Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
„Lasst uns nach Betlehem gehen“
„Lasst uns nach Betlehem gehen“, so sagen die Hirten zueinander, nachdem der Engel ihnen die freudige Nachricht von der Geburt des Messias verkündet hatte.
In dieser Aufforderung steckt die gesamte Weihnachtsbotschaft.
Das will ich im Folgenden mit Ihnen bedenken.
Betlehem als der Ort, an dem der Gottessohn geboren wurde
„Lasst uns nach Betlehem gehen“ – das bedeutet zunächst: Es gibt einen Ort, den man eindeutig benennen kann und der ein für alle Mal mit der Menschwerdung Gottes verbunden ist. Das ist deshalb wichtig, weil Weihnachten von einer historischen Tatsache erzählt. Weihnachten ist kein Mythos, keine fromme Legende und auch kein Lebensgefühl, das in einer bestimmten Jahreszeit über die Menschen kommt, sondern Weihnachten sagt: Gott kommt in diese Welt. Wenn Gott Mensch wird, tritt er ein in unsere Geschichte. Dann gibt es einen Ort und eine Zeit, die man genau bestimmen kann. Genau das und nur das verbürgt das Heil. Denn Gott heiligt unsere Erde und unsere Zeit, indem er hier als Mensch geboren wird.
Bis zum heutigen Tag gehört daher die Geburtskirche in Betlehem zu den heiligsten Orten der Christenheit. Hier wird die Geburtsgrotte gezeigt, in der Maria den Retter der Welt geboren hat und ihn in Windeln gewickelt hat, genau wie es der Engel den Hirten angekündigt hatte. Bis zum heutigen Tag sagen deshalb viele Pilgerinnen und Pilger weltweit mit den Hirten: „Auf, lasst uns nach Betlehem gehen!“
Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem
„Lasst uns nach Betlehem gehen“ – das kann aber auch in einem geistlichen Sinn verstanden werden. Betlehem ist der Ort, an dem Christus geboren wurde. So haben wir eben gehört. Aber umgekehrt gilt auch: Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem. Betlehem wird damit zum Symbol für eine geistliche Wirklichkeit. Und das macht es spannend. Nach Betlehem aufzubrechen, heißt dann, nach den Orten zu suchen, an denen Christus mitten unter uns geboren wird.
Wo aber liegt dann Betlehem?
Betlehem ist da, wo die Nacht zum Tag wird
Christus wird in der dunkelsten Nacht des Jahres geboren. Durch seine Geburt vertreibt Gott die Finsternis. Betlehem ist also immer da, wo mitten in der Dunkelheit unseres Lebens das Licht Christi erstrahlt. Heute sind wir eingeladen, unsere persönlichen dunklen Stunden des vergangenen Jahres in seinem Licht zu betrachten. Nicht dass das Bedrückende und Schwere einfach weggeblasen wäre. Aber weil Gott in das Dunkel kommt, möchte er mit uns aus dem Dunkel in sein Licht gehen. Wenn wir nach Betlehem gehen, wird aus der Nacht unseres Lebens seine Heilige Nacht.
Betlehem ist da, wo die Würde der Menschen gewahrt wird
Weil an Weihnachten Gott unsere menschliche Natur angenommen hat, hat er damit auch unsere Würde erneuert. Betlehem ist also immer da, wo die Würde von Menschen nicht mit Füßen getreten wird, sondern geachtet wird. Das ist immer da, wo Menschen nicht reduziert werden auf eine Eigenschaft, sondern als Personen geachtet werden, z.B. in den Justizvollzugsanstalten, weil niemand auf seine Schuld festgelegt werden darf, sondern immer mehr ist als nur jemand, der sich verfehlt hat. Oder in den Unterkünften für Geflüchtete, weil Menschen auf der Flucht nicht nur Bittsteller sind, sondern auch Rechte haben, die gewahrt und geschützt werden müssen. Nach Betlehem gehen heißt dann auch, an die Menschenwürde aller zu erinnern und Verletzungen der Menschenwürde als solche zu benennen.
