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Dokumentation

„Das Kreuz ist das Gericht über diese ungerechte Welt“

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Messe mit Gebet um den Frieden in der Welt am Fest der Kreuzerhöhung in der Würzburger Franziskanerkirche am Mittwoch, 14. September 2022

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

am heutigen Fest Kreuzerhöhung, an dem wir um den Frieden bitten in der Welt, möchte ich mit Ihnen drei Gedanken teilen.

Das Kreuz darf man nicht erhöhen zum Zweck irdischer Machtdemonstration, um es nicht um seine Kraft zu bringen

Nach dem Wiederauffinden des Kreuzes wurde unter Kaiser Konstantin das Kreuz in der Öffentlichkeit ausgestellt, unter dem Kaiser also, der sich öffentlich zum Christentum bekannt hatte und dem christlichen Glauben den Weg dazu ebnete, Staatsreligion zu werden. Die Christen trauten sich, das Kreuz zu zeigen, dessen sie sich zuvor geschämt hatten. Jetzt waren sie plötzlich wer und mussten sich nicht mehr verstecken.

Ein ambivalenter und zweigleisiger Vorgang: Einerseits ist es wichtig, das Kreuz zu zeigen und sich an das Leiden des Gottessohnes und den Preis der Erlösung zu erinnern. Andererseits wird jetzt das Kreuz auch zum Zeichen einer gesellschaftlichen Machtposition und einer Überlegenheit, die die Christen die Anhänger anderer Weltanschauungen und Religionen alsbald auch spüren ließen.

In dem Moment jedoch, in dem das Kreuz als Herrschaftsinstrument gebraucht wird, bringt man es um seine Kraft. Denn das Kreuz erinnert an das Leiden des unschuldigen und einzig Gerechten durch die Sünder. Deshalb taugt es nicht als Ausweis irdischer Macht. Der Christkönig kämpft eben nicht mit seinen Heerscharen gegen Pilatus. Er kämpft einen gewaltlosen Kampf im Glauben an die Liebe Gottes, die den Tod überwindet.

Wer jedoch im Namen des Kreuzes und des Christentums andere Staaten und Völker mit Krieg, Gewalt und Terror überzieht, und das auch noch als einen heiligen Krieg bezeichnet, der verspielt jeden Anspruch, sich auf Christus zu berufen. Denn gerade das Kreuz Christi mahnt uns, Blutvergießen zu vermeiden und den Opfern von Gewalt beizustehen.

Wenn sogar eine Kirche wie die russisch-orthodoxe Kirche diesen Angriffskrieg verteidigt, der – wie könnte es anders sein - auch unendliches Leid über die eigenen Landleute bringt und nicht nur dem vermeintlichen Gegner schadet, so ist das ein Skandal, der unerträglich ist.

Kreuzerhöhung als notwendiges Fest, uns vor der Naivität zu bewahren, in einer heilen Welt zu leben und uns dazu auffordert, dem Bösen frühzeitig zu wehren

Das Fest der Kreuzerhöhung ist eine notwendige Erinnerung daran, dass wir in einer Welt voller Gewalt, Unrecht und Aggression leben.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat uns alle so unvorbereitet getroffen, weil in Europa kaum noch jemand damit gerechnet hat, dass so etwas geschehen könnte. Wir meinten, dass jede Vernunft und das bisher gewachsene Vertrauen zwischen den Nationen hinreichten, einen solchen Ausbruch von Gewalt zu verhindern. Ein fataler Trugschluss.

Es zeigte sich vielmehr, dass wir geflissentlich über den Krieg hinweggesehen hatten, der schon seit 2014 in der Ukraine und im Donbass tobte. Nach unserem Empfinden war das weit weg und ein lokaler Konflikt, den wir meinten, ignorieren zu können.

Aber Ungerechtigkeit in einem Winkel dieser Welt bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen Ort dieser Welt, wie Martin Luther King so treffend sagte („Injustice anywhere is a threat to justice everywhere.“). Deshalb kann man darüber nicht hinwegsehen. Wenn man es jedoch tut, muss man sich nicht wundern, wenn der Konflikt, den man weit weg von sich wähnte, plötzlich vor der eigenen Haustür spielt, wie wir es momentan erleben. In der globalisierten Welt gibt es keine regionalen Konflikte mehr. Der Krieg im Donbass bringt vielmehr die bisherige Tektonik der Weltordnung in eine gefährliche Schieflage.

Insofern erinnert uns dieser Krieg auf eindringliche Weise daran, dem Bösen frühzeitig zu wehren. Denn es gibt im Krieg keine Sieger, sondern nur Verlieren auf allen Seiten.

Christus, der am Kreuz erhöht ist über die Welt, will alle an sich ziehen

„Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32), sagt Jesus im Johannesevangelium. Darum geht es heute am Fest Kreuzerhöhung. Christus, der am Kreuz erhöht ist, will uns alle an sich ziehen.

Er zieht uns an sich, wenn wir uns ein reines Herz bewahren und uns durch das Böse nicht zum Bösen verführen lassen. „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,21) mahnt der Apostel Paulus. Gerade im Krieg droht jedes Maß verloren zu gehen und scheint alles erlaubt zu sein. Sich vom Bösen nicht selbst anstecken zu lassen, sich nicht in der Logik des Bösen zu verstricken, sondern sich am Guten zu orientieren und es konsequent zu verfolgen, ist eine große Aufgabe. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen!

Er zieht uns an sich, wenn wir mit ihm das Leid aller Opfer wahrnehmen und die Augen vor ihrem Schicksal nicht verschließen. Das Kreuz ist das Gericht über diese ungerechte Welt und es mahnt uns, diejenigen nicht zu übersehen, die Anteil haben am Kreuz des Herrn. Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden!

Er zieht uns an sich, wenn wir beginnen, am Aufbau einer friedlichen Welt mitzuarbeiten. Das bedeutet nicht nur Kriege zu beenden. Eine friedliche Welt wird es nur geben auf der Basis einer gerechten Weltordnung, die die Interessen aller versucht, in einen gerechten Ausgleich miteinander zu bringen. „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer“ (Jes 32,17), sagt der Prophet Jesaja völlig zurecht. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden!

Er zieht uns an sich, wenn wir im Blick auf das Kreuz einander vergeben, so wie er uns vergeben hat. Denn das Kreuz erinnert uns daran, dass wir alle Sünder sind und alle der Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Sie auch einander zuzusprechen, ist die Verpflichtung, die vom Kreuz ausgeht. Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden!

Er zieht uns an sich, wenn wir auf Gewalt verzichten, soweit es möglich ist. Denn es gilt die Verheißung: Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben! Alle Gewalttäter jedoch werden nicht nur das Land verwüsten, sondern es auch verspielen. Dabei geht es nicht nur um das irdische Land, sondern auch um das Land der Verheißung und des Friedens im Reiche Gottes, zu dem wir alle unterwegs sind.

Bitten wir heute im Geist des heiligen Franziskus um den Frieden in der Welt. Denn am Fest der Kreuzerhöhung hatte er die Wundmale Christi am eigenen Leib empfangen. So wurde er ein Mann des Friedens und der Versöhnung, der Versöhnung mit der Schöpfung, der Versöhnung unter den Religionen und der Versöhnung unter den Menschen. Von ihm gilt zurecht: Selig, die Friede stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden!

Richten wir heute auf seine Fürsprache unser Gebet um Frieden in der Welt an den Gott, der die Welt am Kreuz Christi mit sich versöhnt hat. Er sende aus seinen heiligen und heilenden Geist, der uns durch Christus mit ihm, dem Vater aller Menschen, vereint. Amen.