Hösbach (POW) „Ich bin langsam in Entscheidungen, aber irgendwann dachte ich, jetzt muss ich das mal ‚eintüten‘“, sagt Judith Gessler. Die 54-jährige Hösbacherin gehört zu den sieben Erwachsenen, die dieses Jahr im Bistum Würzburg an Ostern in die katholische Kirche aufgenommen werden möchten. Die Zulassung dazu wurde ihnen am 22. Februar bei einem feierlichen Gottesdienst von Bischof Dr. Franz Jung im Würzburger Neumünster erteilt.
Dass sie erst jetzt als Erwachsene den Schritt in die katholische Kirche macht, hat viel mit ihrer Kindheit zu tun. Gessler ist in Ostberlin aufgewachsen und Kirche war in ihrer Familie nicht präsent. „Ich mochte aber als Kind schon die Gotteshäuser, die bunten Scheiben, den Weihrauchduft und die Ruhe“, erzählt sie. Mit ihrer Hochzeit kam sie dann nach Hösbach und erlebte hier, was Katholizismus bedeutet. Sie sah beispielsweise die vielen christlichen Zeichen, denen man im öffentlichen Umfeld begegnet, und war erst mal nicht begeistert. „Ich bin sogar mal richtig wütend geworden, denn dass kannte ich nicht und fand es völlig überzogen“, sagt sie lachend. Ihre beiden Kinder ließen sie und ihr Mann evangelisch taufen, weil ihr das Katholische irgendwie zu viel mit „Müssen“ und „Angst“ verbunden war. Aber sie wusste schon damals, dass sie ihren Kindern etwas mitgeben möchte.
Für sich selber kam das damals aber nicht in Frage. Doch die Jahre gingen ins Land und immer wieder gab es Anstöße, die sie zum Nachdenken über ihre Beziehung zu Gott brachten. Als ihr Mann erkrankte, war für sie plötzlich nichts mehr greifbar und es kamen existentielle Fragen auf. „Da hat mir Gott wirklich geholfen, Jesus hat mir seine Hand gereicht“, formuliert sie es rückblickend. Und dann war es irgendwann soweit: Sie wollte sich taufen lassen. Warum es ausgerechnet die katholische Kirche ist, in die sie sich aufnehmen lassen will, begründet sie damit, dass sie da nach ihrem Eindruck sehr viel findet, was schon lange gewachsen ist. „An der Quelle ist das Wasser am saubersten“, so drückt sie es aus. Ihr sagen auch spirituelle Formen wie das Sakrament der Beichte und das Rosenkranzbeten zu. Letzteres macht sie seit einiger Zeit regelmäßig, manchmal in einer Frauengruppe, manchmal für sich allein, und hat erfahren: „Das ist etwa, wo ich sehr viel loslassen kann, was mir Kraft gibt, was mich erdet, wurzeln lässt.“
Ihr Weg zur Taufe wird begleitet von Gemeindereferent Swen Hoffmann aus dem Pastoralen Raum Aschaffenburg. Er hat in der Vergangenheit bereits vier Erwachsene zur Taufe geführt und betreut aktuell drei Taufbewerberinnen und -bewerber, darunter Gessler. Hoffmann nennt das eine reizvolle Aufgabe, weil er Menschen in einer Zeit, in der Kirchenaustritte die Regel sind, völlig gegen den Trend in die Kirche hinein begleiten kann. Im Wesentlichen besteht seine Vorbereitung aus Einzelgesprächen. Themen sind zum Beispiel die Zeichen in der heiligen Messe, das Gebet oder die Abläufe im Kirchenjahr. Aber auch aktuelle Fragen, die von den Bewerbern mitgebracht werden, bestimmen die Treffen. Hoffmann legt viel Wert darauf, nicht nur Theorie zu vermitteln. „Ich ermutige sehr dazu, Gottesdienste einfach mitzufeiern, denn so kommt man am besten rein“, sagt er. Vom Auswendiglernen hält er nicht viel. Lieber gibt er den Bewerbern Tipps an die Hand, wie sie das finden können, wonach sie suchen. Wichtig ist ihm auch, in den Austausch zu kommen über die Frage, was denn die Gottesbeziehung konkret mit dem eigenen Leben zu tun hat.
Die Vorbereitung nähert sich nun langsam dem Ende. In der Osternacht wird Gessler von Pfarrer Matthias Rosenberger in der Pfarrkirche Sankt Michael in Hösbach getauft. Der Weg ins Christsein hinein ist damit aber nicht zu Ende. Hoffmann wünscht sich für seine Taufbewerber immer, dass sie das, was sie suchen, auch in der Gemeinde finden. Gessler freut sich darauf, bald auch die Eucharistie empfangen zu können. Und sie hofft, eine Gemeinschaft von Christen zu finden, die lebendig ist. Nur Gottesdienst reiche nicht, sagt sie. Sie weiß schon: „Den Glauben in den Alltag einbinden, ist eine Herausforderung, definitiv, und da brauche ich auch immer wieder Inspiration.“
bv (POW)
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