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Dokumentation

„Gott wird in unerhörten Maße kreativ“

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Vinzenztag im neuen Sankt Anton in Schweinfurt am Sonntag, 25. September 2022

Die Bedeutung des Jahresmottos der Caritas „Das machen wir gemeinsam“

Das diesjährige Motto des Caritasverbandes lautet „Das machen wir gemeinsam“. Das Motto versteht sich als Absichtserklärung, caritative Hilfe nicht im Alleingang leisten zu wollen, sondern immer nur im Verbund mit anderen Akteuren. Das ist nichts Neues. Schon immer wissen die Verantwortlichen der Caritas, dass Hilfestellungen nur im Zusammenspiel von caritativen Diensten, der Sozialgesetzgebung, der Lokalpolitik mit ihren Möglichkeiten und Grenzen, den pfarrlichen und verbandlichen Ansprechpartnern in der Fläche und im Verbund mit anderen Trägern der Wohlfahrtspflege zu erbringen sind.

Die weltweiten politischen und militärischen Konflikte haben uns in den vergangenen Jahren gelehrt, in der globalisierten Welt auch die internationalen Bezüge und Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen, um tragfähige Lösungen erreichen zu können.

„Das machen wir gemeinsam“ erinnert uns mit Blick auf das Konzept der Sozialraumorientierung überdies daran, dass neben den Akteuren caritativer Hilfe diejenigen nicht aus dem Blick zu verlieren sind, denen die Hilfen zukommen sollen. Will man nicht einfach paternalistisch von oben herab helfen, sondern ist man bestrebt, die Ressourcen der Menschen wertzuschätzen und zu aktivieren, so geht es gar nicht anders als die Adressaten der Hilfe miteinzubeziehen. Als gleichberechtigte Partner ist ihnen in einem konstruktiven Dialog die Möglichkeit zu eröffnen, ihre eigenen Bedarfe ins Wort zu bringen und mitzuteilen, was ihnen jetzt am meisten nützen könnte und was ihr persönlicher Beitrag wäre, um ihre Lebenssituation zum Besseren zu wandeln.

„Das machen wir gemeinsam“ ist in jedem Fall die klare Ansage, als Kirche und Caritas im Netzwerk und Verbund zu arbeiten. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass es nicht bei punktuellen Hilfsangeboten bleibt, sondern eine Veränderung der Rahmenbedingungen erreicht wird, die die Lebenssituation vieler Menschen nachhaltig verändert.

Vor diesem Hintergrund bildet das heutige Evangelium geradezu eine Gegenfolie zu dem diesjährigen Jahresmotto. In aufrüttelnder Weise wird uns vor Augen geführt, was passiert, wenn Menschen nur in ihrer Welt leben und agieren.

Aber schauen wir uns das Evangelium im Einzelnen an.

Der tiefe, unüberwindliche Abgrund oder die Brücke, die Christus heißt?

Zwischen uns und euch ist ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.“ So sagt im Gleichnis Jesu Vater Abraham zu dem reichen Mann, der ihn darum bittet, seine Qualen zu lindern, die er in der Unterwelt zu erleiden hat als Sühne für seine Sünden. Der tiefe, unüberwindliche Abgrund, von dem Abraham spricht, ist aber keine Jenseitserscheinung. Nein. Im Endgericht ereignet sich nichts Neues. Im Endgericht wird nur für alle offenbar, was auf Erden sträflich übersehen wurde, dass nämlich zwischen arm und reich eine unüberwindbare Kluft bestand.

Diese Kluft rührte aus der Empathielosigkeit und der Gleichgültigkeit, mit der der Reiche über das Elend des Lazarus hinwegsah. Ungerührt stieg er über den Mann, der am Boden vor seiner Tür lag, ohne seinem Leid irgendeine Form der Aufmerksamkeit zu schenken. Jesus betont, dass sogar die unvernünftigen Tiere mehr Mitgefühl aufbrachten als das kalte Herz des Reichen. Während der nicht einmal das dem Armen zuwandte, was von seiner reich gedeckten Tafel herabfiel, versuchten wenigstens die Hunde, seine Wunden zu heilen. Hier geht nichts, aber auch gar nichts zusammen. Nichts im irdischen Leben, aber konsequenterweise auch nichts im ewigen Leben. Ein erschreckendes, ein aufrüttelndes Bild.

„Das machen wir gemeinsam“ bedeutet vor diesem Hintergrund, den tiefen, unüberwindlichen Abgrund zu überbrücken. Das verlangt nach einer gemeinsamen Anstrengung. Es braucht nämlich eine Sehhilfe und eine Hörhilfe. Eine Sehhilfe, um der Not ansichtig zu werden, und eine Hörhilfe, um den Notschrei der Armen nicht zu überhören. Wer sieht und hört muss sich schließlich anrühren lassen von fremder Not. Was er sieht und hört, muss das Herz erreichen. Nur so wird es möglich, den tiefen, scheinbar unüberwindlichen Abgrund zu überbrücken.

