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„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“

Dokumentation
Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am 12. März 2026 anlässlich des 450. Jubiläums der Grundsteinlegung des Juliusspitals in der Kirche Sankt Kilian des Würzburger Juliusspitals

Sehr geehrte Herren des Oberpflegamtes,

sehr geehrter Herr Innenminister,

sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Juliusspitals,

oder einfach liebe „Spitäler“,

liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Der Wahlspruch Julius Echters

„Virtus boni operis perseverantia est“ – „Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. So lautete der Überlieferung nach der bischöfliche Wahlspruch Julius Echters. Eine kraftvolle Devise, die Julius Echter bei all seinen Unternehmungen leitete – immerhin wirkte er 44 Jahre als Fürstbischof! Vieles, was er in die Hand nahm, hat bis heute Bestand: die Neugründung der Universität, die Verstärkung der Festung mit der Echter-Bastion und das Juliusspital, dessen Grundsteinlegung auf den Tag genau vor 450 Jahren wir heute feiern. Eine beeindruckende Bilanz, die nur wenige aufweisen können.

Hatte Echter sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, dann verfolgte er sein selbstgestecktes Ziel mit der ihm eigenen Beharrlichkeit als einer Tugend, die den Katholiken in der Zeit der Gegenreformation besonders abverlangt wurde. Beeindruckend noch heute, wie Petrus Canisius als angehender Jesuit in großen Lettern in sein Schulheft schrieb: „PERSEVERA“ – „Halt durch!“

Ausdauer brauchte es und einen langen Atem, um nach den Wirren der Reformation als katholische Kirche wieder Tritt zu fassen und sich neu aufzustellen.

Beharrlichkeit in der Verfolgung einer Vision

„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Beharrlich verfolgte Julius Echter eine Verbesserung der städtischen Armenfürsorge. Sie litt seiner Ansicht nach unter drei Fehlentwicklungen, die zu korrigieren waren.

Erstens war die Gruppe der Begünstigten zu weiten. Gegen das Ansässigkeitsprinzip, wonach nur verdiente Bürger in den Genuss der Armenfürsorge kommen konnten, drängte der Oberhirte darauf, dass auch Fremde und Durchreisende versorgt werden müssten.

Zweitens bemängelte er, dass die bürgerlichen Armenspitäler sich im Laufe der Zeit zu Pfründneranstalten gewandelt hatten. Das bedeutete, dass man sich in die Spitäler einkaufen musste. Insofern wurden gerade nicht mehr die Armen versorgt, sondern die, die finanziell in der Lage waren, sich einen Platz zu sichern. Diesem Klientelwesen musste ein Riegel vorgeschoben werden.

Drittens fehlte es erwiesenermaßen in den städtischen Einrichtungen an einer qualifizierten medizinischen Versorgung, da man keine Notwendigkeit gesehen hatte, „ainen besundern medicum“ zu beschäftigen. Auch hier schwebte dem Fürstbischof als „obristen pfleger und versorger der armen“ vor, die medizinische Versorgung in die Hände von Fachleuten zu legen.

Und überhaupt: am besten wäre es, alle städtischen Einrichtungen unter bischöflicher Leitung mit der Errichtung eines Oberpflegamtes zusammenzuführen. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die ebenso visionären wie weitreichenden Pläne des Landes- und Stadtherrn nicht gerade auf offene Ohren stießen. Auch wenn Julius Echter in einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Rat der Stadt nicht alle seine Vorstellungen einer Armenfürsorge durchsetzen konnte, so schuf er doch mit dem Juliusspital eine Mustereinrichtung, die seinen Ansprüchen genügte und mit der er für Jahrhunderte Maßstäbe setzte. Sein außergewöhnlich großes Spital war eine Multifunktionsanstalt – oder im heutigen Pflegesprech eine „Komplexeinrichtung“ –, die Altenpflegeheim, Krankenhaus, Waisenhaus und Pilgerherberge unter einem Dach miteinander vereinte.

