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Bischof Dr. Franz Jung
Dokumentation

Krise als Chance zum Neuanfang

Predigt zum 5. Fastensonntag von Bischof Dr. Franz Jung beim nichtöffentlichen Gottesdienst am Sonntag, 29. März, in der Sepultur des Würzburger Kiliansdoms

Der Notruf verhallt ungehört

„Herr, dein Freund ist krank!“ So lautet der Notruf, der bei Jesus eingeht. Marta und Maria hoffen, dass Jesus sich umgehend einfindet, um Lazarus zu heilen.

Doch Jesus bleibt noch zwei Tage an dem Ort, an dem er sich aufgehalten hatte. So verstreicht kostbare Zeit. Ein empörender Zug unseres Evangeliums. Wie kann es sein, dass Jesus zögert? Jetzt muss doch sofort gehandelt werden!

Ist das nicht sogar ein Fall unterlassener Hilfeleistung?

Der verständliche Wunsch nach schneller Abhilfe

So sind wir Menschen. Wenn es brennt, dann muss immer alles ganz schnell gehen. Mit allen Mitteln wollen wir das Schlimmste verhindern:

• Der Betrieb muss möglichst reibungslos am Laufen gehalten werden. Bloß keine Unterbrechung. Bloß kein Stillstand.

• Ein Konflikt muss schnell aus der Welt geräumt werden, damit man weitermachen kann wie bisher.

• Eine Erkrankung ist schnell zu heilen, damit man wieder funktioniert.

Wir halten nur schwer aus, dass der gewohnte Lauf der Dinge unterbrochen wird. Denn jede Unterbrechung verlangt, sich neu zu sortieren. Und das kostet Kraft und Zeit.

Manchmal braucht es im Leben die Unterbrechung

Doch so seltsam es klingen mag: Manchmal braucht es die Unterbrechung. Denn die Störung, die auftritt, ist oftmals ein Indiz für ein viel tiefer liegendes Problem, das man nicht mal schnell durch einen Notfalleinsatz beheben kann:

• So kann ein Betriebsunfall ein Hinweis darauf sein, dass Dinge schon längere Zeit nicht mehr rund laufen und dass es nur eines weiteren Fehlers bedurfte, um den endgültigen Kollaps heraufzubeschwören.

• Ein Nervenzusammenbruch kann ein Hinweis darauf sein, dass in einem Leben etwas grundsätzlich nicht mehr stimmt: sei es aus Überforderung, sei es aufgrund eines ungesunden Lebensstils oder wegen einer Störung im mitmenschlichen Beziehungsgefüge.

• Ein Konflikt schließlich kann zum Indikator dafür werden, dass seit geraumer Zeit Aufgaben, Zuständigkeiten und Rollen im Miteinander ungeklärt sind.

Lazarus muss sterben

In all diesen Fällen reicht kein Notfalleinsatz. Die Klage der beiden Schwestern, „Herr, wenn du hier gewesen wärest, wäre alles gut gegangen“, ist zwar verständlich und menschlich durchaus nachvollziehbar.

Und natürlich könnte ein Notfalleinsatz zwar kurzfristig etwas reparieren, den Betrieb wieder zum Laufen bringen und den Riss in der Beziehung kitten.

Aber jeder, der nüchtern auf die Dinge schaut, würde sehen, dass all dem keine lange Dauer beschieden ist. Dass wie zuvor schon eine weitere winzige Störung ausreicht, um erneut den Notfall auszulösen.

Es wäre nur eine Behandlung der Symptome, aber keine wirkliche Lösung, die die Ursachen angeht.

Ja, vielleicht muss Lazarus sterben, um im Bild des heutigen Evangeliums zu sprechen. Denn erst dann geht es nicht einfach um Wiederherstellung, sondern um Auferstehung. Erst dann werden die Dinge nicht nur notdürftig repariert, sondern man unterzieht sich der Mühe, noch einmal alles neu zu machen und neu zu denken. Vermeidungsstrategien helfen da nicht weiter.

