auf Herrlichkeit“ (Kol 1,27) auf, die immer größer ist als alles, was unsere Anstrengung vermochte.</p><p><em><strong>„Brannte uns nicht das Herz als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“</strong></em></p><p>Es ist schön, dass Sie auf Ihrem gemeinsamen Pilgerweg immer mit dem Herrn im Gespräch geblieben sind wie die Emmaus-Jünger, auch wenn Sie wahrscheinlich nicht immer alles auf Anhieb verstanden, was Er Ihnen zu sagen hatte, sondern Ihnen erst im Lauf der Zeit aufging, was Er meinte. Es ist eine schöne Erfahrung, wenn sich die Heilige Schrift erst auf dem gemeinsamen Pilgerweg erschließt und man vieles erst dann versteht, wenn man es selbst erlebt, nicht selten auch durchlitten hat, weil die Worte des ewigen Lebens erst da ihre volle Kraft entfalten. In der Feier der Eucharistie haben die Emmaus-Jünger schließlich den Herrn erkannt, als er ihnen das Brot brach und das Leben mit ihnen teilte. Was wir in der Eucharistie empfangen, haben Sie in Ihrem Miteinander nachvollzogen: Sie haben einander das Brot der Liebe gebrochen und Ihr Leben miteinander geteilt. Wie dieses Brot „immer gebrochen, und doch nie zerbrochen wird; wie es immerdar gegessen, aber nie aufgezehrt wird“, so möge auch die Flamme der Liebe Ihres Herzens im Weitergeben nie erlöschen, sondern leuchten – bis in Ewigkeit. Amen!</p><p class="text-right"><em>(Es gilt das gesprochene Wort!)</em></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Würzburg</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kiliani</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-66311</guid><pubDate>Thu, 26 Jun 2025 14:45:00 +0200</pubDate><title>„Nicht die Nachricht des Tages ist gefragt, sondern die Nachricht, die über den Tag hinaus Gültigkeit besitzt“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/nicht-die-nachricht-des-tages-ist-gefragt-sondern-die-nachricht-die-ueber-den-tag-hinaus-gueltigkeit-besitzt/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung in der Jugendkirche Würzburg beim Festgottesdienst zum 175. Jubiläum des Würzburger katholischen Sonntagsblatts</description><content:encoded><![CDATA[<p class="western">Lieber Herr Generalvikar,<br />lieber Herr Ruppert,<br />liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Redaktion des Sonntagsblattes und unseres Medienhauses,<br />liebe Festgäste aus nah und fern,<br />&nbsp;<br /><strong>Karl Valentin und das Wunder der Tageszeitung</strong></p><p class="western">&quot;Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.&quot; So hat einmal gleichermaßen tiefsinnig wie humorvoll Karl Valentin gesagt. Hinter dieser These steht die mutige Annahme, die Zeitung sei ein realitätsgetreues Abbild der Wirklichkeit. Die erfahrenen Zeitungsleser wie Zeitungsmacher unter uns wissen, dass dem nicht so ist.<br />&nbsp;<br /><strong>Was heißt „passieren“?</strong></p><p>Und dennoch, die Feststellung, dass jeden Tag genauso viel passiert, wie in eine Zeitung passt, gibt zu denken. Denn nähme man Karl Valentin beim Wort, müsste man nachfragen, was er denn genau unter „passieren“ versteht.Vielleicht ergäbe ja eine Begriffsklärung, dass seine These trotz allen offensichtlichen Widerspruchs dennoch zu halten ist. Denn nur das, was wirklich „passiert“, „passt“ auch in die Zeitung und hat dort seinen Platz. Also: Was heißt „passieren“?<br />&nbsp;<br /><strong>Den Willen des himmlischen Vaters tun</strong></p><p>Darauf gibt das heutige Evangelium eine klare Antwort.„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“<br />Eine starke Headline in Form eines aufrüttelnden Zitats. Als „passieren“ kann man nach Jesus nur Tatbestände bezeichnen, bei denen Menschen nachweislich den Willen des Vaters im Himmel tun. Nur diese Taten sind wirkliche „Fakten“. Und nur darüber lohnt es sich, zu berichten. Und nur das „passt“ am Ende des Tages in die Zeitung, in eine Kirchenzeitung zumal.<br />&nbsp;<br /><strong>Aufsehenerregend ist allein das Werk der Liebe</strong></p><p>Für die Medienvertreter haben wir mit dieser Unterscheidung ein Qualitätskriterium gewonnen, aus dem sich alles andere ergibt. Denn wie Jesus im Evangelium fortfährt, gibt es viele, die für sich in Anspruch nehmen, wunderbare Taten vollbracht zu haben und sich dabei noch auf seinen Namen berufen.<br />&nbsp;<br />Aber Jesus lässt sich davon nicht überzeugen. Sein Urteil ist unbestechlich - und hart. Ihm geht es nicht wie den weltlichen Medien um aufsehenerregende Taten, die unter der Rücksicht der Aufmerksamkeitsökonomie alles andere in den Schatten stellen wollen. Ihm geht es - wie er selbst sagt - nicht um prophetische Ankündigungen, von denen die Blätter nur so strotzen. Auch nicht um vermeintliche Machterweise oder gar Dämonenaustreibungen, die nach Aufmerksamkeit heischen.<br />&nbsp;<br />Lasst euch davon nicht beeindrucken, auch wenn das scheinbar für die Quote gut ist. Nein, Faktum ist nur, was dem Willen des himmlischen Vaters entspricht. Und das ist oft unspektakulär. Es ereignet sich im Kleinen, im Alltäglichen. Jesus hatte dafür einen hellwachen Blick. Er sieht die arme Witwe, die ihr Scherflein hochherzig in den Tempelkasten wirft. Er sieht den kleinen Zachäus, der sich im Baumwipfel verstiegen hat. Er schätzt das Jota, den kleinsten unter allen Buchstaben. Und er weiß, dass nur dem, der im Kleinen treu ist, auch einmal Großes anvertraut wird.<br />&nbsp;<br />Übertragen könnte man sagen, dass sich das Große kirchliche Wirken nicht in einer breiten Öffentlichkeit abspielt, sondern dafür überhaupt erst Öffentlichkeit hergestellt werden muss, gerade in einer Kirchenzeitung. Für die Mühen der Kindererziehung in unseren Kindertagesstätten; für die entsagungsreiche und liebevolle Pflege in unseren Alten- und Behindertenhilfeeinrichtungen; für den Dienst an den Obdachlosen und Armen bei der Bahnhofsmission und weit darüber hinaus. Denn im Sinne Jesu passiert das wirklich und muss unbedingt seinen Platz in unseren Medien finden.</p><p>Dies gilt gerade in Zeiten, in denen viele Menschen gar keine Nachrichten mehr hören und einfach abschalten. Gute Nachrichten sind gefragt. Denn dem Phänomen der Nachrichtenvermeidung kann nur begegnet werden mit Nachrichten, die zeigen, dass das Gute möglich ist, dass die Wahrheit getan werden kann und auch schon längst getan wird, um wieder ein Herrenwort zu zitieren (Joh 3,21).<br />&nbsp;<br />Nicht die Nachricht des Tages, sondern die Nachricht, die über den Tag hinaus wert ist, gelesen zu werden<br />Kritischer katholischer Journalismus weist sich unter dieser Rücksicht aus durch die Gabe der Unterscheidung, was „Kritik“ ja im eigentlichen Wortsinn bedeutet. Dieser Journalismus sieht mit den Augen des Herrn auf die Dinge. Es geht im wörtlichen Sinn von „Jour“-nalismuseben nicht um die Nachricht des Tages, auf die die Athener zum Leidwesen des Apostels Paulus derartversessen waren, so dass sie keinen Sinn mehr für wirklich Bedeutsames hatten (Apg 17,21).<br />&nbsp;<br />Nein, nicht die Nachricht des Tages ist gefragt, sondern die Nachricht, die über den Tag hinaus Gültigkeit besitzt und lesenswert ist, weil sie auferbaut und dazu anregt, selbst zu „Tätern des Wortes“ zu werden, wie der Jakobusbrief mahnt (Jak 1,22).<br />Alles andere droht zur „Journaille“ zu verkommen.<br />&nbsp;<br /><strong>Die Wahrheit ist krisenfest</strong></p><p>„Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut.“<br />&nbsp;<br />Mit dieser Feststellung ermutigt Jesus seine Zuhörer, seine Worte zu beherzigen. Denn die Wahrheit muss krisenfest sein. Sie muss sich bewähren gerade in den Stürmen des Lebens. Erst da zeigt sich der Wahrheitsgehalt. Wahrheit im biblischen Sinn bewährt sich in Beständigkeit. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen,“ wie Jesus sagt (Mt 24,35). Auf seine Worte kann man bauen. Ihr unvergänglicher Glanz muss im Hintergrund der Nachrichten aufleuchten, die wir als Kirche verbreiten wollen.<br />&nbsp;<br /><strong>Lernkurven im Leben</strong></p><p>Im Wolkenbruch zu bestehen, ist dabei alles andere als selbstverständlich. In Lebensschicksalen anschaulich und exemplarisch darzustellen, wie Menschen im Vertrauen auf das Wort den Krisen ihres Lebens getrotzt haben, lohnt sich also. Da man bisweilen durch ein schlechtes Beispiel mehr lernt als durch ein gutes Beispiel (wie Wittgenstein zu sagen pflegte), empfiehlt es sich – in Maßen natürlich! – auch vom Misslingen zu erzählen, von den Häusern also, die in den Sand gesetzt und von den Stürmen des Lebens weggerissen wurden.<br /><br />Das verlangt vom kirchlichen Journalisten, das, „was mir oder jemand anderen passiert ist“, nicht denunziatorisch unter die Leute zu bringen oder das Scheitern der Lächerlichkeit preiszugeben. Vielmehr gilt es, sensibel und einfühlsam das „passabel zu präsentieren“, was „einem als Missgeschick passiert“ ist. So kann es seinen Platz im ohnehin knapp bemessenen Raum der Kirchenzeitung behaupten. Noch im Scheitern leuchtet dann die Hoffnung auf, die wachzuhalten das Heilige Jahr uns einlädt.<br />&nbsp;<br />Moralische Autorität statt Marktmacht<br />„Und es geschah, als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ Die Menge nimmt die „Vollmacht“ wahr, wie es heißt, die Jesus ausstrahlt. Es ist nicht eigentlich Macht, sondern vielmehr Autorität.<br />&nbsp;<br />Jesus gewinnt die Akzeptanz seiner Zuhörer, weil sie spüren, dass hier jemand nicht nur über etwas spricht, sondern dass das, was er sagt, mit seinem Leben gedeckt ist. Er verkörpert in seiner Person, was er anderen mitteilen möchte. Er selbst ist die Botschaft und kann so die Herzen seiner Zuhörer mühelos gewinnen.<br />&nbsp;<br />Die gute Botschaft braucht glaubwürdige Boten. Denn glaubhaft sind nicht Nachrichten, sondern Menschen. Journalisten eben, die diese Nachrichten nicht einfach als Ware vermarkten, sondern die mittels der Nachrichten der guten Sache als Botschafter dienen.<br />&nbsp;<br /><strong>Dank an die Redaktion</strong></p><p>Unter dieser Rücksicht danke ich von Herzen Herrn Ruppert und seinem Team, sowie seinem Vorgänger im Amte, Herrn Bullin und seinem Team, die über die vergangenen Jahrzehnte hinweg bis heute für das gute und glaubwürdige Renommé des Sonntagsblattes standen und stehen und die durch ihre Arbeit die Gläubigen in unserem Bistum überzeugten.