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Bischof Dr. Franz Jung

„Beeindruckend gut und beeindruckend aufwühlend“

Kirsten Boie erhält den 33. Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis – „Dunkelnacht“ erzählt von der „Penzberger Mordnacht“ aus der Sicht von drei Jugendlichen – Bischof Jung: „Ein beeindruckendes Plädoyer gegen das Vergessen“ – Juryvorsitzender Weihbischof Brahm: „Was hätte ich getan?“

Würzburg (POW) Die Hamburger Autorin Kirsten Boie (72) ist am Donnerstagabend, 2. Juni, für ihr Buch „Dunkelnacht“ mit dem 33. Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ausgezeichnet worden. Das Werk sei „beeindruckend“, sagte Bischof Dr. Franz Jung bei der Preisverleihung im Würzburger Burkardushaus vor den rund 85 Gästen, darunter viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Büchereien und Büchereiverbänden: „Beeindruckend gut und beeindruckend aufwühlend.“ Zusammen mit dem Vorsitzenden der Jury, Weihbischof Robert Brahm (Bistum Trier), überreichte Bischof Jung die Auszeichnung und eine Statuette an die Autorin. Die Jury hatte das Werk unter insgesamt 161 Titeln ausgewählt, die von 59 Verlagen eingesandt wurden.

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„Dunkelnacht“ erzählt von der „Penzberger Mordnacht“. In der bayerischen Kleinstadt wurden in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in nur einem Tag und einer Nacht 16 Menschen standrechtlich zum Tod verurteilt und ermordet. Das Buch erzählt die Geschehnisse aus der Sicht der Jugendlichen Gustl, Marie und Schorsch. Es sei „ein dunkles Buch, das ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte aufschlägt“, sagte Moderatorin Dr. Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek München. Penzberg stehe für viele Orte, in denen unschuldige Menschen in einer enthemmten Gesellschaft ermordet worden seien.

„Penzberg könnte überall in Deutschland sein“, betonte auch Bischof Jung. „Gegen das Vergessen und als fortwährende Mahnung vor möglichen Wiederholungen solcher Gräueltaten ist Ihr Text ein beeindruckendes Plädoyer.“ Er habe das Buch mehrfach gelesen. Die „klare Sprache“ verharmlose nichts und schone niemanden: „Es ist eine verstörende und auch aufrüttelnde Lektüre und lässt den Leser nachdenklich zurück.“ Gerade in diesen Monaten erlebe man wieder, „dass die Gräuel des Krieges uns zu allen Zeiten ratlos zurücklassen. Dass man zu jeder Zeit fassungslos ist ob des Elends, das Menschen einander zufügen können“, sagte der Bischof. Er verwies auch auf die Fotografien der Opfer von Penzberg, die im Foyer des Burkardushauses ausgestellt waren. Sie zeigten „14 Männer und zwei Frauen, die für ihre Stadt nach dem Endes des Kriegs Hoffnung auf eine Zukunft hatten und diese mit dem Leben bezahlt haben“.

Er fühle sich „sehr geehrt“, dass Kirsten Boie die Auszeichnung annehme, sagte Weihbischof Brahm. Das Buch stelle indirekt Fragen, welche die Jury bei der Lektüre und Bewertung nicht losgelassen hätten: „Was hätte ich getan? Wo liegen meine eigenen Handlungskompetenzen? Welches Menschenbild ist das für mich verbindliche?“ Der Weihbischof sprach von einer unausweichlichen Konfrontation mit Schuld und mit Entscheidungen, die nicht revidierbar seien. Er sehe in den drei jugendlichen Protagonisten jedoch auch ein „Hoffnungszeichen“, betonte Weihbischof Brahm und sagte an die Autorin gewandt: „Ich danke Ihnen für dieses wichtige Buch in unserer Zeit.“

Literaturwissenschaftlerin Professorin Dr. Gabriele von Glasenapp (Universität Köln) würdigte die umfassende Recherche und erzählerische Leistung der Autorin. „Kirsten Boie hat sich in Penzberg umgesehen, mit Lokalhistorikerinnen und -historikern gesprochen, die Akten studiert und die Ereignisse nicht aufgeschrieben, sondern erzählerisch verdichtet. Ein Panorama des Dritten Reichs aus der deutschen Innenperspektive ist auf diese Weise entstanden, wie man es so bislang in einer jugendliterarischen Erzählung noch nicht gelesen hat.“ Die Akteurinnen und Akteure des Buches verkörperten stellvertretend „die Deutschen“ nach zwölf Jahren Diktatur – die Überzeugten, die Mitläufer, die Opportunisten, die Fanatiker, die Berechnenden und die alten Demokraten. Die Jugendlichen Marie, Schorsch und Gustl seien keine Helden, sondern ganz normale, typische Jugendliche ihrer Zeit.

