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Bischof Dr. Franz Jung
Dokumentation

„Eine Kapelle als Mitte“

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim 650. Kirchweihjubiläum am Samstag, 4. Dezember, in der Würzburger Bürgerspitalkirche

Liebe Schwestern und Brüder,

Das Stiftermal als Inbegriff dessen, was das Bürgerspital ausmacht

Bei der Vorbereitung des heutigen Gottesdienstes zum Gedenken an 650 Jahre Kirchweihe der Kapelle im Bürgerspital fiel mein Blick noch einmal auf den Stifterstein des Johannes von Steren. Und je länger ich ihn mir anschaute, umso mehr dachte ich, dass in diesem Denkmal eigentlich alles gesagt ist, was das Bürgerspital ausmacht. Die drei Symbole auf diesem Gedenkstein mögen mir Leitfaden sein für meine Gedanken zum heutigen Fest: der Widder, das Lamm und die Taube.

Der Widder als Erinnerung an den Glauben Einzelner und daran, dass Kirchweihe immer dann gefeiert wird, wenn Menschen ihren Glauben mit Entschiedenheit leben

Der Widder war das Wappentier derer von Steren. Man sieht im unteren Drittel des Stiftermals ein Wappenschild mit der Abbildung eines Widders. Der Widder als Sternzeichen und Wappentier steht für Entschlossenheit, Tatkraft und Durchsetzungsvermögen.

In der Tat machte Johannes von Steren seinem Wappentier alle Ehre. Mitten in der konfliktreichen Zeit des angehenden 14. Jahrhunderts, die in Würzburg geprägt war von der Auseinandersetzung zwischen Bischof und Bürgerschaft um die Mitspracherechte in der Stadt, setzte Johannes von Steren ein Zeichen.

Bei einer Romwallfahrt hatte er das Hospital Santo Spirito in Sassia, das Hospital zum Heiligen Geist, kennengelernt. Das inspirierte ihn dazu, auch in Würzburg ein solches Hospital zu stiften.

Ohne auf die oberhirtliche Genehmigung zu warten, schritt er als „echter Widder“ zur Tat. Mit der Stiftung seines Hofes am Hauger Tor gab Johannes von Steren selbstbewusst eine Antwort auf die Not der Zeit. Anstatt sich in innenpolitischen Machtkämpfen zu verzetteln, ging es ihm darum ein kraftvolles Zeichen in der Stadt zu setzen.

Er wusste im Übrigen sehr wohl, dass die wohlhabende Oberschicht die Bürger der Stadt nur dann würde hinter sich bringen können, wenn sie sich auch für die Belange der Bedürftigen einsetzte. Ihm war auch bewusst, dass Eigentum verpflichtet. Nicht zuletzt waren es Bürgerstolz und bürgerschaftliches Engagement, die ihn erfüllten und beflügelten bei dieser Tat.

Der Bischof erkannte schnell die Tragweite dieser Initiative für die Wohlfahrt der Bewohner der Stadt. Alsbald stellte er das Bürgerspital frei von weiteren bischöflichen Ansprüchen und entließ es in die Selbstverwaltung.

Was hat das mit Kirchweihe zu tun? Nun, Kirchweihe feiern wir immer dann, wenn Einzelne mit Entschiedenheit ihren Glauben praktizieren. Denn die Kirche lebt von lebendigen Steinen, von Menschen, die ihrer Taufgnade vertrauen und im Rahmen der Kirche Neues ausprobieren. Johannes von Steren handelte als Bürger und als Christ. Ein Kirchenraum oder eine Kapelle war ihm selbstverständliche Mitte seines Unternehmens.

Der Widder als Wappentier ist heute noch genauso wichtig wie zu Beginn der Stiftung und der Kirchweihe. Denn es braucht auch in unseren Tagen selbstbewussten Unternehmergeist, Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt für Pflegekräfte und in Anbetracht der sozialpolitischen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen. Die sich verschärfende Pandemielage und der Pflegekräftemangel fordert momentan den Verantwortlichen, den Pflegenden wie den Patienten und ihren Angehörigen alles ab. Gerade wer um seine Verantwortung aus dem christlichen Menschenbild heraus weiß und sich nach allen Kräften für eine menschenwürdige Pflege stark macht, kann der Durchsetzungskraft des Widders nicht entraten, will er in dieser Situation bestehen.