<br />&nbsp;<br />Eine 175-jährige, stolze Tradition konnte so gut weitergeführt werden, auch wenn Kontinuität beständige Veränderung verlangt. Die Anstrengungen der letzten Jahre haben sich jedenfalls ausgezahlt. Ich bin froh, dass der Mut zur Innovation und Kooperation uns geholfen hat, das reiche Erbe des Sonntagsblattes in die Zukunft zu führen.<br />&nbsp;<br />Danke für alle Expertise, das stete Ringen um die Wirtschaftlichkeit und natürlich für alle journalistische Leidenschaft, ohne die eine Kirchenzeitung nicht bestehen kann. Als Bischof bin ich dankbar, dass sie die Herausforderungen angenommen und kreativ in neue Chancen umgemünzt haben. Möge das Sonntagsblatt weitere gute Jahre erleben, in welcher Form auch immer!<br />&nbsp;<br /><strong>Die tägliche Anstrengung, das Berichtenswerte auszuwählen</strong></p><p>&quot;Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.&quot; Das, was passiert ist, passend zu machen, ist eine bleibende Anstrengung. Der Evangelist Johannes wusste ein Lied davon zu singen. Wie heißt es in den letzten Versen seines Evangeliums so schön (Joh 21,25): „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.“<br />&nbsp;<br />Also muss man sich bescheiden. Uns trägt die Zuversicht, dass in der erforderlichen Auswahl das „eine Notwendige“ (Lk 10,42) jeweils neu getroffen wird, das die Kraft hat, die Herzen für den Herrn zu öffnen. So kann „das Ganze im Fragment“ (Hans Urs von Balthasar) immer neu aufleuchten. Dass Ihnen das als Redaktion und uns allen in unserer Verkündigung immer neu gelingt, wünsche ich uns von Herzen. Denn nur so kann die alte Dame „Sonntagsblatt“ im Herzen jung bleiben – und wir mit ihr!<br />&nbsp;<br />In diesem Sinne: Gesegneten und frohen Geburtstag!<br /><br />&nbsp;</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Würzburg</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-65979</guid><pubDate>Sun, 08 Jun 2025 19:29:06 +0200</pubDate><title>Wort von Bischof Dr. Franz Jung zum Rücktritt von Bischof Gregor Maria Hanke als Bischof von Eichstätt</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/wort-von-bischof-dr-franz-jung-zum-ruecktritt-von-bischof-gregor-maria-hanke-als-bischof-von-eichstaett/</link><description>„Die Nachricht vom Rücktritt Gregor Maria Hankes als Bischof von Eichstätt hat mich am Pfingstsonntag überraschend erreicht.</description><content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size:10pt"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Für seinen bischöflichen Dienst und unser vertrauensvolles Miteinander in der Metropolie und der Freisinger Bischofskonferenz danke ich ihm von Herzen. Am Pfingstfest wünsche ich ihm den Trost und die Kraft des Heiligen Geistes, der ihn bei seinen nächsten Schritten begleiten möge.“</span></span></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-65381</guid><pubDate>Sun, 11 May 2025 12:51:32 +0200</pubDate><title>„Glaube ist nie unpolitisch“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/glaube-ist-nie-unpolitisch/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung anlässlich des Dankgottesdienstes für die Wahl von Papst Leo XIV. im Dom zu Würzburg am 11. Mai 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p>unser neugewählter Heiliger Vater hat den Namen Leo gewählt. Ein neuer Name ist immer auch ein Programm. Zugleich reiht er sich mit diesem Namen in eine große Tradition seiner Vorgänger ein, von denen 13 bisher den Namen Leo gewählt hatten.</p><p>An drei seiner berühmten Vorgänger mit dem Namen Leo möchte ich heute im Dankgottesdienst zur Papstwahl erinnern. Diese drei Vorgänger helfen uns auch zu verstehen, welche Aufgaben mit dem Papstamt verbunden sind.</p><p><strong>Papst Leo der Große (440-461)</strong></p><p>Beginnen möchte ich bei meiner Betrachtung mit dem ersten Papst namens Leo, mit Leo dem Großen, der im fünften Jahrhundert die Kirche leitete. Der Beiname „der Große“ zeigt, dass er der Nachwelt in guter Erinnerung geblieben ist. Leo, ein Römer aus vornehmem Geschlecht, war ein selbstbewusster Papst, der den Anspruch des Vorrangs des Stuhles Petri vor allen anderen Bischofssitzen verteidigte.</p><p>Neben der Errettung Roms vor den Hunnen ist er in Erinnerung geblieben durch seine Intervention beim Konzil von Chalzedon. Im Streit um die Frage nach dem Verhältnis von Gottesnatur und Menschennatur in Jesus Christus trug er wesentlich zur theologischen Klärung bei. Er sagte, Jesus Christus ist ganz Mensch und ganz Gott und zwar „ungemischt und ungetrennt“. Er ist nicht irgendein Halbgott oder ein Übermensch oder ein Mischwesen. Nur weil er ganz Gott und ganz Mensch zugleich ist, „ungemischt und ungetrennt“, können wir von Erlösung sprechen. Denn unsere Menschennatur wird in Jesus Christus ganz zu Gott erhoben und unsere Sterblichkeit wird dadurch geheilt. Das Konzil jubelte über diese geniale theologische Formulierung des Leo und rief der Überlieferung nach: <em>„Durch Leo hat Petrus gesprochen.“</em></p><p>Der Glaube der Kirche sagt, dass der Papst kraft des Heiligen Geistes und in der Einheit mit der gesamten Kirche die Wahrheit des Glaubens auszudrücken vermag, eine Wahrheit, die das Heil verbürgt. Nicht umsonst heißt es im heutigen Evangelium <em>„meine Schafe hören auf meine Stimme“</em>.</p><p>Petrus spricht durch Papst Leo XIV. auch heute zu uns. So wünschen wir dem Heiligen Vater, dass er auch in unseren Tagen zum Sprachrohr des wahren Glaubens werde. Dass seine Stimme die Schafe erreicht und ihren Hunger nach dem ewigen Leben stillt.</p><p><strong>Papst Leo X. (1513-1521)</strong></p><p>Von Leo I. im fünften Jahrhundert machen wir einen Sprung von 1000 Jahren zu Papst Leo X. Er war ein typischer Machtmensch der Renaissance, der sich als Papst mit einem Augustinermönch namens Martin Luther herumärgern musste. Es gehört zur Tragik seiner Zeit, dass Papst Leo X. die Sprengkraft der reformatorischen Bewegung im fernen Deutschland verkannte. Er meinte, mit dem altbewährten Mittel des Kirchenbanns den Brandherd eindämmen zu können. Zu spät erkannte er, dass er dadurch aus einem Feuer einen regelrechten Flächenbrand entfacht hatte, der nicht mehr gelöscht werden konnte. Aus dem berechtigten Ruf nach Reformen war die Reformation geworden und damit die Kirchenspaltung, unter der wir bis heute leiden.</p><p>Hatte Leo X. sich mit einem Augustinermönch auseinanderzusetzen, so ist der heutige Papst selbst Augustinermönch. Wir wünschen ihm, dass er die berechtigten Reformanliegen unserer Tage nicht einfach ignoriert oder mit Gewalt zu bekämpfen versucht, sondern dass er hinhört und selbst Impulse zur Erneuerung der Kirche gibt. Im heutigen Evangelium sagt Jesus über die Schafe <em>„niemand wird sie meiner Hand entreißen&quot;</em>.</p><p>Möge es dem Heiligen Vater, Papst Leo XIV., gelingen, die Herde zusammenzuhalten, mehr noch, die Einheit unter den Christen weiter zu befördern, so dass keiner verloren geht.</p><p><strong>Papst Leo XIII. (1878-1903)</strong></p><p>Machen wir noch einmal einen Zeitsprung von knapp 350 Jahren ins 19. Jahrhundert. Leo XIII. war der bislang letzte Papst dieses Namens gewesen. Er gilt als der erste moderne Papst, der einen wachen Blick hatte für die Nöte der Menschen seiner Zeit. Um die Gläubigen zu erreichen, bediente er sich des neuen Mittels der Enzyklika, des päpstlichen Rundschreibens.</p><p>Sein berühmtestes lautet mit den lateinischen Anfangsworten „Rerum Novarum“, zu Deutsch: „Vom Geist der Neuerung“. Gemeint war die Arbeiterfrage und die Verelendung weiter Bevölkerungsschichten durch die Industrialisierung. Indem er dazu aufforderte, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen zu verbessern und den Kapitalismus durch eine staatliche Sozialpolitik einzuhegen, wurde er zum Vater der „Katholischen Soziallehre“.</p><p>Wie der neugewählte Heilige Vater selbst bekundet, dachte er bei der Namenswahl bewusst an Leo XIII. In der Nachfolge dieses Papstes und in der Nachfolge von Papst Franziskus, der immer dazu anhielt, die Nöte der Zeit wahrzunehmen und sich für die Menschen am Rande einzusetzen, will auch Leo XIV. den Blick auf die Armen lenken, deren Nöte ihm spätestens seit seiner Zeit als Bischof in Peru lebendig vor Augen stehen.</p><p>Wenn Jesus im heutigen Evangelium sagt <em>„ich und der Vater sind eins“</em>, dann unterstreicht er damit, dass die ganze Welt in das Gottesverhältnis Jesu miteingeschlossen ist. Glaube ist damit nie unpolitisch. Das Gegenteil ist der Fall. Weil in Christus die ganze Welt geheiligt ist und geheilt werden soll, darf auch die Kirche die Augen vor den Nöten ihrer Zeit nicht verschließen.</p><p>Möge unser Heiliger Vater, Papst Leo XIV., uns in dieser krisengeschüttelten Zeit ermutigen, diese Welt zu verbessern und die Wunden der Menschheit zu heilen.</p><p><strong>Der heilige Franziskus und Bruder Leo</strong></p><p>Ein letzter Gedanke. Auf Papst Franziskus folgt nun Papst Leo. Der heilige Franziskus von Assisi hatte ein besonders inniges Verhältnis zu Bruder Leo. Nie wich Bruder Leo von seiner Seite. So wurde er auch der Überlieferung nach der einzige Zeuge der Stigmatisierung des heiligen Franziskus. Nach einem Disput über die weitere Zukunft des Ordens schrieb der heilige Franziskus Bruder Leo einen Brief, der bis heute im Dom von Spoleto verwahrt wird. Darin heißt es:</p><p><em>„Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, so tu es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich.“</em></p><p>Ein wunderbares Wort. Ich wage, es als Wort des verstorbenen Papstes Franziskus, Gott hab ihn selig, an seinen Nachfolger und Bruder Papst Leo XIV. zu lesen:</p><p><em>„Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, so tu es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich.“</em></p><p>Es ist ein Wort, das den Geist der Freiheit atmet. Ein Wort, das dazu ermutigt, frei zu sein, dem Herrn anders und womöglich besser zu dienen, und ein Wort, das dazu anhält, dem Geist des Franziskus gerade in dieser Freiheit treu zu bleiben.</p><p>Beides wünsche ich Papst Leo XIV., wünschen wir ihm alle von Herzen.</p><p>Möge der Herr seinen Dienst und seine Kirche und mit ihr die ganze Welt segnen.