Die Diskussion der damaligen Zeit über die Frage, was gute Pflege ausmacht und wer sie sich leisten kann, hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Wer hier im Blick auf die momentane Entwicklung der Krankenhauslandschaft und in der Altenpflege nicht untergehen möchte, weiß, dass es auch heute der Echterschen Beharrlichkeit bedarf, um die nötigen Änderungen der Rahmenbedingungen anzumahnen und auf Dauer auch durchzusetzen.

Beharrlichkeit in der Durchsetzungskraft gegen Widerstände

„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Der Beharrlichkeit bedurfte es auch in der Auseinandersetzung mit dem Domkapitel. Der größte Widerstand kommt bekanntlich immer von innen und nie von außen. So auch in diesem Fall. Den hohen Herren des Domkapitels grauste es beim Gedanken an die hochfliegenden Pläne des Bischofs. Sie boten argumentativ alles auf, um das Unternehmen zu stoppen.

Als erstes schauten sie natürlich auf die Finanzen. Wer um Himmels willen sollte das bezahlen? Wer für die enormen Baukosten aufkommen? Sie ahnten schon Ungemach auf sich zukommen. Zweitens müsse der Fürstbischof doch bedenken, dass im Kriegs- oder Verteidigungsfalle der Feind sich des mächtigen Spitals bedienen könne als Bastion gegen die Stadt, war doch die Anlage des Spitals außerhalb der Stadtmauern geplant. Und drittens sei die halbe Stadt nicht groß genug, um alle „gemeinden Bettler“ aufzunehmen. Warum sich an einem solchen Projekt überheben?

Wer den guten Julius Echter kennt, weiß, dass alle Gegenargumente nicht verfingen. Das Spital kam. Und blechen musste das Domkapitel auch, da half alles nichts. Beharrlich trieb der Bischof seine Pläne voran. Immerhin war das Juliusspital zu seiner Zeit nicht nur eine Einrichtung der Wohlfahrtspflege, sondern vor dem Bau der Neumannschen Residenz zugleich der städtische Repräsentationsbau des Fürstbischofs. Davon zeugen bis heute der Fürstenbau und die Kilianskirche als Herzstück des Gebäudeensembles. Echter lehrt uns: Eine große Idee allein reicht eben nicht. Zur Vision muss die Tatkraft hinzutreten.

Beharrlichkeit braucht es auch hier, denn gute Gründe gegen die Armenfürsorge gab es zu allen Zeiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Echter aber war ein Mann der Tat.

Beharrlichkeit in der materiellen Absicherung für die Zukunft

„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Das gilt auch für die Errichtung und Ausstattung der zugehörigen Stiftung. Julius Echter stiftete einen großen Teil seines Privatvermögens für den Unterhalt des Spitals und machte dadurch deutlich, wie ernst es ihm war mit diesem Projekt und wie viel er sich das persönlich kosten ließ. Aber wie so oft zog er auch die Vermögensmasse aufgelassener Klöster zur Finanzierung heran.

Zu nennen sind hier die Güter des ehemaligen Zisterzienserinnenstiftes Heiligenthal und diejenigen des Augustinerchorherrenstiftes in Birklingen. Es verging kein Jahr ohne bischöfliche Zustiftungen. Bis heute erfüllen diese Dotationen ihren Zweck. Wie er auf das Vermögen ehemaliger Klöster zurückgriff, so griff er auch auf den Judenfriedhof als Bauplatz zurück, nachdem die jüdische Gemeinde im Jahre 1560 der Stadt verwiesen worden war. Denn der Bauplatz musste aufgrund der schieren Größe des Spitals außerhalb der Stadtmauern liegen. Gegen die Wahl des jüdischen Friedhofs halfen alle Proteste nichts, auch nicht der Hinweis auf die Totenruhe, die nicht gestört werden dürfe, zumal der Friedhof auf ewige Zeiten von der jüdischen Gemeinde erworben worden war.

Dankenswerterweise erinnert seit 2013 die Stiftung Juliusspital mit einem Historischen Gedenkpunkt im Innenhof an diesen jüdischen Friedhof. In der Wahl seiner Mittel war der energische Fürstbischof nicht eben zimperlich, was ihn so manche Sympathie gekostet hat.

