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Bischof Dr. Franz Jung
Dokumentation

„Die Weichen sind richtig gestellt“

Grußwort von Bischof Dr. Franz Jung beim Festakt in Würzburg zum Ende des Umbaus zum barrierefreien Bahnhof am Samstag, 17. September 2022

Herzlich gratuliere ich dem Herrn Oberbürgermeister zum Abschluss der Umbauarbeiten am Würzburger Hauptbahnhof. In einem geradezu biblischen Zeitrahmen von sieben Jahren wurde der Hauptbahnhof barrierefrei umgestaltet! Darüber freue ich mich sehr zusammen mit den zahllosen Reisenden, die jetzt in den Genuss der Barrierefreiheit kommen! Danke für diese Anstrengungen!

Barrierefreiheit als bauliche Gegebenheit

Barrieren und Barrierefreiheit sind ein religiöses Thema. Denn Barrierefreiheit hat viele Dimensionen. Die sinnenfälligste ist dabei sicher die bauliche Gestaltung, die höchst sensibel im Boden Wege vorzeichnet, Abzweigungen anzeigt und einfache Hinweise gibt, an welchem Bahnsteig man sich befindet, so dass auch Menschen mit Sehbehinderung sich orientieren und Menschen mit Gehbehinderungen möglichst problemlos zu den Zügen gelangen können.

Die Widersprüche des Bahnhofs

Barrierefreiheit aber übersteigt die baulichen Gegebenheiten. Am Bahnhof erfahren wir das so eindringlich wie an kaum einem anderen Ort. Denn es gibt Barrieren, die sich nicht an der Gestaltung des Bahnhofs ablesen lassen, sondern am Verhalten derer, die den Bahnhof nutzen. Das lässt sich an den Widersprüchlichkeiten des Bahnhofs festmachen. Einige dieser Spannungen möchte ich benennen. Manche Widersprüchlichkeiten werden am Bahnhof besonders sichtbar, durchziehen aber unser gegenwärtiges Leben.

Barrieren: Aufeinandertreffen, ohne einander zu begegnen

An kaum einem anderen Ort dieser Stadt treffen so viele Menschen in so kurzer Zeit auf so engem Raum aufeinander. Aber zu wirklichen Begegnungen kommt es kaum. Denn der Bahnhof ist für viele ein reiner Durchgangsort.

Das bringt es mit sich, andere zu übersehen, rücksichtslos miteinander umzugehen und den anderen als Mensch mit seinen Bedarfen nicht wahrzunehmen.

Barrierefreiheit heißt dann, in einem guten Miteinander darauf zu achten, dass wir uns nicht gegenseitig im Weg stehen beim Erreichen unserer Ziele, sondern darauf zu achten, dass jeder ankommt, zum Beispiel am richtigen Gleis zur Abreise oder bei der Ankunft in unserer schönen Stadt Würzburg.

Barrieren: Ersehnte Geschwindigkeit gegen ungeplante Wartezeiten

Der Bahnhof ist Sinnbild für die Mobilität und die Geschwindigkeit, mit der wir heute unterwegs sind. Würzburg ist mit seiner zentralen Lage ein idealer Knotenpunkt der Verbindungen Ost-West und Nord-Süd, weshalb es gerade für die katholische Kirche zu einem der prominentesten Versammlungsorte geworden ist.

Vielleicht gerade wegen dieser guten und schnellen Verbindungen ist der Bahnhof der Ort, an dem wir Wartezeiten nur schwer ertragen. Die Beschleunigung unserer Zeit erfüllt uns mit innerer Unruhe und einem permanenten Druck. Wir fühlen uns gehetzt und werden richtig ungehalten, wenn es nicht schnell genug geht oder wenn wir Anschlüsse verpassen. Aber so ist das im Leben.

Oft errichten wir die Barrieren selbst, die sich dann vor uns auftun. Wir verstehen es nicht, die geschenkte Zeit sinnvoll zu nutzen, weil wir so damit beschäftigt sind, unseren vorgefertigten Plan doch noch durchzusetzen.

Barrierefreiheit entsteht eben im Kopf. Man überwindet sie, indem man sich frei macht von Erwartungen, bereit wird, sich neu zu orientieren und auf das einzulassen, was jetzt kommt. So ist vermeintlich verlorene Zeit manchmal vielmehr geschenkte Zeit, in der wir über die anderen Barrieren in unserem Leben nachdenken können, die oft viel schwerer wiegen als ein verpasster Zug. Vielleicht sind wir so oft unterwegs, um genau vor diesen Barrieren und Gedanken wegzulaufen. Ich wünsche mir, die Wartezeiten im Leben – auch beim permanenten Zeitdruck – produktiv, ja geistlich zu nutzen für die Neuorientierung. Wer dafür offen ist, erlebt bisweilen schöne Überraschungen und gute, ungeplante Begegnungen und Weichenstellungen.

Barrieren: Bahnhof als Ort der Mobilen und der Abgehängten zugleich

Der Bahnhof ist das Eingangstor zum Leben einer Stadt. Entsprechend repräsentativ sind die Bahnhöfe auch gestaltet, wie hier in Würzburg, hell und einladend, übersichtlich und funktional. Dieses Eingangstor muss natürlich immer gepflegt und ansehnlich gestaltet sein.

Denn gerade der Bahnhof als Eingangstor und Visitenkarte aller Städte dieser Welt ist immer bedroht, unansehnlich zu werden. Er ist schließlich nicht nur der Ort derjenigen, die mobil sind. Sondern es ist immer auch der Ort derjenigen, die abgehängt sind, die sich auf einem Abstellgleis fühlen, für die der Bahnhof zur Endstation wird oder auch der Heimatlosen, die immer nur auf der Durchreise sind.

Gerade am Bahnhof wird sichtbar, was wir allzu gerne übersehen, worüber wir allzu schnell hinweggehen: Dass viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht teilhaben können am Leben der Stadt.

Barrierefreiheit heißt auch, die Bedürftigen und Notleidenden nicht zu übersehen, Menschen in Not zu helfen, nicht auf der Strecke zu bleiben. Barrierefreiheit heißt, die Weichen so zu stellen, dass alle an einem guten Leben teilhaben können.

Mein ausdrücklicher Dank geht hier an die Bahnhofsmission – dem ältesten ökumenischen Gemeinschaftsprojekt der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland – und die aufsuchende Sozialarbeit von Streetwork Würzburg. Sie helfen, dass Menschen Barrieren in ihrem Leben mit entsprechender Unterstützung selbständig überwinden können. Der Bahnhof ist ein guter und notwendiger Ort kirchlicher Präsenz in Würzburg!

Mit der Barrierefreiheit am Würzburger Hauptbahnhof sind die Weichen richtig gestellt

Mit der Barrierefreiheit am Würzburger Hauptbahnhof sind die Weichen für eine gute Zukunft richtig gestellt! Darüber freue ich mich mit allen Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt. Erbitten wir heute Gottes Segen für das Werk und für ein gutes und gedeihliches Miteinander aller Ankommenden und Abreisenden!