</p><p>Amen</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Würzburg</category><category>Papst Leo XIV</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-65107</guid><pubDate>Mon, 28 Apr 2025 08:21:05 +0200</pubDate><title>„Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/die-hoffnung-aber-laesst-nicht-zugrunde-gehen/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung im Würzburger Kiliansdom in der Predigtreihe in der Osterzeit im Heiligen Jahr 2025 zum Thema „Hoffnungsorte“ am Sonntag, 27. April 2025 zum Thema: Die Bahnhofsmission in Würzburg</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder,</p><p>in der Predigtreihe im Dom anlässlich des Heiligen Jahres mit dem Motto „Pilger der Hoffnung“ soll es um Hoffnungsorte gehen. Ich darf als Bischof heute den Anfang machen mit meinem Hoffnungsort, der Bahnhofsmission in Würzburg. Zu Beginn will ich kurz erzählen, wie ich zu diesem Ort kam. Alles begann mit der Bischofsweihe!</p><h3>Das Weiheversprechen, den Armen und Heimatlosen beizustehen</h3><p>„Bist du bereit, um des Herrn willen den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein?“ So wurde ich vor der Weihe gefragt. Ich habe diese Frage mit „Ja“ beantwortet und im Anschluss daran nach einer Möglichkeit gesucht, diesem Versprechen sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Als Bischof besucht man viele soziale Einrichtungen der Caritas und anderer Träger der Wohlfahrtspflege. Aber ich wollte nicht nur „Alibi“-Besuche machen, sondern ein festes Engagement eingehen, das den Ernst meines Weiheversprechens unterstreicht.</p><h3>Festakt zu „120 Jahre Bahnhofsmission Würzburg“</h3><p>Dann kam der Festakt „120 Jahre Bahnhofsmission Würzburg“ im Jahr 2019. Es war eine beeindruckende Feier, an deren Ende der Aufruf stand, die Bahnhofsmission zu unterstützen, sei es mit Geld oder Sachspenden, oder gar mit der eigenen Zeit.</p><p>Ich weiß noch, wie ich von diesem Festakt zurückkam und mir sagte: „Das ist es“.</p><p>Hier kannst du dich einbringen. Es ist nur wenige Gehminuten vom Bischofshaus entfernt. Du brauchst keine Spezialausbildung. Eine feste Schicht einmal im Monat mit vier Stunden muss drin sein - trotz der Terminfülle im bischöflichen Kalender.</p><h3>Bahnhofsmission als Hoffnungsort?</h3><p>Doch ist die Bahnhofsmission wirklich ein Hoffnungsort? Darüber kann man sich trefflich streiten. Der erste Eindruck scheint dem jedenfalls zu widersprechen. Schon mein allererster Dienst in der Bahnhofsmission konfrontierte mich mit allen Spielarten des Elends, die man meist nur theoretisch kennt, aber denen man hier ungefiltert begegnet: Armut, Einsamkeit, Fluchterfahrung, Obdachlosigkeit, Suchtverhalten, Arbeitslosigkeit und Krankheiten aller Art, die die gewohnten Begleiterscheinungen der Not sind.</p><p>Das alles an einem Ort geballt stimmt einen alles andere als hoffnungsvoll. Im Gegenteil. Es war ein Schock, der Armut in ihren vielen Gesichtern – Gesichtern im wahrsten Sinne des Wortes! – nämlich in Menschen, zu begegnen, so ganz offen und ungeschönt. Angesichts dieser Erfahrung mag man mit Recht fragen, ob die Bahnhofsmission überhaupt ein Hoffnungsort ist oder doch das Gegenteil dessen.</p><h3>Hoffnung besteht in Spannungsverhältnissen</h3><p>Zur Beantwortung dieser Frage hilft es zu klären, was Hoffnung auszeichnet. Erst wenn geklärt ist, was die Hoffnung ausmacht, kann auch der Frage nachgegangen werden, ob die Bahnhofsmission ein Hoffnungsort ist oder nicht. Was also zeichnet die Hoffnung aus? Hoffnung, so würde ich sagen, ist kein fester Zustand, sondern Hoffnung bezeichnet immer ein Spannungsverhältnis. Die Hoffnung lebt in der Spannung zwischen einem unerwünschten Ist-Zustand und der Aussicht darauf, dass es einmal besser wird, dass sich vielleicht sogar einmal der Ideal-Zustand einstellt. Die Hoffnung zeigt sich dabei als innere Spannkraft, die nicht klein beigibt, sich nicht unterkriegen lässt, sondern sich ausstreckt nach der Veränderung zum Besseren.</p><p>Lässt sich die Hoffnung als Spannungsverhältnis beschreiben, kann man auch die Bahnhofsmission als Hoffnungsort bezeichnen. Denn die Arbeit in der Bahnhofsmission bleibt voller Spannungen, die jeder, der sich dort engagiert, erfährt. Von einigen dieser Spannungsverhältnisse möchte ich kurz erzählen.</p><h3>Bahnhofsmission in der Spannung zwischen Endstation und Haltestelle</h3><p>Das beginnt beim Bahnhof selbst. Er ist einerseits der Ort höchster Mobilität. Andererseits aber auch der Ort, an dem sich all diejenigen versammeln, für „die der Zug im Leben abgefahren“ zu sein scheint. Man erschrickt nachgerade über die vielen Metaphern, die der Welt des Bahnhofs entlehnt sind, um menschliche Not zu beschreiben. Da ist die Rede von denen, „die auf dem Abstellgleis gelandet sind“, oder von den „Abgehängten“ und „Ausrangierten“.</p><p>Inmitten dieser Spannung versteht sich die Bahnhofsmission bewusst als Haltestelle, nicht als Endstation. Auch wenn sie auf den ersten Blick für viele wie eine Endstation erscheinen mag, von ihrem Selbstverständnis her will die Bahnhofsmission dennoch Haltestelle sein. Ein Ort, um einzukehren und aufzutanken. Ein Ort, um Kraft zu schöpfen für die nächste Wegetappe, wie auch immer sie aussehen mag. Denn die Hoffnung geht voran und bleibt nicht stehen. Sie streckt sich immer neu nach dem aus, der vor uns liegt, nach Christus selbst (Phil 3,13).</p><h3>Bahnhofsmission in der Spannung zwischen zugeschlagenen Türen und offener Tür</h3><p>„Wo soll ich denn hin? Ich kann nirgendwo hin…“ so schrie neulich jemand seine ganze Verzweiflung heraus, nachdem ihm wieder einmal die Tür gewiesen worden war. In der Bahnhofsmission begegnet man Menschen, hinter denen sich im Leben viele Türen geschlossen haben. Sie haben keinen Ort, wo sie hingehören und wo sie hinkönnten. Deshalb fahren sie oft ziellos durch die Lande, ohne jemals anzukommen.</p><p>Angesichts so vieler verschlossener Türen will die Bahnhofsmission die Tür offenhalten. Und zwar für 24 Stunden an sieben Tagen die Woche. Es ist der einzige Ort in Würzburg, der immer geöffnet ist und an dem man immer jemanden antreffen kann. Das macht die Bahnhofsmission so besonders. „Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann“ wird in der Offenbarung des Johannes zum Engel der Gemeinde von Philadelphia gesagt (Offb 3,8). „Philadelphia“ aber heißt übersetzt „Bruderliebe“. Diese Bruderliebe hält in Gestalt der Bahnhofsmission die Tür immer offen. Das macht sie zu dem Hoffnungsort unserer Stadt.</p><h3>Bahnhofsmission in der Spannung zwischen Hilfsangebot und Ohnmacht</h3><p>Wer bei der Bahnhofsmission arbeitet, muss lernen, mit der Spannung zwischen Helfen-Wollen und Ohnmacht zurechtzukommen. So ging es mir jedenfalls am Beginn meiner Tätigkeit. Man kommt mit viel Idealismus und will helfen. Aber das Gegenüber entscheidet, ob es die Hilfe annehmen will und oder nicht. So habe ich anfangs mehrfach versucht, jemandem eine Arbeitsstelle zu verschaffen, spürte aber bald, dass der andere nicht zieht und im Letzten eigentlich auch gar nicht will.</p><p>Das zeigte mir, dass es nicht darum geht, für andere etwas zu tun, sondern dass man es immer mit ihnen tun muss. Der Mensch, der mir begegnet, entscheidet frei darüber, was für ihn gut ist und was nicht. Meine Hoffnung ist noch lange nicht seine Hoffnung. Hoffnungsort wird die Bahnhofsmission erst dort, wo man einander zuhört und verstehen lernt, was jetzt ein nächster guter Schritt sein könnte und was mein Beitrag dabei sein könnte. Denn im Letzten muss jeder sein Leben selbst in die Hand nehmen. Ich aber darf für ihn hoffen und ihn dabei begleiten, ohne ihn jedoch zu bevormunden oder zu meinen, ich wüsste es besser. Hoffnung gibt frei, ohne fallen zu lassen. Wie sagt es Paulus so schön: „Unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich“ (2 Kor 1,7).</p><h3>Bahnhofsmission in der Spannung zwischen Verlust und Bewahren der Würde</h3><p>„Ich bin doch kein Unmensch!“ Dreimal wiederholte der Gast lautstark diesen Satz. Er klang wie der Einspruch gegen ein Urteil. Oder wie eine Selbstvergewisserung gegen alle äußere Evidenz. Oder wie eine letzte, trotzige Behauptung der eigenen Würde. Mensch oder Unmensch? Bei der Bahnhofsmission geht es immer um das spannungsreiche Thema Würde. Würde als Selbstachtung. Würde, die von anderen mit Füßen getreten wurde. Würde, die man einklagen möchte, auch wenn kaum eine Aussicht besteht, mit der Klage durchzukommen.</p><p>Wenn Hoffnung auf Überleben dadurch gesichert wird, die Würde des Anderen zu wahren, ihn in seiner Würde zu bestärken und ihn so zu ermutigen, sich nicht aufzugeben, dann ist die Bahnhofsmission ein Hoffnungsort. Menschen dürfen hierherkommen ohne Vorbedingungen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ohne Berechtigungs- oder Bezugsscheine. Sie sind hier immer willkommen und angenommen, denn ihre Würde gewinnen sie von Christus her, den wir in den Armen erkennen und dem wir in den Armen dienen (Mt 25,40).</p><h3>Bahnhofsmission in der Spannung zwischen Zuversicht und Zynismus</h3><p>Wer an der Armutsgrenze arbeitet, braucht Ausdauer und jede Menge Idealismus. Ausdauer, weil die Armut göttliche Eigenschaften hat, wie Hans Magnus Enzensberger einmal pointiert sagte. Denn Armut ist „allgegenwärtig“ und „ewig“. Ein Ende des eigenen Engagements ist nicht absehbar.</p><p>Zugleich braucht man eine gehörige Portion Frustrationstoleranz. Oftmals überkommt einen der Eindruck, als würden Menschen seit Jahren auf der Stelle treten. Ein Fortschritt ist trotz aller Unterstützung nicht in Sicht. Es sind immer wieder die gleichen Geschichten von Benachteiligung und Unrecht, von Verletzungen und Zurücksetzungen, in die sich Besucherinnen und Besucher verheddern und nicht mehr herauskommen. Auch dabei überkommt einen als Mitarbeiter der Bahnhofsmission bisweilen ein Gefühl von Müdigkeit und Mutlosigkeit, manchmal auch von Ärger oder Frust. Die Frage, kann ich eigentlich irgendetwas bewirken, kann ich wirksame Hilfe leisten, sie bohrt und geht an die Substanz.</p><p>Ausgespannt zwischen Zweckoptimismus einerseits und drohendem Zynismus andererseits geht man seinen Verpflichtungen nach. Rettung bietet in solchen Situationen oftmals der Humor. In der Tat lachen wir oft und viel: über die unfreiwillige Situationskomik des Alltags, über eine ironische Bemerkung oder eine lustige Begebenheit, von der jemand zu berichten weiß. Der Humor bietet die Möglichkeit innerer Distanzierung. Er ist eine Einladung, einmal einen Schritt zurückzutreten, durchzuatmen und sich nicht zu wichtig zu nehmen. Ja, auch der Humor ist eine Form der Hoffnung. Denn wer noch lachen kann, der hat sich erhoben über das Bedrängende der gegenwärtigen Notsituation, der geht nicht auf oder gar unter in der Erfahrung der Vergeblichkeit. Geteilte Freude stärkt die gemeinsame Hoffnung in die Sinnhaftigkeit dessen, was man tut. Nicht umsonst mahnt der Apostel Paulus „Seid fröhlich in der Hoffnung“ (Röm 12,12). Denn aus der Freude erwächst die Geduld, die wiederum durch das Gebet gestärkt wird.