Der gekreuzigte Herr als das Lamm Gottes zur Erinnerung an die Liebe Gottes und die Herzmitte unseres Glaubens, die Eucharistie, für deren Feier wir Kirchengebäude und Altäre weihen

Von ganz unten wandert nun unser Blick in die Mitte des Gedenksteins. In der klassischen Darstellung des sogenannten Gnadenstuhls sieht man Gottvater, der der Christenheit den gekreuzigten Sohn zur Verehrung darbietet.

Auf dem Grabstein des Johannes von Steren schräg gegenüber sieht man sogar das Kreuz Christi zwischen zwei gotischen Turmhelmen ausgespannt. Die beiden Turmhelme erinnern mich dabei an die beiden Säulen der Kirche: Pastoral und Caritas. Immerhin war das Spital der Sorge des Hauger Pfarrers anvertraut, auf dass geistliche und leibliche Betreuung der Kranken immer Hand in Hand gingen.

Bei der Betrachtung des Gekreuzigten können wir wieder an den Widder anknüpfen. Denn der berühmteste Widder im Alten Testament findet sich in der Geschichte von Abrahams Opfer (Gen 22,13). Als Abraham gerade seinen Sohn Isaak dem Herrn opfern will, gebietet ihm der Engel des Herrn Einhalt. Statt seines Sohnes soll er den Widder opfern, der sich mit seinen Hörnern im Gebüsch verfangen hat.

Die Kirchenväter deuteten diese Szene typologisch als Vorausbild des wahren Opfers. Gott schenkt uns seinen Sohn Jesus Christus. Dieser nimmt aus Liebe zu uns Menschen unsere Menschennatur an, woran wir uns jetzt in dieser vorweihnachtlichen Zeit erinnern. Gott wird ein sterblicher Mensch, der unsere Leiden trägt und auf sich nimmt. Nur so kann er sie in neues Leben verwandeln. Statt des Widders wird nun Christus als das Lamm Gottes zum Inbegriff der Erlösung und der Errettung der Menschheit.

Am Stiftermal beeindruckt mich sehr, wie sich Johannes von Steren und seine Frau Mergardis haben abbilden lassen. Beide knien links und rechts am Fuß des Kreuzes und halten die Fundamentplatte, auf der das Kreuz des Herrn aufruht. Die kniende Haltung der Anbetung drückt ihre Devotion und Verehrung des Erlösungsgeheimnisses aus. Tiefe Betroffenheit und ebenso tiefe Dankbarkeit sprechen aus diesem demütigen Verharren im Schatten des Kreuzes. Es ist diese Haltung, aus der heraus im Herzen die Frage erwacht, was ich selbst dem Herrn zurückgeben könnte für das, was er uns Gutes getan hat?

Genau dafür werden Kirchen geweiht. In der Feier der Eucharistie vergegenwärtigen wir Christen uns des Heilsgeschehens am Kreuz. Aber zugleich geht es im geweihten Kirchengebäude darum, einen Freiraum zu schaffen, in dem der Mensch sich vor dem Tabernakel hineinversenken kann in das Geheimnis unserer Erlösung. Denn in der persönlichen Aneignung findet die Weihe des Kirchengebäudes ihre je individuelle Fortsetzung. Nur so prägt und verwandelt uns der Erlösungstod Jesu. Nur so werden wir in die Verantwortung genommen, uns selbst für das Wohl der Notleidenden und Sterbenden einzusetzen.

Die Jahreszahl 1319 auf der Fundamentplatte des Kreuzes kann unter dieser Rücksicht als Verweis auf das persönliche Gnadenjahr von Johannes und Mergardis von Steren gewertet werden. Es war das denkwürdige Jahr, in dem beide auf den Anruf des gekreuzigten Herrn geantwortet haben, indem sie dieses Werk der Wohltätigkeit durch den Einsatz ihres Vermögens ins Leben gerufen haben. Nicht umsonst ist also die Kirche die Herzmitte des Bürgerspitals. Hier feiern wir den Ursprung aller Krankenpflege und zugleich den Ursprung unserer Mission.

