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Bischof Dr. Franz Jung
Dokumentation

„Die neue Welt Gottes ist keine Utopie“

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Hochfest Fronleichnam, 16. Juni 2022, im Würzburger Kiliansdom

Gebt ihr ihnen zu essen!

„Gebt ihr ihnen zu essen!“ Mit dieser Aufforderung schockt Jesus seine Jünger am Ende eines langen Tages. Eher passiv wurden sie zu Zeugen, wie Jesus die Menge belehrt hatte und wie er die Kranken geheilt hatte. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Die Ungeduld unter den Jüngern wächst. Zeit für Feierabend. Und die Jünger geben ihrem Meister dezent den Hinweis, es für heute gut sein zu lassen. Natürlich nicht nur um ihretwillen, sondern auch um der Menschen willen. Denn wenn diese sich jetzt nicht auf den Weg machen, um noch vor Ladenschluss in den umliegenden Geschäften sich etwas zu essen zu besorgen, ist es für heute zu spät. Also: „Herr, schick die Leute weg!“

Wie bei der Wallfahrt oder einem anderen religiösen Großevent. Für heute haben wir genug gebetet. Zeit für den gemütlichen Teil. Jeder möge sich selbst versorgen.

Der Gottesdienst der Kirche muss im Gottesdienst des Lebens weitergehen

Aber Jesus folgt ihrer Aufforderung nicht. Sehr zu ihrem Schrecken. Er gibt ihnen eine erste Weisung, die da lautet: Der Gottesdienst der Kirche muss im Gottesdienst des Lebens weitergehen. Wenn der Gottesdienst keine Fortsetzung findet im Leben, dann wird er zur frommen Alibi-Veranstaltung.

Nein, jetzt ist nicht Schluss. Sondern jetzt geht es erst richtig los. Glauben und Leben gehören zusammen. Nur so bewahrheitet sich das, was wir glauben, auch in der Praxis. Also: „Gebt ihr ihnen zu essen! Ich denke gar nicht daran, sie wegzuschicken. Bislang habt ihr mir zugeschaut. Jetzt seid ihr dran.“

Es ist immer zu wenig und es reicht nie

Den Jüngern wird mulmig. Panik macht sich breit. Wie bitteschön soll das gehen? „Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für dieses ganze Volk etwas zu essen kaufen.“ Wir können ihnen gar nichts zu essen geben, denn wir haben nicht genug für 5000 Menschen. Und ganz ehrlich, Geld, um für so viele Brot zu kaufen, haben wir auch nicht. Es ist zu wenig.

Kein Einzelfall, sondern der Normalfall. Es ist immer zu wenig.

Es gibt immer zu wenig Zeit. Es ist nie genug Personal da. Wir haben immer zu wenig Geld. Und Räumlichkeiten für 5000? Vergiss es! Gibt es gar nicht.

Was heißt das jetzt? Genau! Wir lassen es sein, denn es hat so gar keinen Sinn. Wir brauchen gar nicht erst anzufangen. Es reicht vorne und hinten nicht.

So oder so ähnlich läuft es ab in unseren Diskussionen, gerade jetzt, wo es auch bei uns im Bistum allenthalben eng wird.

Menschlich nachvollziehbar, aus der Perspektive Jesu jedoch ein Unding. Denn gerade da, wo es zu wenig gibt, beginnt es doch überhaupt erst, spannend zu werden. Vom Überfluss abgeben kann jeder. Das haben wir lange Jahre so praktiziert und machen wir auch heute noch, wenn auch nicht mehr wie im früheren Umfang.

Gut und schön. Aber zu geben, wenn es für alle zu wenig ist, das ist doch das eigentlich Herausfordernde. Hier stellt sich doch zum ersten Mal ernsthaft die Frage, was der Mensch glaubt und ob er glaubt!

Der Wille zu helfen ist entscheidend. Einfach anfangen!

Entscheidend ist der Wille, zu helfen. Wenn der Wille da ist, wird sich auch ein Weg finden. Wenn der Wille nicht da ist, wird man tausend Gründe finden, warum es nicht geht. Jesus ermutigt seine Jünger genau dazu. Seine Botschaft lautet schlicht:

Fangt einfach an! Hört nicht auf, ohne es wenigstens versucht zu haben.

Fangt einfach an. Alle großen Hilfsorganisationen sind so entstanden: im Wahrnehmen fremder Not und in der Entschiedenheit, die Dinge nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern jetzt tätig zu werden.

Und zwar aus den unterschiedlichsten Motiven: angerührt von der fremden Not. Inspiriert durch eine rettende Idee. Selbst betroffen und dadurch mitfühlend mit dem, was andere durchmachen. Oder aus dem richtigen Impuls heraus, dass es allen nur dann gut geht, wenn den Bedürftigen geholfen wird und wenn die, die helfen können, ihrer Verantwortung auch gerecht werden. Fangt einfach an!