</p><h3>Bahnhofsmission in der Spannung zwischen christlichen Engagement und fehlgeleitetem Ersatz staatlicher Fürsorge</h3><p>Wie oft höre ich den Satz: Wenn die Stadt und der Staat ihren Verpflichtungen endlich nachkämen, dann bräuchte es gar keine Bahnhofsmission. Ein Satz, in dem der Vorwurf mitschwingt, dass man durch eine Anlaufstelle wie die Bahnhofsmission die nötigen Maßnahmen der öffentlichen Hand geradezu verhindere und den Armutszustand auf Dauer stelle, anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen.</p><p>Bei allen richtigen Überlegungen verkennt eine solche Argumentation, dass es trotz der bestehenden Unterstützungsangebote immer Menschen geben wird, die durch alle Sicherungsnetze fallen, aus welchen Gründen auch immer. Wie sagt Jesus im Johannesevangelium so provozierend: „Die Armen habt ihr immer bei euch. Mich aber habt ihr nicht immer bei euch“ (Joh 12,8). Wer aber Christus hat, der hat auch durch ihn einen Blick für die allgegenwärtigen Armen.</p><p>Insofern kann und will die Bahnhofsmission nicht die öffentliche Armenfürsorge ersetzen. Sie will für die da sein, für die es keine Hilfen gibt. Insofern macht sie auch immer wieder auf Nöte aufmerksam, die bislang noch nicht im Blick waren. Der Hoffnungsort Bahnhofsmission hat dadurch etwas Prophetisches. Er lädt dazu ein, genauer hinzuschauen und zielgerichteter zu helfen.</p><h3>Die Besucher der Bahnhofsmission als „Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung“</h3><p>Ich komme zum Schluss. „Wir rühmen uns der Bedrängnisse; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,3-5). So schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief.</p><p>Wenn die Bedrängnisse zur Schule der Hoffnung werden, dann wird man auch die Bahnhofsmission als Schule der Hoffnung bezeichnen können. Denn hier lernt man die vielfachen Bedrängnisse der Menschen kennen. Hier übt man sich in der Geduld. Hier ist man im Einsatz auf Bewährung. Auch dass die Hoffnung das unverfügbare Geschenk des Heiligen Geistes bleibt, lernt man hier. Es ist der österliche Geist der Auferstehung, der an das neue Leben glaubt. „Hoffnung oftmals wider alle Hoffnung“, wie derselbe Paulus sagt (Röm 4,18).</p><p>&nbsp;Durch sie wird die Bahnhofsmission zum „Feldlazarett“, also genau zu dem, was der gestern zu Grabe getragene Papst Franziskus von seiner Kirche forderte. Zum Ort, an dem die göttliche Barmherzigkeit den Armen und Notleidenden vermittelt wird. Zum Ort, an dem man die eigene Verletzlichkeit zeigen kann und darf, wie der Auferstandene dem Apostel Thomas seine Wunden zeigt im heutigen Evangelium. Weil der Herr die Wunden in neues Leben gewandelt hat, dürfen wir die berechtigte Hoffnung hegen, dass unser Einsatz nicht vergebens ist.</p><p>Die Besucherinnen und Besucher der Bahnhofsmission sind für mich jedenfalls die beeindruckendsten „Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung“. Jeden Tag beginnen sie aufs Neue mit ihrer Pilgerschaft. Jeden Tag trägt sie die Hoffnung, nur heute etwas zu essen zu bekommen, nur heute die Erfahrung der Wertschätzung zu machen, nur heute einem freundlichen Gesicht zu begegnen und nur heute ein wirkliches Gespräch zu finden. Die Bitte um das tägliche Brot aus der Hand des himmlischen Vaters leben sie so konkret wie nur wenige von uns. Lassen wir sie auf dieser Pilgerreise nicht allein. Stärken wir sie in ihrer Hoffnung durch unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung. Denn die gemeinsame Hoffnung lässt niemanden zugrunde gehen. Genau dafür steht die Bahnhofsmission, auch hier in Würzburg. Amen.</p>
]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Pilger der Hoffnung</category><category>Würzburg</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-65087</guid><pubDate>Fri, 25 Apr 2025 18:00:00 +0200</pubDate><title>„Dieser Papst setzte ganz andere Akzente“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/dieser-papst-setzte-ganz-andere-akzente/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung im Pontifikalrequiem für Papst Franziskus im Würzburger Dom am 25. April 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder,</p><p>„Um es klar zu sagen: Der Heilige Geist ist für uns eine Belästigung. Er bewegt uns, er lässt uns unterwegs sein, er drängt die Kirche, weiter zu gehen. Aber wir sind wie Petrus bei der Verklärung: ‚Ah, wie schön ist es doch, gemeinsam hier zu sein.’ Das fordert uns aber nicht heraus. Wir wollen, dass der Heilige Geist sich beruhigt, wir wollen ihn zähmen. Aber das geht nicht. Denn er ist Gott und ist wie der Wind, der weht, wo er will. Er ist die Kraft Gottes, der uns Trost gibt und auch die Kraft, vorwärts zu gehen. Es ist dieses ‚vorwärts gehen’, das für uns so anstrengend ist. Die Bequemlichkeit gefällt uns viel besser.“</p><p>So hat Papst Franziskus am 16. April 2013 gesagt, wenige Wochen nach seiner Wahl. Das Zitat über den Heiligen Geist liest sich wie ein Spiegel seiner eigenen Amtszeit. Denn dieser Papst setzte ganz andere Akzente als seine beiden direkten Vorgänger im Amt. Die Beunruhigung, die er dem Heiligen Geist attestierte, war auch in jeder seiner Ansprachen und in seinen öffentlichen Auftritten zu spüren. Anstatt auf ungebrochene Kontinuität zu setzen und die Institution Kirche zu stabilisieren, setzte er auf Unterbrechung und Störung eines Kirchenbetriebs, dessen Selbstbezüglichkeit ihm ein Dorn im Auge zu sein schien.</p><p>Das begann schon mit der Wahl seines Namens. Der heilige Franziskus war für den mächtigsten Papst des Mittelalters, Innozenz III., eine Provokation. Statt auf Macht setzte der heilige Franziskus konsequent auf Armut. Die Institutionenkritik des Poverello lebte in Papst Franziskus fort.</p><p>Geharnischte Worte, wie überhaupt eine sehr bildreiche, kraftvolle Sprache, wurden zu seinem Markenzeichen. Er verstand sich nicht als theologischer Lehrer, sondern wollte als erster Seelsorger seiner Kirche die Gläubigen weltweit aufrütteln. Das hat er in der Tat oft getan, inspiriert vom Geist, der belästigen will und nicht einschläfern möchte. Zu dieser aufrüttelnden Rhetorik zählte seine Dauerkritik am „Klerikalismus“ als der schier unausrottbaren Geisel der Kirche. Unvergessen ist ebenso der oft zitierte Satz: „Diese Wirtschaft tötet.“</p><p>Damit die Theologie nicht in Weltfremdheit abgleitet, setzte er provokante Zeichen, den Zeichenhandlungen der alten Propheten nicht unähnlich.</p><p>So war es der Papst, der als erster nach Lampedusa flog, um bei den Geflüchteten zu sein und auf ihr Elend aufmerksam zu machen. Das Abendmahlsamt am Gründonnerstag feierte er im Gefängnis, um allen die Füße zu waschen, unabhängig von religiöser Überzeugung, Geschlecht und Herkunft. In Zeiten von Corona waren es die Bilder vom einsamen Papst auf dem Petersplatz, der mit der Ikone der „Salus Populi Romani“ weltweit Fürbitte hielt für eine Menschheit, die grausam aus der Illusion erwacht war, man könne „in einer kranken Welt gesund leben“, wie er eindringlich mahnte.</p><p>Seine Botschaft war dabei immer dieselbe: Kirche muss „an die Ränder gehen“ und bei den leidenden Gliedern des Leibes Christi präsent sein. Und Kirche ist für alle da, weil in Christus alle Schwestern und Brüder sind, eben „Fratelli Tutti“. Alle tragen gemeinsam Verantwortung für das Eine Haus unserer Erde inmitten der bedrohten Schöpfung Gottes. Aufgabe der Kirche ist es daher, Motor weltweiter Solidarität zu sein. Kirche versteht sich als universales Sakrament des Heils. Wo sie das nicht oder nicht mehr ist, verrät sie ihre eigene Sendung. Deshalb auch war ihm eine „verbeulte Kirche“, die in ihrer Mission ordentlich gebeutelt und durchgeschüttelt wurde, lieber als eine weltfremde Kirche, die nur um ihre eigene Sicherheit besorgt ist.</p><p>Für sein Bild von Kirche diente ihm das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als wichtigster Referenztext. Aus ihm leitete er die Bedeutung der Barmherzigkeit Gottes ab, die er wie kein anderer Papst vor ihm stark machte. Barmherzigkeit und Zärtlichkeit, das waren die Kategorien, die er in den theologischen Diskurs neu einführte und die – das war ihm immer besonders wichtig – unmittelbar praktische Konsequenzen nach sich zogen. Denn diese Barmherzigkeit musste erfahrbar sein bei allen, die im Dienst der Kirche stehen. Das galt vor allem für den barmherzigen und zärtlichen Umgang mit den Armen und Schwachen. Männer und Frauen der Kirche sollten anderen zu geistlichen Vätern und Müttern werden. Sie sollten nicht in eine sterile „alte Junggesellen“- oder „alte Jungfern“-Mentalität verfallen, wie er wiederholt warnte.</p><p>Seine Kirche deutete der Papst zuerst als „Feldlazarett“ inmitten einer zutiefst verwundeten Menschheit. Anstatt zu verurteilen, sollte die Kirche heilen. Die Duschen auf dem Petersplatz für Obdachlose und das Denkmal für die Geflüchteten verliehen all dem sichtbaren Ausdruck. Anstatt zu belehren, sollte die Kirche Menschen auf ihrem Weg zu Christus begleiten. Das zeigte sich besonders deutlich in der Kurienreform.</p><p>Hier verdrängte das neu gebildete „Dikasterium für die Evangelisierung“ das altehrwürdige „Dikasterium für die Glaubenslehre“ vom ersten Platz unter den Dikasterien. Dass Mission Chefsache ist und nicht delegiert werden kann, unterstrich er dadurch, dass er sich den Vorsitz im „Dikasterium für die Evangelisierung“ selbst vorbehielt. „Kirche hat nicht nur eine Mission, sondern sie ist ihrem Wesen nach Mission!“, das war die Botschaft, die er durch diese Neuordnung der Kurie senden wollte.</p><p>Feldlazarett kann man allerdings nur sein, wenn man sich den leidenden Menschen aussetzt. Deshalb betonte der Papst immer wieder die Bedeutung des direkten Kontaktes. Einander in die Augen sehen und einander zuhören waren seiner Auffassung nach die wichtigsten pastoralen Fähigkeiten. Der Hirte selbst musste „den Geruch der Schafe“ kennen, bevor er den Anspruch erhob, sie leiten zu können, wollte er den Kontakt zu seiner Herde nicht verlieren.