Sie sei „glücklich und sehr, sehr dankbar“, diesen Preis entgegennehmen zu dürfen, sagte Kirsten Boie. Vor einem Jahr habe sie sich das „unmöglich“ vorstellen können. 2021 habe die Jury den Roman „Papierklavier“ von Elisabeth Steinkellner vorgeschlagen, „ein Buch voller menschlicher Wärme und Empathie“, doch die Ständige Kommission habe die Zustimmung verweigert. Familien wie in „Papierklavier“ – eine unverheiratete Mutter mit Kindern von verschiedenen Vätern – gebe es zigtausendfach, sagte Boie. Das Buch erzähle von einer „zutiefst christlichen Haltung“, nämlich von Hilfsbereitschaft, gegenseitiger Unterstützung und Nächstenliebe. „Sollte diesen Preis also nur noch bekommen, wer sich in seinen Büchern nicht mit der sich ständig wandelnden Realität auseinandersetzt, sondern die Welt für Jugendliche stattdessen so erzählt, wie sie sich die Bischofskonferenz offenbar wünscht? Eine Welt ohne Geschiedene, Patchwork-Familien, queere oder transsexuelle Menschen? Wer wird denn in Zukunft noch diesen Preis entgegennehmen wollen?“, habe sie damals gefragt.

Doch als Folge dieses Eklats gelte inzwischen das Votum der Jury, fuhr Boie fort: „Und von dieser großartigen Jury nehme ich den Preis sehr gerne an.“ In ihrer Rede ging sie auch auf die aktuelle Krise der Kirche ein. Kirche sei mehr als die aktuellen Debatten um Missbrauch und Arbeitsrecht, um Diskriminierung von Schwulen und Lesben oder um kirchliche Ämter für Frauen, erklärte sie und betonte: „Das ist nicht die Kirche, wie ich sie kennengelernt habe.“ Kirche bestehe auch aus Frauen und Männern, die ihre Kirche gegenwartstauglich und überlebensfähig machen wollten, anstatt einfach auszutreten. Sie selbst habe Veranstaltungen etwa mit der Katholischen Akademie in Hamburg oder dem Sankt Michaelsbund durchgeführt. Sie sei beeindruckt von der Arbeit des Michaelsbunds, ohne den „die Bibliothekslandschaft in Bayern trostlos aussähe. Von dieser Kirche nehme ich den Preis gerne an.“

„Wir brauchen diesen Preis, bei dem es nicht nur um den Unterhaltungswert eines Buches geht oder um literarische Qualität, sondern auch um Werte, um Haltungen, um das, was es seinen Leserinnen und Lesern zum Nachdenken mit auf den Weg gibt. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass dieser Preis weiterhin besteht und respektiert wird, im Interesse der Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland“, erklärte Boie. Das Preisgeld habe mit Elisabeth Steinkellner geteilt werden sollen, erklärte Boie. Beide spenden ihren Anteil nach eSwatini im südlichen Afrika, wo Boies Möwenweg-Stiftung 3000 Kinder und ihre Dörfer mit Ernährung, Bildung und medizinischer Betreuung unterstütze.

Zum Abschluss las Boie einen Ausschnitt aus „Dunkelnacht“ vor. Darin werden die Jugendlichen Marie und Schorsch unfreiwillig Zeugen, wie Menschen von den Nationalsozialisten außerhalb des Orts erschossen und in einer Grube verscharrt werden, beim Rathaus werden Menschen erhängt. Unter den Tätern erkennen sie ihren Freund Gustl. „Wie hat Schorsch nur glauben können, das Schlimmste wäre vorbei“, schreibt Boie: „Auch das Schlimmste kann wirklich werden, und er muss zusehen.“ Die Zuhörerinnen und Zuhörer dankten ihr mit langem Applaus.

Die Veranstaltung wurde musikalisch begleitet von einem Jazztrio mit Victoria Pohl (Klavier), Carolin Heuser (Saxophon) und Sabrina Damiani (Kontrabass).

Zur Autorin

Kirsten Boie, geboren 1950 in Hamburg, studierte Deutsch und Englisch auf Lehramt und promovierte in Literaturwissenschaften mit einer Arbeit über Bertolt Brecht. Seit fast 40 Jahren verfasst sie Geschichten für Kinder und Jugendliche wie die Reihen „Geschichten aus dem Möwenweg“, „Der kleine Ritter Trenk“ oder die Detektivgeschichten um den Jungen Thabo. Für ihre Arbeit als Schriftstellerin erhielt sie unter anderem den Sonderpreis des Jugendliteraturpreises für ihr Lebenswerk und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. (Quelle: DBK)

sti (POW)

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