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„Hab nur Mut, steh auf, Er ruft dich!“

Hirtenwort von Bischof Dr. Franz Jung zur österlichen Bußzeit 2026

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Das Leitwort des 104. Katholikentags in Würzburg

„Hab Mut, steh auf!“ So lautet das Leitwort des 104. Deutschen Katholikentags, der über Christi Himmelfahrt in Würzburg stattfindet. Dieses Leitwort ist dem Markusevangelium entnommen, genauer gesagt der Begegnung des blinden Bettlers Bartimäus mit Jesus (Mk 10,46-52). Dort wird erzählt, wie die Menschenmenge dem blinden Bettler zuruft: „Hab nur Mut, steh auf, Er ruft dich!“ Bartimäus folgt dieser Aufforderung und wird durch die Begegnung mit Jesus geheilt. Der Glauben öffnet ihm die Augen, so dass er sein Leben wieder in die Hand nehmen kann. Als Sehender folgt er Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem.

Die Ermutigung des Bartimäus als Programm der österlichen Bußzeit

„Hab nur Mut, steh auf, Er ruft dich!“ Dieser ermutigende Zuruf beschreibt das geistliche Programm der österlichen Bußzeit. Das möchte ich mit Ihnen am ersten Fastensonntag bedenken. Zugleich verbinde ich damit die Anregung, sich persönlich, aber auch in den Gemeinden, Verbänden und Ordensgemeinschaften geistlich auf den Katholikentag in Würzburg vorzubereiten. Dann bleibt der Katholikentag kein einmaliges Event, sondern klingt nach in den Herzen und hilft uns zur geistlichen Erneuerung.

Eine gute Möglichkeit zur Vorbereitung ist die Lectio Divina, also die Geistliche Schriftlesung, der Bartimäus-Erzählung. Diese Methode hilft, sich persönlich oder in der Gruppe mit dem Evangelium auseinanderzusetzen. Eine Anleitung dazu stellen wir auf der Webseite des Bistums zur Verfügung.

Doch nun zum geistlichen Programm, das in diesem Wort der Ermutigung steckt.

Den Ruf Christi neu hören

„Er ruft dich!“ Das ist die Zusage, die an Bartimäus ergeht. Christus ruft jede und jeden Einzelnen von uns in die Nachfolge. Die heiligen 40 Tage der österlichen Bußzeit dienen dazu, diesen Ruf neu zu hören. Wer den Ruf neu hört, der erneuert auch seine Berufung. Denn Berufung ist kein einmaliges Geschehen. Der Herr ruft uns immer wieder. Die Herausforderung besteht darin, seinen Anruf heute zu hören. Das gilt im persönlichen Leben genauso wie dort, wo Christen als Gemeinschaft zusammenleben. Um seinen Ruf vernehmen zu können, benötigen wir Zeiten des Innehaltens. Erst in der Unterbrechung des alltäglichen Betriebes öffnet sich der Raum für das Nachhorchen. Diese Zeiten bewusst einzuplanen in den kommenden 40 Tagen, sind wir eingeladen.

So können wir uns fragen: Was hat bei mir zuletzt am lautesten nachgehallt? In welcher Begegnung oder bei welchem Erlebnis habe ich plötzlich gespürt: Hier ruft der Herr! Sei es aufgrund eines Konfliktes, der mir zeigte, dass etwas im Argen liegt und dringend angegangen werden muss. Sei es aufgrund einer schönen Begebenheit, durch die mir aufging, dass mehr drin ist und dass ich diesem Wink folgen sollte bei meinem Tun. Sei es durch das Beispiel eines anderen Menschen, der mir half, noch einmal neu die Schönheit, aber auch die Verpflichtung meiner Berufung zu entdecken. Der Herr ruft jeden Tag neu. Deshalb mahnt der Psalmist (Ps 95,7-8): „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet nicht euer Herz.“ Wann immer der Mensch den Ruf des Herrn hört, kommt er im Heute an, wird seine Berufung als Christ von Bedeutung für die Gegenwart.

Deshalb bedarf es jenseits der persönlichen Vertiefung im Glauben auch des Hinhörens auf die Klopfzeichen des Herrn in unserer Gesellschaft. Sie fordern uns als Kirche dazu auf, Stellung zu beziehen. Das gilt für den Hilferuf der Menschen in Not im direkten Umkreis unserer Gemeinden. Den Armen, Obdachlosen und Geflüchteten gilt in der österlichen Bußzeit unser Augenmerk. Auch die kranken und sterbenden Menschen sind unserer Sorge in besonderer Weise anvertraut. Ihnen soll nicht das Gefühl vermittelt werden, sie seien nur eine Last. Ein lautes Klopfzeichen sind auch die zunehmenden Spannungen innerhalb unserer gesellschaftlichen und kirchlichen Debatten. Sie fordern uns im Sinne der Synodalität und des entschiedenen Miteinanders dazu heraus, eine Kultur zu entwickeln, die eine ehrliche und konstruktive Auseinandersetzung ermöglicht. Ich sage das bewusst auch im Blick auf die anstehenden Pfarrgemeinderatswahlen und Kommunalwahlen in unserem Land.

