Würzburg (POW) Bischof Dr. Franz Jung und Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang haben am Samstag, 16. Mai, einen Biblischen Dialog auf dem 104. Deutschen Katholikentag geführt. Rund 1200 Menschen besuchten die Veranstaltung in der Posthalle, bei der es um ausgewählte Momente in der Geschichte des blinden Bettlers Bartimäus aus dem Markusevangelium ging sowie um die Frage, was die Bibelstelle, aus der das Katholikentags-Motto stammt, für die heutige Gesellschaft bedeutet.
Der erste Moment, den Bischof Jung und Lang diskutierten, war der laute Ruf des Bartimäus. Lang bezeichnete diese Szene als einen Moment der Selbstwirksamkeit. „Dieses Bild spricht für mich für den Grundsatz: Jeder ist Jemand.“ Bischof Jung stellte angesichts des lauten Rufens von Bartimäus die Frage in den Raum, wann die Rufe von Bedürftigen in der Gesellschaft, aber auch in der Kirche gehört werden. „Bartimäus muss ja mehrmals laut rufen und sagt sich, entweder jetzt oder nie.“ Bischof Jung nannte die Corona-Krise als einen exemplarischen Moment, als Probleme in der Gesellschaft sichtbar wurden, obwohl diese schon länger existierten. „Plötzlich kam die Frage: Wie ist das denn mit den älteren Menschen in der Gesellschaft, wie ist das mit dem Pflegenotstand und was ist mit den Künstlern?“ Es sei die Aufgabe von Politik und Kirche, ein offenes Ohr für diesen Notschrei zu haben.
Die zweite wichtige Stelle war zugleich das Motto des Katholikentags. „Hab Mut, steh auf“ – die Worte, welche die Jünger Jesu Bartimäus im Evangelium zurufen. Lang betonte in diesem Zusammenhang die anfängliche Reaktion der Jünger, welche Bartimäus zunächst befohlen hatten, zu schweigen. „Die erste Reaktion der Jünger, und das können wir auch auf die heutige Gesellschaft übertragen, ist die Person, die als außenstehende Figur sich Gehör verschaffen möchte, zum Schweigen zu bringen. Erst als Jesus sich Bartimäus zuwendet, sagen die Jünger: Hab Mut, steh auf.“ In der Bibelstelle sei nicht nur Bartimäus der Blinde, sondern auch die Jünger und die Menschenmenge. „Sie sind blind für sein Leiden und seine Not. Doch die Jünger zeigen auch Mut, indem sie sich für Bartimäus öffnen.“ Im Blick auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland sei es laut Lang eine zentrale Frage, wie Menschen, die weghören, zu Helfern werden können.
Bischof Jung erklärte, dass „Hab Mut, steh auf“ auch ein Wort der Umkehr der Kirche sei. „Die Menge reagiert erst, als Jesus stehenbleibt“. Es sei auch die Rolle der Kirche und des Bistums Würzburg, die Rolle der Ermächtigten zu sein. „Unsere Mission besteht darin, Menschen Mut zu machen, Christus zu begegnen und ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen“, betonte Bischof Jung. Jesus sei in dieser Geschichte ein Exempel dafür, wie man Hilfesuchenden begegnen solle. „Jesus sagt nicht: Ich weiß, was für dich gut ist. Sondern er fragt: Was wäre für dich gut?“ Bischof Jung zog Parallelen zu Hilfsangeboten und mahnte, dass diese nicht an den eigentlichen Bedürfnissen von Hilfesuchenden vorbeigehen dürften. Das sei auch der Grund, warum das Bistumsmotto „Christsein unter den Menschen“ laute. Es gehe darum, mit den Menschen zu fragen, was in einem bestimmten Moment guttun würde.
Lang betonte, wie viel Demut die vorrausgegangene Frage von Jesus zeige, indem er Bartimäus zunächst fragt. Aber auch der Wunsch von Bartimäus zeige Demut. Er sei nicht an Macht oder Reichtum interessiert, sondern daran, erkennen zu können. Lang bezeichnete Demut als etwas, was in der Gesellschaft immer seltener zu sehen sei. „Ich habe das Gefühl, dass wir in unserer Gesellschaft sehr auf das Individuum fokussiert sind und erwarten, dass das Individuum in alle Richtungen handlungsfähig ist.“ Gerade die Demut zu sagen, dass man selbst nicht das Größte sei, sondern Teil von etwas Größerem, sei für sie eine enorme Kraft.
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