</p><p>Dieses einander in die Augen sehen und einander zuhören machte er auch stark für die innerkirchlichen Beratungsprozesse. In Sachen „Synodalität“ sah er großen Nachholbedarf. Gemäß seinem Prinzip „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ wollte er im direkten Zuhören erfahren, was die aktuellen Probleme der Menschen, der Jugendlichen, der Familien, der Ortskirchen weltweit sind. Mit seiner Neuinterpretation kirchlicher Beratungsformate setzte er wesentliche Akzente. Dabei ließ der Papst die Weltkirche teilhaben an seinem Suchprozess nach dem, was „Synodalität“ heißen und wie man sie erfolgversprechend praktizieren könnte.</p><p>Gemäß dem jesuitischen Grundsatz des „Experiments“, Neues einfach einmal auszuprobieren, auch wenn man noch nicht absehen kann, was genau dabei herauskommen wird, ging er beherzt ungewohnte Schritte. Zu diesen zählt sicher auch die überraschende Ernennung der Ordensfrau Raffaela Petrini zur ersten Regierungschefin des Vatikanstaats in der Kirchengeschichte. Prozesse in Gang zu setzen, die auf lange Frist Früchte tragen, war ihm wichtiger, als Positionen zu behaupten. Dies korrespondiert mit einem anderen seiner Prinzipien, das da lautete: „Die Zeit ist mehr wert als der Raum.“ Denn Veränderung braucht einen langen Atem. So schlug Franziskus auch Schneisen, durch die erst ein Nachfolger wird weitergehen können.</p><p>Seine Aufmerksamkeit für die Menschen am Rand wirkte sich auch innerkirchlich aus im Blick auf überraschende Kardinalserhebungen.</p><p>Während die alten, stolzen Bischofssitze vor allem in Europa leer ausgingen, wurden plötzlich Bischöfe buchstäblich von den Rändern der Weltkirche in den Kardinalsstand erhoben. Kriterium für die Auswahl der Purpurträger war ihr Einsatz wiederum für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Papst Franziskus wollte keine Kirchenfunktionäre, sondern Seelsorger, die sich wie er den Menschen mit Leib und Seele verbunden wussten und bereit waren, für ihre Herde einiges zu riskieren.</p><p>Auch wenn in den vergangenen Jahren die Unterbrechungen zunahmen, die durch altersbedingte Krankheitspausen erzwungen wurden, so tat das seiner Vitalität und Lebensfreude doch selten Abbruch. Seiner tiefempfundenen Begeisterung am Glauben verlieh er beredten Ausdruck in den Titeln seiner Enzykliken und Apostolischen Schreiben, in denen das Motiv der Freude immer neu anklang: „Evangelii Gaudium“, „Amoris Laetitia“, „Gaudete et Exsultate“, „Laudate Deum“ und „Laudato Si“, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Freude war seiner Überzeugung nach die missionarische Triebkraft einer Kirche, deren Bedienstete nicht mit einer Trauermiene umherlaufen sollten, die auf alle anderen abschreckend wirkt. Seine chronisch gute Laune rührte sicher auch daher, dass er immer neu den unmittelbaren Kontakt zu seinen Mitmenschen in überraschenden Begegnungen, Briefen und Telefonaten suchte, die ihm selbst Lebenselixier waren, wie es schien.</p><p>„Wir wollen, dass der Heilige Geist sich beruhigt, wir wollen ihn zähmen. Aber das geht nicht. Denn er ist Gott und ist wie der Wind, der weht, wo er will. Er ist die Kraft Gottes, der uns Trost gibt und auch die Kraft, vorwärts zu gehen. Es ist dieses ‚vorwärts gehen’, das für uns so anstrengend ist.“</p><p>In der Tat, der Pontifikat von Papst Franziskus war oftmals herausfordernd. Viele mussten sich anstrengen, mit der Unbekümmertheit des Papstes Schritt zu halten. Für den Kurs der katholischen Kirche zeichnete Franziskus dabei keine eindeutige Route vor. Wahrscheinlich betrachtete er seinen eigenen Pontifikat bewusst als eine Zeit der Suche und des Übergangs. Zum ersten Mal durften bisher für unumstößlich gehaltene Wahrheiten hinterfragt werden, zumindest konnte man einmal offen über bestimmte Probleme reden, ohne gleich abgemahnt zu werden. Er hatte jedenfalls einen wachen Sensus dafür, dass seine Kirche an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stand. „Wir erleben nicht eine Epoche des Wandelns, sondern einen Wandel der Epoche“, sagte er eindringlich. Wer wollte ihm da widersprechen?</p><p>Angesichts großer Verunsicherung über die Zukunft des Planeten wie der politischen Verhältnisse weltweit sollte das Heilige Jahr 2025 unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“ Ermutigung sein, um voll Glaubenszuversicht auf dem Weg der Christusnachfolge auszuschreiten. Seine Autobiographie, die rechtzeitig zu Beginn des Heiligen Jahres erschien, trug nicht zufällig den Titel „Hoffe“. In ihr legte er Zeugnis ab von der Kraft gläubiger Hoffnung, die auch ihn durch alle Höhen und Tiefen getragen hatte. Trotz großer Unsicherheiten war ihm immer wichtig gewesen, weiterzugehen und nicht stehen zu bleiben. Denn er wusste, dass Stillstand in Wahrheit Rückschritt heißt. Der Geist drängt zum Vorwärtsgehen. In diesem Geist hat er nun die letzte Hürde genommen und ist selbst als Pilger der Hoffnung eingegangen in die Freude seines Herrn. Gestärkt haben ihn auf diesem letzten Weg wohl auch die Worte seiner letzten Enzyklika „Dilexit nos“, die wie ein Vermächtnis klangen. In ihr empfahl er die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu allen Gläubigen, eine Frömmigkeit, die ihm entsprechend der ignatianischen Tradition offenbar selbst kostbar geworden war und die ihn trug in Zeiten großer Schwachheit.</p><p>Möge der Herr nun dem Apostel der göttlichen Barmherzigkeit selbst barmherzig sein und das gute Werk vollenden, das er in seinem Knecht Franziskus begonnen hat. Er ruhe aus von all seinen Mühen. Danke, Papst Franziskus.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Papst Franziskus</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Weltkirche</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-64845</guid><pubDate>Wed, 16 Apr 2025 18:30:00 +0200</pubDate><title>„In der Berufung wachsen“</title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/in-der-berufung-wachsen/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Jung in der Chrisammesse im Würzburger Kiliansdom am Mittwoch, 16. April 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p>noch immer stehen wir in diesen Tagen unter dem Eindruck der Veröffentlichung des Gutachtens zum sexuellen Missbrauch in unserem Bistum. Im Blick auf unser geistliches Amt ist das Gutachten eine Einladung, über unsere Sendung als Bischöfe, Priester und Diakone nachzudenken. Die drei heiligen Öle, die wir in der Chrisammesse weihen, dienen mir dabei als Leitfaden für meine Gedanken zum geistlichen Amt in diesem Jahr.</p><p><em><strong>Das Krankenöl</strong></em></p><p>Beginnen möchte ich mit dem Krankenöl. Das Krankenöl verweist uns heute auf die vielen seelischen und körperlichen Wunden, die Menschen im Raum der Kirche durch den Missbrauch zugefügt wurden. Es sind Wunden, die nicht einfach heilen. Gerade weil diese Wunden nicht heilen wollen, nehmen sie uns in die Pflicht, für die Betroffenen Verantwortung zu übernehmen und alles daran zu setzen, künftige Übergriffe zu verhindern.</p><p>Das Krankenöl erinnert mich aber auch daran, dass etwas in unserer Kirche krank war. Keiner glaubte, dass solche Verbrechen im Raum der Kirche passieren könnten. Keiner glaubte, dass Priester zu so etwas fähig wären. Genau das ermöglichte überhaupt erst die Missbrauchsverbrechen und führte dazu, dass sich die Täter jahrzehntelang in Sicherheit wiegen konnten. Denn wer wollte den Betroffenen Glauben schenken? Und wem sollten sie ihre Geschichte erzählen? Um die Institution Kirche zu schützen, wurden die Taten verheimlicht. Man wollte und konnte nicht zugeben, dass die Kirche keineswegs so makellos ist, wie ihre Außendarstellung glauben machen wollte.</p><p>Das Krankenöl erinnert mich in diesem Zusammenhang auch an den größten Skandal. Er besteht darin, dass sich die Verantwortungsträger der Kirche immer nur um die Täter gesorgt haben. Sie hatten aber keinen Blick für diejenigen, die durch die Mitarbeiter der Kirche zu Schaden gekommen waren. Keinen rührte das Los der Betroffenen. Keiner kümmerte sich. Keiner fragte nach, wem etwas Schlimmes durch kirchliche Amtsträger widerfahren war. Das ist ein Versäumnis, das sehr schwer wiegt. Opfer der Übergriffe wurden in der Regel die verletzlichsten jungen Menschen. In ihrer Verletzlichkeit hat man sie nicht beschützt, sondern ihre Hilflosigkeit schamlos ausgenutzt. Im Evangelium hieß es aber eben: <em>Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.</em></p><p>Christus, der Gesalbte des Herrn, weiß sich gerade zu den Verletzlichsten gesandt. Ihnen gilt seine besondere Sorge. Das müssen wir immer neu von ihm lernen. Das mahnt uns, nicht nur den eigenen Anspruch hochzuhalten, sondern immer auch zu fragen, ob wir diesem Anspruch wirklich gerecht werden.</p><p>So erinnert mich heute das Krankenöl daran, dass auch die Kirche permanent der Heilung bedarf. Von Gott her ist ihr Heiligkeit eingestiftet, das ist wahr. Aber Menschen, auch Amtsträger, können diese Heiligkeit verdunkeln. Wie heißt es in Lumen Gentium 8 so eindrücklich: „<em>Während aber Christus heilig, schuldlos, unbefleckt war und Sünde nicht kannte, sondern allein die Sünden des Volkes zu sühnen gekommen ist, umfasst die Kirche Sünder in ihrem eigenen Schoße. Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“.</em></p><p>Verstehen wir den heutigen Tag der Erneuerung unseres Weiheversprechens als Einladung, in der Heiligkeit zu wachsen. Ich danke ausdrücklich Ihnen allen, dass Sie diesen Weg der Erneuerung, den wir im Bistum unter das Motto „Gemeinsam für eine sichere Kirche“ gestellt haben, mitgehen. Die Erneuerung, von der wir hier reden, ist ein unabgeschlossenes Projekt, zu dessen Umsetzung unser Eifer nicht erlahmen darf.</p><p><em><strong>Das Katechumenenöl</strong></em></p><p>Das Katechumenenöl erinnert mich daran, dass die Missbrauchskrise uns dazu gezwungen hat, neu über unsere Sendung als Kirche und unseren Dienst in der Kirche nachzudenken. Katechumenen sind Menschen auf dem Weg. Auf dem Weg zu Christus zu sein, heißt sich einzugestehen, dass man noch nicht ausgelernt hat. Kirche predigt nicht nur die Umkehr. Papst Franziskus hat vom ersten Tag seines Pontifikates keinen Zweifel daran gelassen, dass die Kirche selbst als erste unter dem Umkehrruf Christi steht.