Betlehem ist da, wo der Friede Gottes anbrechen kann
In der Heiligen Nacht haben die Engel über den Feldern von Betlehem den Menschen den Frieden verkündet. Christus wird immer da geboren, wo wir an diesen Frieden glauben, der uns von Gott her zugesagt wird. Weil Gott sich mit der Welt versöhnt hat, sollen wir seinen Frieden weitertragen. Eine herausfordernde Aufgabe, gerade in diesen Zeiten, in denen offenbar die Kriegstreiber die Oberhand haben. Nach Betlehem zu gehen, bedeutet dann, nach dem zu suchen, was dem Frieden dient. Nicht die Gegensätze bis zur Unversöhnlichkeit zuzuspitzen, nicht die Eskalation immer weiter voranzutreiben, nicht die Unterschiede zu betonen, sondern nach dem Verbindenden Ausschau zu halten und der Versöhnung den Weg bereiten – auch und gerade im Heiligen Land. Der Weg nach Betlehem verlangt Ausdauer und den unverbrüchlichen Glauben an den Frieden der Heiligen Nacht. So gilt gerade in diesen Tagen: Lasst uns nach Betlehem gehen auf dem Weg des Friedens.
Betlehem ist da, wo Menschen in ihrer Verletzlichkeit geschützt werden
An Weihnachten hat Gott sich als kleines Kind verletzlich gemacht. Betlehem ist immer da, wo wir die Verletzlichsten schützen. Das gilt für das Ungeborene Leben, für das es keinen abgestuften Lebensschutz gibt, sondern das von Beginn an schützenswert ist. Das gilt aber auch für die sterbenden Menschen angesichts der Diskussion um den assistierten Suizid. Statt durch die Hand von Menschen zu sterben machen wir uns dafür stark, an der Hand von Menschen zu sterben. Weil Gott selbst unsere Verletzlichkeit geheiligt hat, heißt nach Betlehem gehen, sich für die Schwächsten stark zu machen.
Betlehem und der Krippenbau in unseren Häusern
Vergessen wir nicht: Unsere Häuser und Wohnungen wollen Betlehem sein. Deshalb bauen wir an Weihnachten unsere Krippen auf. Sie sind nicht nur Folklore oder ein frommer Brauch. Der Tiefe Ernst der Krippen liegt darin begründet, dass sie uns daran erinnern, dass Christus auch bei uns geboren werden möchte. Auch unser Zuhause soll Betlehem sein. Auch wir sollen heilige Familien sein. Familien, in denen Menschen um Christi willen einander annehmen. Familien, die durch die Liebe zu Christus zusammengehalten werden.
Familien, die sich freuen, dass Gott in ihrer Mitte ist und mit ihnen den Weg durchs Leben geht mit allen Höhen und Tiefen. Ja, lasst uns nach Betlehem gehen, um an unseren Krippen betend zu verweilen. Lasst uns so immer mehr Betlehem werden.
Betlehem als Inbegriff für die Eucharistie
Der hebräische Ortsname „Bethlehem“ heißt übersetzt „Haus des Brotes“. Schon seit den frühesten Zeiten wurde deshalb Betlehem zum Symbol für die Kirche. Denn die Kirche ist das „Haus des Brotes“. In der Mitte der Kirche feiern wir im Sakrament der Eucharistie immer neu die Vergegenwärtigung unserer Erlösung. Wie in Betlehem zum ersten Mal der „Leib Christi“ gesehen wurde, so sehen wir den „Leib Christi“ in der Feier der Eucharistie. Christus wird mit „Leib“ und „Blut“ unter uns gegenwärtig. In der Kommunion haben wir Gemeinschaft mit ihm. Wir werden „durch ihn und mit ihm und in ihm“ zu Schwestern und Brüder im Glauben.
„Lasst uns nach Betlehem gehen“ heißt also immer auch, lasst uns miteinander Eucharistie feiern. Denn an Weihnachten will Christus in uns geboren werden. Mit ihm sollen wir zu neuen Menschen werden, die „von oben geboren sind“, wie es der Evangelist Johannes sagt. Denn nur neue Menschen können die Welt im weihnachtlichen Sinne verwandeln.
Hören wir also niemals auf, nach Betlehem zu gehen!
Hören wir also niemals auf, nach Betlehem zu gehen. Muntern wir uns mit den Hirten immer neu gegenseitig auf, nach Betlehem aufzubrechen. Denn Weihnachten wird erst dann vollendet sein, wenn die ganze Welt sich an seiner Krippe einfindet, um ihn anzubeten. Amen.