Wir nehmen dabei Maß an Gott selbst. Von ihm sagt der Psalmist im Psalm 113 (Ps 113,5-7): „Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde? Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen.“

Der Herr selbst thront nicht in weiter Ferne. Für ihn gibt es keinen tiefen, unüberwindbaren Abgrund. In der Menschwerdung seines Sohnes überbrückt er die Distanz von Himmel und Erde. Christus wird die Brücke zu Gott und zum Nächsten. Wer den Armen sieht, kann ihn erkennen. Und wer den Armen hört, hört den Herrn selbst, der gekommen ist, die Elenden aus dem Staub der Erde aufzurichten.

Gott wird in unerhörten Maße kreativ. Den alten Abgrund der Sünde, der unüberwindbar schien, hat er in der Neuschöpfung der Welt durch Jesus Christus überwunden. Unser gemeinsames Tun hat daran Maß zu nehmen. Nur so können wir beginnen, mitzuarbeiten an der Neuschöpfung der Welt.

Im Alleingang bis zuletzt oder als Netzwerk?

Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lázarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.“ So ruft der Reiche in den Qualen der Hölle. Man erschaudert ob dieser Bitte. Denn trotz seines Schicksals kreist der Reiche noch immer nur um sich. Er fragt auch jetzt nicht nach Lazarus. Ihn kümmert überhaupt nicht der Arme. Er fragt auch nicht nach seinem Versäumnis Lazarus gegenüber. Es geht ihm nur darum, dass andere seine Qualen lindern. Erst jetzt ermisst man, was Hölle wirklich heißt. Denn Hölle ist die Trennung von den anderen durch eine unverbesserliche Ichbezogenheit, die den Kontakt zur Welt verloren hat. Hölle ist letzte Einsamkeit, die auch den Kontakt zu Gott verloren hat.

„Das machen wir gemeinsam“ heißt vor diesem Hintergrund, nicht im Alleingang zu verharren. Wirksame Hilfe erreichen wir nur dadurch, dass wir die Einsamkeit durchbrechen. Es geht darum, hilfreiche Netzwerke zu schaffen, die später tragen. Davon erzählte Jesus am vergangenen Sonntag im Gleichnis vom ungerechten Verwalter, der es verstand, zu Lebzeiten sich durch ein Netzwerk abzusichern, das auch dann trug, als er in echte Schwierigkeiten geriet.

Gemeinsam Netzwerke knüpfen ist das Gebot der Stunde. Das wird in diesem Haus St. Anton hier deutlich, in dem Pastoral und Caritas unter einem Dach versammelt sind. Mir ist diese gemeinsame Anstrengung besonders wichtig. Bei allen meinen Besuchen in den Pastoralen Räumen lege ich Wert auf die Präsenz der Caritas und der Gemeindecaritas. Und die letzten Besuche haben mir wieder einmal vor Augen geführt, aber zum Glück nicht nur mir, wie anregend, wie nützlich und wie Augen öffnend und bereichernd beide Perspektiven sind. Caritative Pastoral und Pastorale Caritas heißt das Gebot der Stunde. Keine Alleingänge!

Netzwerke sind zu knüpfen aber auch zur Politik und zu den anderen Trägern der Wohlfahrtspflege, um die Kräfte zu bündeln. Netzwerke gilt es aber auch zwischen den hauptamtlichen Seelsorgenden und allen Getauften zu etablieren. Professionelle Expertise und leidenschaftliches Engagement finden so gemeinsam ins Ziel.

Denn keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.“ So ruft uns Paulus im Römerbrief zu (Röm 14,7-9). Als Glaubende sind wir durch Christus in einem großen Netzwerk miteinander verbunden. Es trägt im Leben und im Sterben. Es trägt, weil wir nicht nur für uns leben, sondern durch Christus für die Schwestern und Brüder das Leben einsetzen. Das unterscheidet uns vom reichen Prasser, der sich bis zuletzt nur um sich selbst kümmerte.

Nur um sich kreisen, oder Feldlazarette errichten, um die Wunden zu heilen?

Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.“ Auch wenn der Hilferuf des Reichen nach Linderung seiner Qualen ungehört verhallt, so macht er noch einen letzten Versuch, um größeres Elend abzuwenden. Lazarus soll die Erlaubnis erhalten, zur Erde zurückkehren, um seine Brüder zu warnen.

