Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.
OSTERSONNTAG: DIE TRÄNEN DER MARIA VON MAGDALA
Maria von Magdala und die Tränen der Trauer
Eine berührende Szene zeigt uns das Osterevangelium: Alle anderen Jünger sind weg, nur Maria von Magdala bleibt allein am Grab zurück und weint. Sie wird zum Inbegriff für die Einsamkeit der Trauernden aller Zeiten. Die Tränen der Trauer verweisen auf eine dreifache Traurigkeit: die Traurigkeit über den Verlust eines lieben Menschen; die Traurigkeit im Sinne von Selbstmitleid, dass mir das passieren muss; und die Traurigkeit darüber, dass der Tod überhaupt immer wieder in das Leben einbricht und uns die Endlichkeit unseres Lebens so schmerzlich vor Augen führt.
Immerhin: Maria kann wenigsten weinen – das ist ein Geschenk
Immerhin: Maria kann wenigstens weinen. Wir wissen aus Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, weinen zu können. Wann habe ich das letzte Mal überhaupt geweint? Papst Franziskus fragte die Priester regelmäßig: Könnt ihr weinen? Weint ihr mit den Menschen? Oder lasst ihr das alles nur an euch abprallen in der professionellen Distanz…? Weinenkönnen zeigt, dass man etwas an sich ganz tief heranlässt. Oft dauert es geraume Zeit, bis die Tränen kommen. Gerade Menschen, die unerwartet von einem Schicksalsschlag getroffen wurden, können anfänglich nichts empfinden, der Schock sitzt noch zu tief, das Herz ist wie versteinert, auch ein Selbstschutz im Moment der Überforderung.
Die Gabe der Tränen (donum lacrymarum)
Die geistliche Tradition spricht von der „Gabe der Tränen“. Die Gabe der Tränen zeichnet das empfindsame Herz aus, das fühlt, mitfühlen und sich einfühlen kann, das sich verletzlich macht und seine eigene Verletzlichkeit zeigt. Es gab in der Alten Liturgie sogar ein eigenes Messformular, in dem eigens um die „Gabe der Tränen“ gebetet wurde. Es macht deutlich, dass Weinenkönnen nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk des Heiligen Geistes ist. Der Geist, von dem die Pfingstsequenz sagt: „Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt“, er löst das verhärtete Herz, macht es empfänglich und empfindsam.
„Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben“
„Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Wie alle Trauernden will Maria den Verstorbenen zurückhaben. Ihr Herr wurde weggenommen und sie sucht ihn. Auch als Jesus sie fragt, warum sie denn weine, bittet sie ihn, ihr den Leichnam zu geben, um einen Ort für ihre Trauer zu haben. Das ist ein wichtiger Zug in unserer Ostererzählung. Denn die Trauer braucht einen Ort und sie braucht Zeit, um wirklich Abschied nehmen zu können. Neues kann erst da werden, wo man Altes im wahrsten Sinne des Wortes begraben und verabschiedet hat.
Diese Trauer kann man nicht beschleunigen, man muss sie leben. Die einen wollen die Trauer überspringen, die anderen versuchen, sie zu verdrängen, wieder andere wollen sich ablenken. Immer ist es der Versuch, sich dieser bedrängenden Wirklichkeit nicht zu stellen und dem tiefen Einschnitt, den der Tod in unserem Leben bedeutet, auszuweichen.
Alfred Delp und das Durchleben bis zum Brunnenpunkt
In seiner eigenen Trauer im Gefängnis, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung, schrieb Alfred Delp am 17. November 1944: „Das Eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“
Monatelang hatte er gerungen mit seinem Schicksal, mit der drohenden Todesstrafe, hatte er nach Auswegen gesucht, bis ihm aufging: Gott ist auch in diesem meinem persönlichen Trauerprozess gegenwärtig, er ist nicht weg, sondern da. Man muss die Trauer durchleben, bis man zu diesem Brunnenpunkt gelangt, wie Alfred Delp es nennt, der Brunnenpunkt, an dem die Dinge aus Gott kommen. Erst dann kann sich im Menschen etwas lösen, erst dann kann etwas neu werden im Leben.
Am Brunnenpunkt werden aus Tränen der Trauer Tränen der Freude
„Brunnenpunkt“ ist dabei ein schöner Begriff, denn er macht deutlich, dass aus der Tiefe wieder die Wasser fließen. Aus den Tränen der Trauer werden am tiefsten Punkt, am „Brunnenpunkt“, Tränen der Freude. Das ist dann das „lebendige Wasser“, das im Inneren des Menschen zur Quelle wird, die in das ewige Leben fließt, wie es Jesus der Samariterin am Jakobsbrunnen verheißen hatte (Johannes 4,14).
Die Anrede mit dem eigenen Namen als Brunnenpunkt
Im Osterevangelium ist dieser Brunnenpunkt ganz klar markiert: Es ist der Moment, in dem Jesus „Maria“ sagt und Maria sich umwendet, um noch einmal genau hinzusehen, und dann in dem vermeintlichen Gärtner Jesus erkennt. Da lichtet sich der Schleier der Tränen, der ihren Blick verhüllte. Und sie sieht wieder klar – die Tränen der Freude treten an die Stelle der Tränen der Trauer.
Das Leben wird wieder hell, denn mit dem auferstandenen Herrn kann sie sich ins Leben zurücktasten. Sie kreist nicht mehr um sich und ihre Trauer, sondern hat Christus als lebendige Mitte ihres Lebens zurückgewonnen.
Nicht festhalten, sondern Zeugnis geben
„Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ So sagt der Auferstandene. Maria will den auferstandenen Herrn festhalten – das ist nur zu verständlich. Aber man kann das neue Leben weder machen noch festhalten. Ostern ist eine Gnade und ein Geschenk. Aber was man kann, das wird Maria aufgetragen: Man kann anderen Zeugnis geben von dem eigenen Weg der Trauer, der einen aus dem Land des Todes in das Land des Lebens zurückgeführt hat, weil Jesus uns dorthin vorausgeht.
Und genau darum geht es an Ostern. Mit Maria trägt uns der auferstandene Herr auf, unseren Schwestern und Brüdern von unseren Auferstehungserfahrungen zu berichten. Davon zu erzählen, wie er uns die Tränen der Trauer abgewischt hat, so dass die Tränen der Freude fließen konnten und können. Das wünsche ich mir und uns allen an diesem Osterfest. Denn am Ende steht die Verheißung des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung des Johannes, in dem es heißt:
„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen gesegnete und trostreiche Ostertage. Denn der Herr, der Maria von Magdalas Tränen gewandelt hat, wird auch unsere Tränen abwischen.
Amen. Halleluja!