</p><p>Lernende zu sein, heißt ernst zu nehmen, dass wir es in der Seelsorge oftmals mit asymmetrischen Beziehungen zu tun haben. Gerade diese sind ein Einfallstor des Bösen. Überall wo es ein Machtgefälle gibt zwischen Seelsorgenden und Gläubigen, Lehrenden und Schülern, Helfenden und Hilflosen ist besondere Vorsicht angesagt. Der Geist Jesu hilft uns, hier klar zu sehen. Der Geist Jesu sensibilisiert uns dafür, die Balance zwischen hilfreicher Nähe und gebotener Distanz zu wahren. Jesu Geist hält uns dazu an, täglich unsere Rollen zu reflektieren und sie so zu füllen, dass wir unserem Auftrag zum Wohl der uns Anvertrauten gerecht werden.</p><p>Lernende zu sein, heißt auch Kontrollmechanismen einzuführen. Es tut uns als Kirche gut, wenn Menschen von außen auf uns schauen – wie jetzt in dem Gutachten zum Missbrauch. Dadurch bekommen wir Rückmeldungen, die uns dazu anhalten, unsere Haltungen und unser Verhalten zu überdenken und wenn nötig auch zu verändern. Das gilt für die Institution als Ganze.</p><p>Es gilt aber auch für unseren individuellen Weg der Nachfolge. Daher werde ich nicht müde dazu zu ermutigen, geistliche Begleitung in Anspruch zu nehmen.</p><p>Möge uns das Katechumenenöl immer daran erinnern, dass wir vor dem Herrn und in seinem Dienst nie fertig sind, sondern immer Anfänger bleiben. In diesem Sinn ist das Wort aus dem heutigen Evangelium: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ nicht nur einmal zu hören. Es soll sich im „Heute“ eines jeden neuen Tages bewahrheiten.</p><p><strong><em>Das heilige Chrisamöl</em></strong></p><p>Kommen wir abschließend zum heiligen Chrisamöl. Die Salbung mit diesem Öl will uns Anteil geben an der Sendung des Gesalbten schlechthin, an der Sendung Jesu Christi. Es stimmt, dass wir „in persona Christi“ auftreten, wenn wir die Sakramente spenden. Dabei muss aber immer deutlich werden, dass es tatsächlich Christus ist, der spricht und handelt. Wir dürfen nicht die Stelle des Herrn einnehmen. Unser Auftrag ist vielmehr, seinen Platz freizuhalten. Wie sagt die Liturgiekonstitution so eindrücklich:</p><p><em>„Gegenwärtig ist er (Christus) im Opfer der Messe sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht (…) wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den Sakramenten, so dass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft. Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: ,Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen&quot;'(Mt 18,20).</em>“</p><p>Christus selbst muss zu Wort kommen in unserer Verkündigung. Christus selbst handelt, wenn wir Sakramente spenden. Christus selbst ist gegenwärtig, wenn sich die Gemeinde zusammenfindet. Ihm das Wort zu geben, ihn als eigentlichen Geber hervortreten zu lassen und in seinem Geist der Gemeinde zu dienen, ist eine große Aufgabe. Sie verlangt, immer neu die sakramentale Differenz zwischen Christus, den wir repräsentieren, und uns selbst stark zu machen. Nur so wehren wir einer falschen Sakralisierung des Amtes, das immer in der Gefahr steht, sich selbst mit Christus zu verwechseln anstatt sich an ihm auszurichten und sich von ihm korrigieren zu lassen.</p><p>Das unauslöschliche Siegel der Weihe, der sogenannte „character indelebilis“, bringt die Endgültigkeit der Weihe zum Ausdruck. Diese Endgültigkeit bedeutet aber nicht, dass man nach der Weihe ein für allemal fertig wäre. Das Gegenteil ist wahr. Unauslöschlich bleibt das Siegel neben der Heilszusage Gottes vor allem durch den festen Vorsatz, die Gnade neu zu entfachen, die uns durch die Handauflegung zuteilgeworden ist (2Tim 1,6). Der Zuspruch der Gnade muss zum Anspruch an unser bischöfliches, priesterliches und diakonales Wirken werden. Die göttliche Gnade tritt dabei nicht in Konkurrenz zur menschlichen Freiheit.</p><p>Sondern Gnade und Freiheit wachsen miteinander, so dass Paulus sagen kann, wir wären durch die Gnade zur Freiheit befreit (Gal 5,1); zur Freiheit, unser Leben für die Schwestern und Brüder einzusetzen. Nur so ehren wir den Heiligen Geist, dessen Siegel wir tragen bis zum Tag der Erlösung (Eph 4,30).</p><p><em><strong>Kraft der heiligen Öle zu Pilgern der Hoffnung werden</strong></em></p><p>Ich komme zum Schluss. Die drei Öle werden uns geschenkt, um in unserer Berufung zu wachsen. Das Krankenöl erinnert uns an unsere Fehlbarkeit und die Aufgabe steter Umkehr. Das Katechumenenöl stärkt unsere Bereitschaft, dem Herrn besser dienen zu lernen. Das heilige Chrisamöl erinnert uns an unsere Aufgabe als geweihte Amtsträger, Christus selbst in seiner Kirche gegenwärtig zu setzen.</p><p>Die drei Heilsgaben machen uns zu Pilgern der Hoffnung. Zu Pilgern, die hoffnungsfroh auf dem Weg der Nachfolge vorangehen und nicht stehen bleiben. Zu Pilgern, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich die Kirche und unser Bistum erneuern kann. Zu Pilgern, die in allen Suchenden die Hoffnung wecken, bei Christus die Erfüllung ihres Lebens zu finden.</p><p>Zusammen mit unserem Weihbischof Paul danke ich als Bischof Ihnen, liebe Priester und Diakone, für unseren gemeinsamen Pilgerweg der Hoffnung! Danke für Ihre Bereitschaft, heute Ihr Weiheversprechen zu erneuern. Danke für Ihren Dienst in diesen herausfordernden Zeiten. Wie immer sind Zeiten der Krise auch Zeiten der Gnade. Ergreifen wir beherzt die Chance zur geistlichen Erneuerung, die uns gerade in diesen Tagen angeboten wird. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-64780</guid><pubDate>Mon, 14 Apr 2025 11:28:00 +0200</pubDate><title>Statement des Bistums Würzburg zu den Ergebnissen des UKAM-Gutachtens </title><link>https://bischof.bistum-wuerzburg.de/aktuell/na-detail/ansicht/statement-des-bistums-wuerzburg-zu-den-ergebnissen-des-ukam-gutachtens/</link><description>Pressekonferenz am 14. April 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p>(POW)</p><h3><br />&quot;Teil 1 – Bischof Dr. Franz Jung – Stellungnahme zum UKAM-Gutachten</h3><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br />Ich darf Sie herzlich willkommen heißen zu unserer heutigen Pressekonferenz, in der ich als Bischof von Würzburg eine erste Einschätzung zum Gutachten gebe, das Professor Dr. Schneider im Auftrag der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Würzburg“ – kurz UKAM – erarbeitet hat und das mir am vergangenen Dienstag überreicht wurde.</p><p>Wenn ich recht sehe, handelt es sich um das erste Gutachten, das nicht von einem Bistum beauftragt wurde, sondern von der Unabhängigen Kommission, die auch das Forschungsdesign der Studie in Abstimmung mit dem Betroffenenbeirat vorgegeben hat. Als Bischof habe ich immer gesagt, dass wir mit der Aufarbeitung erst beginnen, wenn wir die Voraussetzungen erfüllen, die in der gemeinsamen Erklärung zwischen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem UBSKM – dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen sexuellen Kindesmissbrauch – 2020 vereinbart wurden. Diese waren ein arbeitsfähiger Betroffenenbeirat und eine unabhängige Aufarbeitungskommission. Ich bin froh und dankbar, dass es gelungen ist, beide Gremien für das Bistum Würzburg zu etablieren. Dieser Vorlauf jedoch bedingte, dass wir etwas später gestartet sind mit der Aufarbeitung, die völlig unabhängig sein sollte.&nbsp;</p><p>Ausdrücklich danke ich heute den Mitgliedern beider Gremien für die intensive und aufreibende Arbeit der vergangenen Jahre. Mit der Veröffentlichung des Gutachtens treten wir ein in eine neue Phase der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in unserem Bistum. Mein Dank geht natürlich auch an Professor Dr. Schneider und sein Team für die Erstellung des akribisch erarbeiteten Gutachtens.</p><p>Bevor ich mit meinen Ausführungen beginne, möchte ich vorab klären, was Sie heute nicht erwarten können:&nbsp;<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Fragen zum Forschungsdesign des Gutachtens, den abzuarbeitenden Fragestellungen und den getroffenen Definitionen sind an die UKAM bzw. Professor Dr. Schneider zu richten und von beiden auch zu verantworten.<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Auch Fragen zu einzelne Missbrauchsfällen können im Rahmen dieser Pressekonferenz aus Datenschutzgründen nicht erörtert werden.<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Ebenso wenig wird der Missbrauch an erwachsenen Personen thematisiert und Missbrauchsfälle, die sich in Ordensgemeinschaften ereignet haben, selbst wenn sich diese auf dem Gebiet des Bistums Würzburg befunden haben oder noch befinden. Beides war nicht Teil des Auftrags, der in der gemeinsamen Erklärung zwischen UBSKM und DBK vereinbart wurde.<br />Was aber erwartet Sie heute?<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Ich möchte zu Beginn eine Einordnung des Gutachtens aus meiner Sicht geben<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;In einem zweiten Punkt wird Frau Pfeil darüber informieren, wie das Bistum die Aktenbestände aufbereitet hat und wem sie zugeleitet wurden zur Begutachtung<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;In einem dritten Punkt legt Frau Schüller dar, welche Konsequenzen aus dem Gutachten für die Intervention zu ziehen sind<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;In einem vierten Punkt wird Generalvikar Dr. Vorndran erläutern, was das Gutachten bedeutet für die Weiterentwicklung von Prävention in unserem Bistum<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Zum Abschluss werde ich einen Ausblick geben auf die nächsten Schritte, die in der Arbeit mit dem Gutachten anstehen, das ja keinen Endpunkt darstellt, sondern einen Meilenstein für unser Bemühen bildet, uns „Gemeinsam für eine sichere Kirche“ stark zu machen<br /><br />So komme ich zu meinem ersten Punkt, einer ersten Einordnung des Gutachtens. Keine Aufarbeitung, ohne das Leid der Betroffenen vor Augen zu stellen, gerade nach den Jahren des Verdrängens, des Verschweigens und des Vertuschens. Die Wahrnehmung des zugefügten Leids sind wir den Betroffenen schuldig. Das Ausmaß ist erschreckend, auch im Bistum Würzburg.&nbsp;<br /><br />Das Gutachten identifiziert 51 Beschuldigte, erheblich weniger als die MHG Studie im Jahr 2018. Im Gegensatz dazu aber wird die Zahl der Betroffenen deutlich nach oben korrigiert. Das Gutachten spricht jetzt von 226 Betroffenen. Noch bedrückender wird es, wenn es um die Anzahl der Übergriffe geht. Das Gutachten konnte 449 Taten an den 226 Betroffenen nachweisen. Da es aber unter den 51 Beschuldigten etliche Mehrfachtäter gibt, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg an den Betroffenen vergangen haben, kommen die Gutachter zu der furchtbaren Zahl von 3053 Übergriffen. Ein unvorstellbares Ausmaß.