Die Coronakrise

Ähnlich mag es uns jetzt gehen angesichts der Coronakrise. Man hört von dem Problem. Man sucht nach schneller Abhilfe. Erst im Laufe der vergangenen Wochen wird deutlich, dass die getroffenen Maßnahmen nicht hinreichen, um die Krankheit schnell in den Griff zu bekommen. Und schließlich dämmert die Einsicht, dass die Krise, die auf allen Ebenen sehr schmerzlich ist, menschlich wie medizinisch und wirtschaftlich, ja global, noch einmal einer sehr viel grundsätzlicheren Reflexion bedürfen wird als es der momentane Druck und die gegenwärtige Not zulassen.

Das Mitleid als Voraussetzung umfassender Heilung

Die Voraussetzung für ein wirkliches Neudenken ist aber das Mitleid. Von Jesus wird mehrfach berichtet, wie sehr er an seinem Freund Lazarus hing und wie sehr ihm sein Tod zu Herzen ging, so sehr sogar, dass er am Grab in Tränen ausbrach.

Dieses Mitleid zielt auf das Ganze des Lebens. Wer so mitleidet und sich so anrühren lässt, der will mehr als nur das Schlimmste verhindern. Der will, dass es wirklich im Ganzen gut wird. Und genau dieses Mitleid wird in Zukunft jeder benötigen, der für alle mitdenkt und mitfühlt und mitleidet.

Es geht um ein Mitleid, das sich nicht scheut, die Steine wirklich wegzurollen, mit denen wir gerne die berühmten „Leichen im Keller“ wegschließen und die Problemüberhänge zudecken, um uns dann in trügerischer Sicherheit zu wiegen.

Es geht um ein Mitleid, das sich vom beißenden Geruch der Verwesung nicht abschrecken lässt, sondern bereit ist, auch gegen innere Widerstände die Ursachen des Übels mit Entschiedenheit anzugehen.

Der Weckruf zum Leben am letzten Tag

„Lazarus, komm heraus!“, so ruft Jesus schließlich mit machtvoller Stimme den Toten. Eine unheimliche Szene. Der Lebendige ruft den Toten. Der, der die Auferstehung in Person ist, ruft den, der von den Banden des Todes gefesselt ist. Sein göttlicher Ruf verhallt nicht ungehört. Lazarus kommt aus dem Grab. Er wird als neuer Mensch dem Leben zurückgegeben.

Das Geheimnis der Auferstehung ist eben nicht dem letzten Tag der Welt vorbehalten, wie Marta, die Schwester des Lazarus, meinte, als sie zu Jesus sagte, sie glaube, dass die Toten erst am letzten Tag auferstehen werden.

Nein, sagt Jesus. Denn der letzte Tag ist immer dann gekommen,

wenn wir die Probleme nicht mehr verdrängen,

wenn wir die Augen nicht mehr verschließen und

wenn wir nicht mehr weglaufen.

Wenn wir unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit wirklich eingestehen, dann ist der letzte Tag gekommen. Er ist zugleich der erste Tag der neuen Welt.

Es ist der Tag, an dem der Ruf des Herrn erschallt: „Lazarus, komm heraus!“

Der lebensmüde Lazarus, von dem Jesus gesagt hatte „er schläft nur“, wird nun machtvoll aufgeweckt. Denn für Jesus gibt es keine Toten. Für ihn gibt es nur Schlafende. Jesus hofft für jeden und er wünscht sich, dass jeder seinen Ruf vernimmt, der wie Lazarus im Grab gefangen ist. Und er will, dass er endlich aufsteht und sein Leben wieder in die Hand nimmt.

„Es kommt die Stunde und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme Gottes hören werden; und alle, die sie hören, werden leben“ (Joh 5,25.28), so hatte Jesus zuvor gesagt.

Verpassen wir die Stunde nicht, in der Jesus uns ruft. Sie ist jetzt da als „Zeit der Gnade“ wie es am Aschermittwoch geheißen hat. Diese Stunde schlägt dem, der glaubt, dass der Herr gerade in den Krisen unserer Zeit neues Leben schafft.

Denn er ist selbst die Auferstehung und das Leben. Und er freut sich über jeden letzten Tag der alten Welt, weil an ihm die neue Schöpfung anhebt.

Amen.

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