Die Taube als Symbol des Heiligen Geistes und Zeichen der Hoffnung bei jeder Kirchweihe, dass das Heilswerk durch die Zeiten hindurch fortbestehe

Das führt uns zum dritten Symbol auf dem Stifterstein, der Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist verbürgt als Hoffnungszeichen die Fortsetzung des Heilswerkes durch die Zeiten.

Der Heilige Geist erinnert uns Menschen an das, was Gott für uns getan hat.

Der Heilige Geist ist es aber auch, der uns den Abstand ermessen lässt zu dem, was wir sein könnten und der uns mit immer neuer Unruhe erfüllt. Im Geist suchen wir dem Herrn und den Menschen je besser zu dienen und nach immer neuen Wegen der Pflege und Fürsorge zu suchen. Gerade das garantiert den Bestand der Stiftung und des Spitals.

Durch den Heiligen Geist erfahren wir uns als Einheit, weil das gemeinsame Werk und die gemeinsame Mission Menschen zusammenschweißen.

Der Heilige Geist ist es allerdings auch, der unserer Schwachheit aufhilft, wenn wir einmal nicht weiterwissen. Dann betet er selbst in uns mit seinem unaussprechlichen Seufzen, wie der Apostel Paulus im Römerbrief so wunderbar sagt (Röm 8,26), ein Seufzen, das Gott erreicht und uns über uns hinauszieht und nicht niederdrückt.

Der Heilige Geist schließlich ist es, der heilt. Wie formuliert es so eindrücklich die Pfingstsequenz:

„Ohne dein lebendig Wehn / kann im Menschen nichts bestehn, / kann nichts heil sein noch gesund. Was befleckt ist, mache rein, / dürrem gieße Leben ein / heile du, wo Krankheit quält.“

Weil der Heilige Geist uns in die ursprüngliche Beziehung zu Gott hineinnimmt, wird Ordnung wieder erneuert, die durch die Sünde gestört war. So kommt der Mensch mit sich selbst, mit Gott und mit seinem Nächsten ins Reine. Auf diese Weise wird der Heilige Geist zur verbindenden Kraft im doppelten Sinn: zur Kraft, die die Wunden verbindet, und zur Kraft, die uns miteinander verbindet.

Um es kurz zu machen: Kirchweihe ist nicht eine einmalige sakramentale Handlung. Kirchweihe ist vielmehr ein äußerst dynamisches Geschehen. Der Heilige Geist weiht die Kirche und er weht in ihr. So wächst sie durch Vertiefung nach innen und durch Expansion nach außen, durch das Streben nach oben auf Gott hin und nach unten auf die Menschen zu. Das Gedächtnis der Kirchweihe feiern heißt, den Heiligen Geist anzurufen, dass er uns immer umfassender und authentischer zu Jüngerinnen und Jüngern Jesu mache.

Der Widder, Christus als Lamm Gottes und die Taube

Der Stifterstein erfüllt bis heute seine Funktion als bleibende Erinnerung an den heiligen Ursprung. Auf ihm steht der Widder für die Tatkraft, das Lamm Gottes für den Heilstod Christi und die Taube für die Bestärkung zum guten Werk durch den Heiligen Geist. Wo alle drei Elemente sich vereinigen, wird Kirchweihe gelebt und verwirklicht. So sind uns diese drei Symbole heute beim Gedenken an 650 Jahre Kirchweihe Erbe und Auftrag in einem.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen herzlich zum stolzen Jubiläum der Kirchweihe und wünsche allen, die in diesem Haus Zuflucht gefunden haben, aber auch allen in der Pflege Tätigen und allen Mitarbeitenden des Bürgerspitals Gottes reichen Segen hier von der geistlichen Mitte ihrer Einrichtung aus, der Kapelle des „Bürgerspitals zum Heiligen Geist“.

Ad multos annos! Auf noch viele gute Jahre zum Segen der Menschen und zum Wohl der Stadt! Amen.