Das Wenige in die Hand Jesu zurücklegen

So hat auch Gott gehandelt in der Menschwerdung Jesu Christi. Er hat einfach angefangen, mit einem Einzigen. Nicht „einer ist keiner“, sondern einer ist der entscheidende, wenn er etwas anstößt, wenn er auf etwas aufmerksam macht, wenn er dazu ermutigt, die Dinge anzupacken. Selbst als alle Jesus am Ende im Stich lassen, hat er nicht aufgegeben und sich nicht resigniert zurückgezogen, sondern ist mit Entschiedenheit seinen Weg weitergegangen bis zum Kreuz, um sein ganzes Leben dranzugeben.

Und dieser eine fordert uns auf, das wenige, was wir haben, in seine Hände zu legen. Das ist der entscheidende Schritt. Er besteht in der gläubigen Zuversicht, dass sich das wenige vermehrt, wenn wir es Jesus anvertrauen und es nicht für uns behalten. Wer seine wenigen Güter versteckt, aus Angst sie zu verlieren, der wird sie verlieren. Wie die vergrabenen Talente, die am Ende verloren gehen. Das wenige vermehrt sich nur, wenn wir es einsetzen und weggeben, wenn wir es Jesus anvertrauen.

Jesus nimmt unsere fünf Brote und zwei Fische. Unsere Hoffnung, und sei sie noch so klein. Unseren guten Willen, und sei er noch so schwach. Unsere Einsatzbereitschaft, und sei sie noch so zögerlich. Unsere Nächstenliebe, und sei sie noch so schwankend. Er nimmt sie und blickt dankbar zum Himmel auf für das, was da ist. Dann bricht er sie und gibt sie den Jüngern zurück. Was uns zu schwer ist und was uns wehtut, das übernimmt Jesus für uns. Er bricht noch das wenige, so dass es sich vermehrt.

Das ist sein Lebensgeheimnis und Markenzeichen bis zum letzten Abendmahl. Was wir nicht übers Herz bringen, woran wir im Letzten oft nicht glauben und woran wir so oft scheitern, das macht er für uns, wenn wir uns ihm anvertrauen.

Denn er ist in seiner Person das wahre Himmelsbrot. Von diesem Himmelsbrot heißt es so wunderbar in der Chrysostomos-Liturgie:

Gebrochen und geteilt wird das Lamm Gottes,

das gebrochen, doch nicht zerteilt,

allezeit gegessen, doch nie aufgezehrt wird,

sondern heiligt, die an ihm teilhaben.

Dieses Himmelsbrot, dieses eine Brot, von dem wir alle leben, wird gebrochen, aber eben nie zerteilt. Es wird nicht weniger, sondern mehr. Es wird gegessen, aber nie aufgezehrt. Denn es bleibt immer noch übrig.

Das ist das Geheimnis der Eucharistie und das Geheimnis der Liebe Jesu Christi.

Je mehr dieses Brot geteilt wird, umso mehr wird seine unerschöpfliche Fülle sichtbar. Und je mehr es verzehrt wird, umso mehr wächst der Hunger nach diesem Brot und die Sehnsucht danach, es mit anderen zu teilen.

Das Brot vermehrt sich im Teilen

Jesus gibt nun das Brot den Jüngern zurück. Dabei ist es nicht so, dass er im Voraus schnell mal aus jedem der fünf Brote 1000 Stücke gebrochen hätte. Es ist auch nicht so, dass die Jünger diese 5000 Stücke dann nur noch verteilt hätten. Sondern der Vorgang des Brotbrechens, den Jesus beginnt, setzt sich fort im Teilen der Brote durch die Jünger. Das ist zentral.

Denn die Jünger selbst haben Anteil am Brechen des Brotes und werden gerade dadurch Zeugen dafür, wie sich die Brote vermehren. Sie erfahren, wie die gute Initiative plötzlich an Fahrt gewinnt. Wie das gute Beginnen eine Eigendynamik entfaltet, die weit über das hinausgeht, was sie sich am Anfang hätten träumen lassen. Die neue Welt Gottes ist keine Utopie. Sondern die neue Welt ist schon längst Wirklichkeit. Im Zeichen der Eucharistie ist sie real präsent inmitten der Kirche. An uns ist es, das, was wir feiern, auch im alltäglichen Leben und Teilen umzusetzen.

Die Prozession als Ausdruck unserer Bereitschaft, uns einzubringen in die Stadt

Das tun wir auch schon, und dafür bin ich den vielen Gläubigen und Gemeinden dankbar, die aus der Kraft der Eucharistie das Leben und die Hoffnung teilen. In der Flüchtlingshilfe. Im Sprachunterricht für Menschen mit Migrationshintergrund. In der Obdachlosenhilfe. In den vielen sozialen Einrichtungen unseres Bistums und unserer Caritas.

Die Fronleichnamsprozession erinnert uns heute daran, den Gottesdienst nicht in der Kirche enden zu lassen. Er muss seine Fortsetzung finden im Leben. Unser Projekt der Sozialraumorientierung von Seelsorge und Caritas will uns die Augen öffnen für den Bedarf und die Nöte der Menschen unserer direkten Umgebung. Sie wollen wir nicht wegschicken, sondern mit ihnen teilen, was wir haben, und wenn es noch so wenig ist. Denn der Auftrag des Herrn bleibt uns Verpflichtung:

Gebt ihr ihnen zu essen! Amen.