<br /><br />Zu den Missbrauch-begünstigenden Faktoren zählt das Gutachten:<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Asymmetrische Machtverhältnisse, die zu Amtsmissbrauch einluden<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Abhängigkeitsverhältnisse, die zur Unterwerfung führten<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Unhinterfragte Autorität, die keinen Verdacht zuließ und duldete<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Die Unantastbarkeit der Amtsträger, die die „Definitionsmacht“ für sich beanspruchten über das, was sie anderen antaten, und ihre Verbrechen immer wieder schönredeten und damit auch noch Erfolg hatten<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Eine gesellschaftliche Stellung kirchlicher Amtsträger, die im weiteren Umfeld und noch darüber hinaus Respekt einfordern konnte und der man sich auch willig unterordnete<br /><br />Das Gutachten lässt aber auch keinen Zweifel am schuldhaften Versagen der kirchlichen Verantwortungsträger. Wäre rechtzeitig eingeschritten worden und wäre man den vorliegenden Hinweisen auf Missbrauch konsequent nachgegangen, hätten wahrscheinlich viele Übergriffe verhindert werden können.<br /><br />Warum das nicht passiert ist, wird auch im Gutachten in bedrückender Weise dargelegt:<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Einschüchterung der Betroffenen durch die bischöfliche Behörde oder durch ihr unmittelbares Umfeld, in dem sie sich nicht trauten, vom Missbrauch zu erzählen – wie oft ist die Rede davon, dass sich Gemeindemitglieder empört gegen den Bischof und das Ordinariat wandten, wenn der Beschuldigte versetzt oder seine Untaten ansatzweise geahndet wurden<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Deckung der Täter durch die Verantwortungsträger des Bistums wider besseres Wissen bei Hochhalten des priesterlichen Standesethos<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Versetzung der Beschuldigten, auch in andere Bistümer, und Verschleierung der wahren Gründe für eine Versetzung<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Bemühungen, festgesetzte Strafmaße herab- oder auszusetzen<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Inkonsequentes Verfolgen der Übergriffe sexualisierter Gewalt mit Absichtserklärungen gegenüber den Betroffenen und ihren Familien, die aber nie eingelöst, und mit Zusagen, die immer wieder gebrochen wurden<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Durch Untätigkeit herbeigeführte Fristverschleppungen, die eine Nachverfolgung der Übergriffe juristisch und kirchenrechtlich unmöglich machten<br />•&nbsp;&nbsp; &nbsp;Nachlässig oder chaotisch gehandhabte Dokumentations- und Meldepflichten, die erkennen lassen, dass man noch immer nicht gelernt hatte, dass keine Zeit zu verlieren ist, um schwerstes Leid von schutzbedürftigen Personen abzuwenden oder zu verhindern<br /><br />Eine verheerende Bilanz. Sie zeigt immer wieder aufs Neue, dass in den Augen der Verantwortungsträger der Schutz der Institution und die Sorge um das priesterliche Ansehen des Täters Vorrang hatten. Das Wohl der Kinder oder der Betroffenen kam, wenn überhaupt, nur sehr unzureichend in den Blick.&nbsp;<br /><br />Das ist beschämend und erschütternd zugleich.<br /><br />So möchte ich heute meine Bitte um Entschuldigung für die Jahre des Schweigens, der Verleugnung und der Untätigkeit erneuern, die ich schon bei der Entgegennahme des Gutachtens geäußert habe. Und ich muss erneut hinzufügen, wie sehr mir bewusst ist, dass viele dieser Bitte aus gutem Grund nicht werden nachkommen können.<br /><br />In den vergangenen Tagen hatte ich ein längeres Gespräch mit meinem Vorgänger im Amt, Bischof emeritus Dr. Friedhelm Hofmann. Nach der Lektüre des Gutachtens und im Rückblick auf seine Amtszeit bat er mich, am heutigen Tag in seinem Namen folgende Erklärung vorzutragen:</p><p>„<em>Das Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Bistum Würzburg betrifft auch meine Amtszeit als Bischof von Würzburg in den Jahren von 2004 bis 2017. Nach der eingehenden Lektüre des Gutachtens muss ich selbstkritisch einräumen, dass in meiner Zeit als Bischof von Würzburg Fehler gemacht wurden bei der Bearbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs. Ich weiß, dass ich als Diözesanbischof immer die Letztverantwortung getragen habe, auch wenn ich im Einzelnen den Umgang mit den Fällen sexualisierter Gewalt meinem jeweiligen Generalvikar anvertraut habe. Für die Fälle, in denen Betroffenen kein ausreichendes Gehör geschenkt wurde, Hinweisen zu Übergriffen nicht schnell genug nachgegangen wurde und Täter nicht konsequent genug zur Rechenschaft gezogen wurden, bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung. Ich bedaure das sehr und weiß heute, dass ich hier als Bischof mehr gefordert gewesen wäre und hinter meiner Verantwortung zurückgeblieben bin.</em>“&nbsp;</p><p>Neben Bischof Hofmann wurde ich auch gebeten, im Namen von Domkapitular emeritus Dr. Heinz Geist heute zu sprechen. Dr. Geist war von den Jahren 1997 bis 2010 Personalchef sowie von 2002 bis 2010 Missbrauchsbeauftragter des Bistums Würzburg. Er hat mir folgende Erklärung übermittelt mit der Bitte um Verlesung in der heutigen Pressekonferenz:</p><p><em>„Das Gutachten vom 8. April 2025 dokumentiert für die Dauer meiner Zeit als Missbrauchsbeauftragter ein nicht immer den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz vom 26. September 2002 entsprechendes Vorgehen in den mir gemeldeten Fällen.<br />Ich bedauere dies.<br />Ich stelle mich der Verantwortung für diese Versäumnisse und verzichte als Konsequenz auf meine Mitgliedschaft im Domkapitel zu Würzburg, auf die Zelebration öffentlicher Gottesdienste wie auf pastorale Veröffentlichungen.“</em></p><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<br />der Missbrauch bleibt eine offene Wunde, die nicht heilt, weil noch immer Menschen unter den Folgen dessen leiden, was ihnen im Raum der Kirche angetan wurde. Eine offene Wunde sensibilisiert für die Schmerzen und zwingt zu einem vorsichtigen und vorausschauenden Umgang.&nbsp;<br /><br />In diesem Sinn habe ich als Bischof von Beginn meiner Amtszeit an das direkte Gespräch mit den Betroffenen gesucht. Das mutige Zeugnis der Betroffenen hat es uns überhaupt erst möglich gemacht, den Prozess der Aufarbeitung anzugehen.<br /><br />Ausdrücklich danke ich Ihnen, Frau Göbel, sowie Frau Dr. Zehtner und Herrn Amrhein für ihre Arbeit im Betroffenenbeirat. In unseren Begegnungen haben Sie mir mitgeteilt, wie belastend diese Tätigkeit für sie war und ist. Umso dankbarer bin ich, dass dieses wichtige Projekt jetzt zu einem Abschluss gebracht werden konnte, der einen Meilenstein darstellt bei unseren Bemühungen um eine sichere Kirche.<br /><br />Als Bistum haben wir Betroffene – soweit sie es wollten – begleitet bei der Antragstellung im Rahmen des erweiterten Verfahrens zur Anerkennung des Leids, das im Jahr 2021 auf den Weg gebracht wurde. Wir haben Betroffene ebenso begleitet bei der seit 2023 bestehenden Möglichkeit, Widerspruch einzulegen gegen Leistungsentscheidungen der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen in Bonn und um eine neuerliche Überprüfung nachzusuchen. Ebenso haben wir Betroffenen Begleitung angeboten, wenn sie nach Vorlage neuer Informationen um eine erneute Antragstellung gebeten haben. Uns ist wichtig, niemanden allein zu lassen.&nbsp;<br /><br />Meine sehr geehrten Damen und Herren,<br />das Thema sexueller Missbrauch ist mit dem nun vorliegenden Gutachten für uns nicht erledigt. Ich sage das ausdrücklich, weil ich immer wieder höre, mit dem Gutachten sollten wir nun endlich einen Schlussstrich ziehen und das leidige Thema auf sich beruhen lassen. Das wird nicht geschehen. Welche Anstrengungen wir unternehmen, um Missbrauch künftig zu verhindern, möchten wir Ihnen im Folgenden darlegen.</p><p>Das Leid der Betroffenen ist dokumentiert in den Akten, die wir seit 2018 aus den unterschiedlichsten Ablageorten zusammengeführt haben, um sie zu sichten und sie externer Begutachtung zuzuführen. Was wir gemacht haben und wie wir dabei vorgegangen sind, wird Ihnen jetzt Frau Ordinariatsrätin Kathrin Pfeil erläutern.<br />Danke für Ihre Aufmerksamkeit!</p><p><br /><strong>Teil 2 – Ordinariatsrätin Kathrin Pfeil – Aktenaufbereitung und Übermittlung zur Begutachtung</strong></p><p><br />Sehr geehrte Damen und Herren,<br />ich darf im Überblick zentrale Schritte der Aufarbeitung und rechtlichen Klärung von Verdachtsfällen nennen, die wir seit 2018 gegangen sind. Diese bildeten wiederum die Grundlage für die unabhängige Aufarbeitung durch Professor Dr. Schneider.<br />Für die Erstellung der MHG-Studie wurde beim größeren Teil der Bistümer – darunter auch Würzburg – Personalakten für den Zeitraum 2000 bis 2015 sowie die Dokumente aus dem in dieser Zeit bestehenden Geheimarchiv seit 1945 untersucht. Bischof Dr. Jung hat nach seinem Amtsantritt 2018 entschieden, in Ergänzung dazu auch Personalakten seit 1945 nach den Vorgaben der MHG-Studie zu untersuchen. Das Ergebnis dieser Folgestudie wurde im Jahr 2019 vorgestellt. Sie können das im Gutachten von Professor Dr. Schneider ab S. 131 detailliert nachvollziehen.<br />Ebenfalls im Jahr 2019 wurde eine Untersuchung für die drei „Kilianeen“ in Würzburg, Miltenberg und Bad Königshofen vorgestellt, die im Wesentlichen Fälle körperlicher Gewalt in den Knabenseminaren dokumentierte.<br />Im Zuge dieser Erhebungen, insbesondere der MHG-Studie, wurden somit alle verfügbaren Personalakten von Klerikern seit 1945 systematisch auf Hinweise auf sexualisierte Gewalt durchgesehen. Diese Prüfungen wurden durch externe Anwaltskanzleien durchgeführt. Ein Ergebnis ist jener Aktenbestand, der nun auch der unabhängigen Untersuchung von Professor Dr. Schneider zugrunde lag.&nbsp;<br />Alle genannten Akten mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt wurden in den Jahren 2018 und 2019 der Generalstaatsanwaltschaft in Bamberg zur Prüfung vorgelegt. Im Sinne einer transparenten Aufklärung hatte das Bistum Würzburg dabei auch solche Fälle vorgelegt, bei denen die Tat unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit lag. Im Ergebnis wurden die weitaus meisten Fälle von den Staatsanwaltschaften umgehend geschlossen und nicht weiterverfolgt.