Doch Vater Abraham winkt müde ab. Selbst in der Läuterung des Fegefeuers lernt der Reiche nichts dazu. Noch immer kreist er nur um das eigene Heil und das Heil seiner Sippe. Die Perspektive der Armen ist ihm fremd. Noch immer hat er nicht verstanden, dass nur der sein Leben rettet, der es um Jesu willen verliert. Wer aber wie er nur sein eigenes Leben retten will, wer sich nur um sich sorgt, der wird es verlieren.

Die Erscheinung des Auferstandenen Jesus wird genau das unterstreichen und offenbar machen. Denn Jesus bringt nichts Neues über Mose und das Gesetz hinaus. Er ist vielmehr die Erfüllung dieses Gesetzes, denn er lebt genau das, was das Gesetz und die Propheten sagten (Lk 24,27.44).

Im Übrigen gilt: Wer das Gute nur tut, um der Strafe zu entgehen, der ist noch immer nicht frei. Der handelt nur unter Zwang und nicht aus echter Überzeugung. Jesus aber braucht Überzeugungstäter. Er braucht Menschen, die an das Gute und an den Sinn des Guten glauben und die deshalb auch bereit sind, sich dafür ganz einzusetzen. Damit ist auch die Haltung klar, aus der heraus wir gemeinsam handeln müssen.

Das Ziel, wofür es gemeinsam zu arbeiten lohnt, ergibt sich aus dem Namen des Armen, der uns bekannt ist. Demgegenüber und ganz ungewöhnlich bleibt der Reiche im Gleichnis Jesu namenlos. Gregor der Große bemerkt dazu tiefsinnig:

Mit Sicherheit pflegt man im Volk mehr die Namen der Reichen als der Armen zu kennen. Weshalb nennt also der Herr, als er vom Armen und vom Reichen spricht, den Namen des Armen und nennt den Namen des Reichen nicht? Nur aus dem Grunde, weil Gott die Demütigen kennt und bejaht und die Hochmütigen nicht kennt.“

(Gregor Große, Ev.Hom. 40.3 / FC 28/2, S. 847)

Der Arme heißt Lazarus. Das ist die latinisierte Fassung des hebräischen Namens Eleazar, der übersetzt bedeutet „Gott hilft!“ Von diesem Namen leitet sich die Bezeichnung „Lazarett“ ab. Es ist der Ort, an dem im Namen Jesu allen Armen und Pflegebedürftigen dieser Welt geholfen wird. Da wir in jedem Kranken den armen Lazarus erkennen, wird ihm jetzt gewissermaßen zu Lebzeiten die Hilfe zuteil, die ihm damals verweigert worden war. Das Lazarett ist der Ort, an dem die Glaubenden ihre irdische Zeit nutzen, um des ewigen Lebens nicht verlustig zu gehen.

In diesem Sinne betont Papst Franziskus, die Kirche müsse einem Feldlazarett in der Schlacht verglichen werden. Denn ihre vornehmste Aufgabe sei es, Wunden zu heilen. Das Feldlazarett ist als das uns gesteckte Ziel, das es gemeinsam zu schaffen gilt.

Ein höchst aktuelles Bild angesichts des furchtbaren Krieges in der Ukraine. Hieran knüpfen etwa die vielen in der Geflüchtetenhilfe engagierten Menschen in der Caritas an. Im Verbund aus ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schaffen sie ein regelrechtes Netzwerk der akuten Hilfe.

Das Feldlazarett muss aber nicht im Krieg stehen. Es gibt noch viele andere Frontlinien, an denen der Kampf gegen die Armut ausgetragen wird. Oft finden wir diese vor unserer eigenen Haustür, in den Herzen unserer Städte. An den sogenannten sozialen Brennpunkten ist die Caritas stets mit ihren Hilfeangeboten präsent. In Bahnhofsmissionen, Einrichtungen für Wohnungslose und Stellen in sogenannten Problemstadtteilen hilft sie, Wunden zu heilen.

Und manchmal nimmt sich das Feldlazarett der Caritas schon der Kleinsten an, wenn wir zum Beispiel an unsere vielen Kindertageseinrichtungen denken. Längst geht es in den Kitas auch darum, die Realitäten des Sozialraums wahrzunehmen, ihnen zu begegnen und Hilfe damit weit mehr Menschen anzubieten, als nur den betreuten Kindern.

„Das machen wir gemeinsam“: Alle genannten Arbeitsbereiche liefern uns Beispiele für ein caritatives Engagement, das auf Zusammenarbeit setzt, den größeren Kontext nicht aus den Augen verliert und sich subsidiär versteht, kurz, das Jahresmotto erlebbar macht. Ich wünsche mir, dass wir im gemeinsamen Machen nicht erlahmen. Denn die Armen liegen bis zum heutigen Tag vor unserer Haustür. Wohl denen, die „Not sehen und handeln“! Amen.