Neuen Mut fassen

„Hab Mut!“, Ein wichtiger Appell gerade in diesen Tagen. Vielfach hat man den Eindruck, dass sich ein Gefühl der Ohnmacht und Lähmung breitmacht. Die Großmächte scheinen die Welt unter sich aufzuteilen wie in den Zeiten des Kalten Kriegs, ohne dass sie irgendjemand daran hindern könnte. Im Blick auf die wirtschaftlichen Rahmendaten scheint es bergab zu gehen. Innerkirchlich entmutigen die Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre und der Blick darauf, dass wir weniger werden.

„Hab Mut!“ wird Bartimäus gesagt. Lass dich nicht blenden. Lass dir nicht den Blick von denen verstellen, die sagen, dass alles schlechter wird. Ob es schlechter wird, hängt auch an uns und unserem Engagement. Hab Mut und vertraue, dass der Herr es ist, der ruft. Er, der ruft, gibt auch den Mut, neu anzupacken. In diesem Sinn zitiert Papst Leo XIV. immer wieder das schöne Wort des heiligen Augustinus, der sagte: „Leben wir gut, dann werden auch die Zeiten gut. Wir sind die Zeiten“ (Sermo 80.8). Genauso ist es: Wir sind die Zeiten! Daher danke ich allen von Herzen, die Mut beweisen, indem sie durch ihren Einsatz in unseren Gemeinden das kirchliche Leben erneuern helfen. Ich danke aber auch allen, die mutig für ein politisches Amt kandidieren, um mit ihren Ideen und ihrer Kraft die Herausforderungen anzugehen, vor denen wir als Gesellschaft jetzt stehen.

Aus der Kraft des Glaubens mit Christus auf-er-stehen

„Steh auf!“ Wer den Ruf hört und neuen Mut fasst, der hat auch die Kraft aufzustehen. Er bleibt nicht wie der Bettler untätig am Straßenrand sitzen und lässt das Leben einfach an sich vorbeiziehen. Sondern mit Bartimäus springt er auf, um sich in die Gegenwart Christi, des Herrn, zu stellen. Der Ruf „Steh auf!“ bedeutet auf unserem Weg zum Osterfest auch, mit Christus aufzuerstehen. Wer mit Christus aufersteht, der nimmt sein Leben wieder neu in die Hand. Der bettelt nicht um Almosen und gibt sich nicht mit dem zufrieden, was gerade noch übrigbleibt. Sondern er lebt aus dem Schatz im Himmel, der Christus selbst ist.

Christus öffnet Bartimäus die Augen. Mit Christus entdeckt Bartimäus das Leben neu. In der Nachfolge Christi sieht er neue Möglichkeiten. Das Dunkel hat für ihn seine Schrecken verloren. Bartimäus wird damit zum Vorbild für die Tauferneuerung. Denn im Taufritus wird dem Täufling gesagt: „Empfange das Licht Christi.“ Dabei wird ihm die Taufkerze überreicht, die an der Osterkerze entzündet wurde. So wie Bartimäus durch Christus das Augenlicht neu geschenkt wurde, so wird uns in der Taufe das Licht des Glaubens neu geschenkt. Wir werden eingeladen, mit Bartimäus immer neu aus der Finsternis in Sein Licht zu gehen. Als Kinder des Lichtes sollen wir mit brennenden Kerzen und brennenden Herzen dem Herrn entgegengehen. So kann sich das Licht von Ostern in der Welt ausbreiten. Diese Mission zu erneuern, ist das Ziel der heiligen 40 Tage, die vor uns liegen.

So bitten wir mit dem Apostel Paulus, dass der Herr die Augen unseres Herzens erleuchte, damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir durch ihn berufen sind, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke (vgl. Eph 1,18-19).

Hab Mut, steh auf, Er ruft dich!

Von Herzen wünsche ich Ihnen und uns allen gesegnete und frohe Tage der österlichen Bußzeit. Ich danke Ihnen für Ihren hochherzigen Einsatz im Glauben, sei es in der gemeinsamen Feier der Gottesdienste oder im Einsatz für die Belange unserer Gemeinden. Der Herr helfe uns, dass wir dabei nicht nur um uns selbst kreisen, sondern dass unser Licht weithin leuchtet. Dann kann es auch anderen die Augen öffnen für die Schönheit und die Kraft unseres Glaubens. Denn was uns gesagt wird, gilt im Letzten allen Menschen: Hab Mut, steh auf, Er ruft dich!