<br />In der jüngeren Vergangenheit richtete sich eine größere Aufmerksamkeit auf das Handeln von Verantwortlichen im Zusammenhang mit Missbrauchstaten. Um auch diese Frage zu überprüfen, haben wir im Jahr 2022 der Generalstaatsanwaltschaft erneut eine große Zahl von Akten vorgelegt, insbesondere die Akten von verstorbenen Beschuldigten. Wir wollten damit auch mögliches strafbares Fehlverhalten von Verantwortungsträgern ermitteln lassen in Fällen, bei denen dies zuvor nicht in Betracht gezogen worden war. Auch diese Übersendung führte zu keinen weiteren Erkenntnissen.<br />Schließlich haben wir ebenfalls im Jahr 2022 in einem sehr umfangreichen Versand eine größere Zahl von Akten an das für Missbrauchsfälle zuständige Glaubensdikasterium nach Rom übergeben. Hinsichtlich des Umgangs der Kurienbehörde mit Fällen sexualisierter Gewalt darf ich Sie auf die Darstellung im Gutachten von Professor Dr. Schneider ab S. 250 hinweisen. Diese findet auch in den Handlungsempfehlungen der UKAM Niederschlag.<br />Im Ergebnis betone ich drei Feststellungen:<br />1.&nbsp;&nbsp; &nbsp;Mit unserer systematischen Durchsicht der Personalakten nach Hinweisen auf sexualisierte Gewalt konnten wir einen Aktenbestand schaffen, der die ermittelbaren Fälle bestmöglich abbildet.&nbsp;<br />2.&nbsp;&nbsp; &nbsp;Wir konnten damit zugleich einen Aktenbestand schaffen, der auch den Ansprüchen einer unabhängigen Aufarbeitung durch die UKAM genügte. Selbstverständlich werden wir Empfehlungen zur Weiterentwicklung in diesem Bereich konstruktiv aufgreifen.<br />3.&nbsp;&nbsp; &nbsp;Sämtliche uns bekannten Hinweise auf sexualisierte Gewalt wurden – zum Teil mehrfach – durch staatliche wie kirchliche Behörden geprüft.&nbsp;<br />Danke für Ihre Aufmerksamkeit!</p><h3><br /><strong>Teil 3 – Kerstin Schüller – Konsequenzen für die Interventionsarbeit</strong></h3><p><br />Sehr geehrter Damen und Herren,</p><p>als Leiterin der Stabsstelle Prävention und Intervention bin ich für die drei Themen Prävention, Intervention und Aufarbeitung verantwortlich.&nbsp;<br />Für die Aufarbeitung ist das von der UKAM in Auftrag gegebene Gutachten der zentrale Baustein, sowohl zur Einschätzung unseres Handelns in konkreten Fällen, als auch zur Weiterentwicklung unseres Vorgehens.<br />Durch das Gutachten haben wir neue Informationen zu einem Fall erhalten, die uns bislang nicht bekannt waren. Diese Informationen entstammen einer Strafakte, die der Gutachter im Zuge der Recherchen eingesehen hatte. Wir werden diesen neuen Informationen gemäß unseres Interventionsverfahrens nachgehen. Bereits unmittelbar nach Veröffentlichung des Gutachtens haben wir daher bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Einsicht in die Ermittlungsakte beantragt.<br />Wir werden auch die weiteren im Gutachten behandelten Fallbeispiele intensiv studieren. Sofern sich daraus neue Informationen ergeben, werden wir diesen konsequent nachgehen.<br />Für das Gutachten hatte die UKAM den Auftrag erteilt, Fälle mit einem „hinreichenden Tatverdacht“ auf sexualisierte Gewalt zu ermitteln. Es handelt sich hierbei um eine juristisch gut begründete, aber relativ enge Definition.&nbsp;<br />Ich möchte betonen, dass unserer Präventions- und Interventionsarbeit ein deutlich weiter gefasster Begriff zugrunde liegt. Wir haben das Ziel, eine sichere Kirche für alle Menschen zu sein. Unsere Nulltoleranz-Politik greift daher nicht erst bei Straftaten, sondern bei jeder sexualisierten Grenzverletzung – auch dann, wenn diese unterhalb der Grenze der Strafbarkeit liegt.<br />Entsprechend verpflichtet unsere Interventionsordnung alle haupt- und ehrenamtlich Tätigen dazu, jeden Verdacht auf sexualisiertes Fehlverhalten im dienstlichen Kontext unverzüglich zu melden – unabhängig davon, ob es sich um strafbares Verhalten handelt. Auch anonymen Meldungen wird nachgegangen.<br />Ein weiterer wichtiger Baustein unserer Interventionsarbeit ist die Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft und Polizei. Jeder Verdacht auf ein entsprechendes Fehlverhalten wird konsequent an die Staatsanwaltschaft übermittelt. Das Bistum nimmt hierbei keine eigene strafrechtliche Einordnung vor. Nur durch dieses transparente Vorgehen können wir sicherstellen, dass eine Vertuschung von Straftaten nicht möglich ist.&nbsp;<br />Ohne einen konsequenten und transparenten Umgang mit Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt ist keine nachhaltige Aufarbeitung möglich.<br />In den zurückliegenden Jahren wurde das Interventionsverfahren kontinuierlich weiterentwickelt. Wir beziehen heute Betroffene entsprechend ihrer Bedarfe aktiv in den Interventionsprozess ein. Zudem hat die traumasensible Begleitung von Betroffenen in unseren Verfahren eine hohe Bedeutung.<br />Bei allen Fortschritten ist uns bewusst, dass auch in diesem Bereich Evaluation und Anpassungen notwendig sind, um die Nachhaltigkeit unserer Arbeit sicherzustellen.&nbsp;<br />Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.</p><p><iframe src="https://bistumwuerzburg.podigee.io/158-folgen-aus-dem-ukam-gutachten/embed?context=external&amp;podigee_nocache=true&amp;id=1744875696721" style="border: 0" border="0" height="100" width="100%"></iframe></p><h3><br /><strong>Teil 4 – Generalvikar Dr. Jürgen Vorndran – Auf dem Weg zur sicheren Kirche: Prävention im Bistum systematisch stärken</strong></h3><p><br />Neben der Interventionsarbeit haben wir in den vergangenen Jahren unsere Anstrengungen im Bereich der Prävention stetig verbessert. Im Jahr 2013 nahm Schwester Dagmar Fasel von den Missionsdominikanerinnen in Neustadt am Main als erste Präventionsbeauftragte im Bistum Würzburg ihre Arbeit auf.<br />In der Folge haben wir erkannt, dass es einer eigenen Interventionsbeauftragten bedarf. Diese neu geschaffene Stelle ist seit 1. Juli 2022 mit Frau Kerstin Schüller kompetent besetzt. Als eines der ersten Bistümer in Deutschland haben wir Prävention und Intervention gemeinsam in einer Stabsstelle zusammengeführt und mit 3,5 Vollzeitstellen ausgestattet.<br />Daneben leisten 54 Präventionsberaterinnen und -berater in den 43 Pastoralen Räumen wichtige Sensibilisierungsarbeit vor Ort. Diese engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten auf die konkreten Umstände des jeweiligen Bereichs angepasste Angebote auf einem hohen Niveau. Für die Qualität unserer Präventionsarbeit spricht nicht zuletzt die steigende Nachfrage nach Schulungen auch von nichtkirchlichen Organisationen.&nbsp;<br />In den Monaten Februar und März haben die Interventionsbeauftragte Kerstin Schüller, der Präventionsbeauftragte Michael Biermeier und ich alle neun Dekanate unseres Bistums besucht. Ziel war, alle haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden weiter zu sensibilisieren gegenüber jedweder Form sexualisierter Gewalt. Die Haltungsarbeit im Bistum Würzburg haben wir unter das Motto „Gemeinsam für eine sichere Kirche“ gestellt.&nbsp;<br />Ziel all unserer Anstrengungen ist es, im Bistum Würzburg eine Haltung zu implementieren, die hilft, in unseren Gemeinden und weiteren Kirchorten, wie beispielsweise Bildungshäusern oder Schulen sowie Verbänden und Gemeinschaften, für die Thematik des Missbrauchs zu sensibilisieren und dadurch schon jede&nbsp;<br />Grenzverletzung zu verhindern. Denn „wirksame Prävention ist ein Marathon und kein Sprint“, wie Professor Dr. Marcel Romanos bei der Vorstellung des UKAM-Gutachtens so treffend sagte.<br />Wie groß die Aufmerksamkeit für das Thema ist, zeigt schon die Zahl von 1400 Haupt- und Ehrenamtlichen, die wir mit den neun Dekanatsbesuchen erreicht haben. Wir haben viele positive Rückmeldungen erfahren, es wurden aber auch die Grenzen des bisher Erreichten sichtbar.<br />Wir müssen daher auch in Zukunft die zentrale Bedeutung unserer Präventionsmaßnahmen herausstellen. Insbesondere gilt es, Haupt- und Ehrenamtliche weiter zu motivieren, um damit die Akzeptanz zu erhöhen.&nbsp;<br />Es geht um nichts weniger als einen umfassenden Kulturwandel im Umgang mit dem Thema von sexualisierter Gewalt: Weg von jeder Tabuisierung, hin zu einer hohen Achtsamkeit.&nbsp;<br />Dies lässt sich nur mit einer Anstrengung aller verwirklichen.<br />Die Empfehlungen der UKAM helfen uns, unsere Arbeit konsequent weiter zu entwickeln: Dies betrifft sowohl die personelle Ausstattung als auch strukturelle Anpassungen im Bereich von Prävention, Intervention und Aufarbeitung. Im Mittelpunkt steht jedoch das Ziel, alle zu gewinnen für unsere Haltung: „Gemeinsam für eine sichere Kirche!“&nbsp;<br />Danke für Ihre Aufmerksamkeit!</p><h3><br /><strong>Teil 5 – Bischof Dr. Franz Jung – Ausblick auf die nächsten Schritte der Aufarbeitung</strong></h3><p><br />Abschließend stelle ich Ihnen unsere Timeline für die nächsten Monate vor. In enger Abstimmung mit dem Diözesanrat unter Vorsitz von Dr. Michael Wolf und unserer Mitarbeitendenvertretung unter Vorsitz von Dorothea Weitz werden wir die Aufgaben angehen, die uns mit dem Gutachten gestellt sind:<br />Am 14. Mai 2025 habe ich den Betroffenenbeirat und weitere Betroffene sexualisierter Gewalt im Bistum Würzburg zu einem Austausch über das Gutachten der UKAM eingeladen. Es ist mir wichtig, dass dieses Gespräch den Ausgangspunkt für die nächste Phase bildet.<br />Am 16. Mai 2025 werden wir mit der UKAM einen gemeinsamen Workshop abhalten. Dies ist der erste Schritt der Begleitung durch die UKAM bei der Umsetzung der Handlungsempfehlungen.<br />Anschließend werden wir bis zum Ende des 3. Quartals 2025 konkrete Maßnahmen aus den Empfehlungen der UKAM ableiten.&nbsp;<br />Im April 2026 werden wir dann – ein Jahr nach Veröffentlichung des Gutachtens – ein Update geben über die Fortschritte unserer Arbeit.<br />Erneut danke ich dem Betroffenenbeirat, der UKAM, Herrn Professor Dr. Schneider und seinem Team sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bischöflichen Ordinariat für ihre Unterstützung bei unseren Bemühungen um Aufarbeitung.<br />Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe Ihnen nun für Fragen zur Verfügung.“<br />(1625/0385; E-Mail voraus)</p><p><em><strong>Hinweis für Redaktionen</strong>: Fotos abrufbar im Internet&nbsp;</em><br />&nbsp;</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Generalvikar Dr. Jürgen Vorndran</category><category>Bischof em. Friedhelm Hofmann</category><category>Bischof Franz Jung</category></item></channel></rss>