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Bischof Dr. Franz Jung

„Ungeheurer Mut der Betroffenen“

Podiumsdiskussion im Burkardushaus thematisiert sexualisierte Gewalt – Bischof Dr. Franz Jung stellt sich öffentlich Betroffenen – Bischof Jung: Personalakten werden extern überprüft

Würzburg (POW) Das Bistum Würzburg wird die kirchlichen Akten über Missbrauchsvorwürfe gegenüber Klerikern der Staatsanwaltschaft übergeben. Das betreffe alle Verdachtsfälle seit 1970, der maximale Zeitraum, in dem noch keine juristische Verjährung eingetreten ist. Das hat Bischof Dr. Franz Jung bei einer Podiumsdiskussion zum Thema sexualisierte Gewalt am Mittwoch, 12. Dezember, im Würzburger Burkardushaus erklärt. Zudem werde die Diözese Würzburg die Akten von Priestern und Diakonen für den Zeitraum 1945 bis 2000, der noch nicht von der MHG-Studie erfasst ist, von einer externen Anwaltskanzlei sichten lassen. Er werde die drei Kilianeen, die früheren Knabeninternate des Bistums in Bad Königshofen, Miltenberg und Würzburg, untersuchen lassen, erklärte der Bischof. Rund 120 Personen nahmen an der vom Journalisten Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung moderierten Veranstaltung teil.

In einer Runde mit dem Betroffenen Godehard Herzberger, Bundesministerin a. D. Dr. Christine Bergmann, Professor Dr. Hans-Joachim Salize vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit stellte sich Bischof Jung der Diskussion. Er tat das als erster der bayerischen Bischöfe nach der Veröffentlichung der MHG-Studie. Deren Aufbau und Ergebnisse skizzierte Salize, der an der MHG-Studie zum Sexuellen Missbrauch mitschrieb, in einem kurzen Vortrag. „Es handelt sich aber nur um eine Untersuchung. Die Aufarbeitung muss jetzt folgen“, betonte der Wissenschaftler. Es gebe in der katholischen Kirche in Deutschland, auch an der Basis, eine Debatte, die Druck erzeuge. Salize forderte unter anderem, dass der Dialog mit den Betroffenen institutionalisiert werden müsse, zum Beispiel, indem deren Beteiligung bei der Aufarbeitung festgeschrieben wird. Dafür erhielt er von mehreren Opfern im Publikum viel Zuspruch.

Bedrückte Stille herrschte im Saal, als Godehard Herzberger auf dem Podium von seinen Erlebnissen in einem Internat der Pallottiner sprach. Ein Präfekt tat ihm über lange Zeit sexuelle Gewalt an. „Dieser Seelsorger hat nicht für die Seele gesorgt, sondern sie stückchenweise abgetötet.“ Ermöglicht habe das das System Kirche. Als er von seiner Not beim Beichten erzählt habe, „hat keiner interveniert, keiner nachgefragt“. Er selbst habe sich gegen seinen Peiniger nicht wehren können und sei vermutlich deswegen zum Opfer geworden, weil sein Vater als freischaffender Künstler die Kirche als Auftraggeber brauchte.

Bischof Jung sagte, die Kirche habe lange ein Selbstbild gehabt, in dem das Thema sexualisierte Gewalt und Missbrauch nicht vorgekommen sei. Er sei dankbar für den „ungeheuren Mut der Betroffenen“, denen es zu verdanken sei, dass das Thema wahrgenommen werden konnte. Der Bischof erklärte, dass alle bekannten Fälle konsequent zur Anzeige bei der Staatsanwaltschaft kämen. Schnellen Antworten, mit denen sich das Thema Missbrauch zukünftig komplett vermeiden lasse, erteilte Bischof Jung eine Absage. Ultrakonservative Kreise der Kirche meinten, wenn Homosexualität entschieden verbannt würde, sei alles gut. Andere Gruppen seien überzeugt, das Abschaffen des Zölibats sei die Antwort auf das Problem. „Den Wunsch nach schnellen Lösungen kann ich nachvollziehen. Aber damit ist nichts gut.“ Wichtig sei es, dauerhaft zu agieren und genau hinzusehen. „Es gibt keine Sicherheit.“

Bundesministerin a. D. Bergmann, Mitglied der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, lobte die Anstrengungen des Bistums Würzburg. Die externe Prüfung der Personalakten und die Zusammenarbeit mit den Justizbehörden beispielsweise seien bislang noch keineswegs selbstverständlich. „Wir dürfen aber nicht vergessen: Die meisten Missbrauchsfälle passieren in den Familien –  oft über Jahre hinweg.“ Nach der MHG-Studie stehe die Aufarbeitung in der Kirche „ganz am Anfang“. Betroffene wollten mit den Tätern reden. Wo das nicht  oder nicht mehr möglich sei, müsse zur Not auch die Kirche ihre institutionelle Schuld anerkennen. Als strukturelle Hintergründe des Missbrauchs in der katholischen Kirche benannte Bergmann unter anderem den Klerikalismus. Wie Herzberger forderte sie eine Gesetzesänderung, damit die Strafverfolgung nicht mehr wegen Verjährung verfalle. „Die Opfer leiden ein Leben an den Schäden“, sagte Herzberger.

Im Laufe der Diskussion gaben mehrere Betroffene aus dem Publikum emotional Zeugnis von ihren Erlebnissen. Bischof Jung nahm sich nach dem offiziellen Ende des Abends Zeit, um mit ihnen zu reden.

mh (POW)

(5118/1316; E-Mail voraus)

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