Und dennoch: Beharrlichkeit hieß für Julius Echter immer auch, dafür zu sorgen, dass die gute Idee nachhaltig abgesichert wird. Denn nur durch eine auskömmliche finanzielle Ausstattung konnte Echters Vision von der Armen- und Krankenfürsorge im Juliusspital so aufgestellt werden, dass sie noch in unseren Tagen dem Gründungszweck ihres Stifters nachkommen kann. Dem Oberpflegamt ist es zu danken, dass das Stiftungskapital durch die Jahrhunderte hindurch erhalten wurde, auch und gerade in diesen bedrängenden und so wechselhaften Zeiten.

Beharrlichkeit in der persönlichen Zukunftssicherung

„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Das gilt schließlich auch für das Seelenheil des großzügigen Stifters. Der ließ es sich nicht nehmen, in den ersten Jahren in seinem Spital am Gründonnerstag zwölf Armen die Füße zu waschen und nicht zwölf Domkapitularen, wie es sonst Brauch gewesen war. Dafür erwartete er, dass die Armen für ihn beteten, um für sein Seelenheil zu sorgen. Beharrlichkeit war gefragt. Denn auch in Sachen Gebet überließ der Stifter nichts dem Zufall. Vielmehr lebten die Bewohner des „großen spitals“ nach der Art eines abgeschiedenen klösterlichen Konvents. Drei Rosenkränze hatten sie täglich zu beten. Einen für das Heil der Christenheit, einen für den Stifter und einen für sich selbst. Um dem Gebetspensum nachzukommen, war eigens der Stiftsgeistliche angestellt worden. Nur auf diese Weise konnte die Dankesschuld abgetragen werden. Zugleich hatte der Stifter die Sicherheit, dass immer jemand für ihn bei Gott ein gutes Wort einlegte. Also eine echte Win-win-Situation. Schön, dass man bis heute diesem Stifteranliegen nachkommt und die Dankbarkeit gegenüber Gott und gegenüber denjenigen pflegt, die sich für das leibliche und seelische Wohlergehen einsetzen.

Beharrlichkeit und der Auftrag: „Wer hernach kommt, thue auch das Best“

Ich komme zum Schluss. „Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Im Tugendstammbaum zeigt sich die Beharrlichkeit als Tochter der Tapferkeit. Beharrlich dranbleiben heißt, tapfer durchhalten. Wenn Aristoteles bemerkt, dass jede echte Tugend zwischen zwei Extremen liegt, dann sind das im Blick auf die Beharrlichkeit die Weichlichkeit oder Nachgiebigkeit auf der einen Seite und die Hartnäckigkeit oder Verbohrtheit auf der anderen Seite.

Die Mitte zu halten zwischen diesen beiden Straßengräben, wünsche ich jedenfalls dem Oberpflegamt. Weder verbohrt noch nachgiebig, sondern eben beharrlich im Sinne der Tapferkeit gilt es Kurs zu halten. So wird es gelingen, jeweils flexibel auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren, ohne sich in eine fixe Idee zu verrennen oder vorzeitig klein beizugeben. Der Wahlspruch Echters sei Ihnen auch Leitwort für die kommenden Jahre. Ihnen allen eine glückliche Hand, die Liebe zu Armen, die den Stifter beseelte, und die Kraft der Entschiedenheit, die ihn auszeichnete.

Mein Dank gilt heute aber nicht nur der Leitung, sondern allen „Spitälern“, die in den vielfältigen Sparten des Juliusspitals ihren Dienst tun mit Stolz und Freude, angefangen vom Krankenhaus über die Altenhilfeeinrichtung, die Palliativakademie, das Hospiz sowie die Pflegeschule bis hin zum Forst-, Landwirtschafts- und Weinbaubetrieb. Die Juliusspitalstuben natürlich nicht zu vergessen!

Danken möchte ich heute aber auch unserem Innenminister, unter dessen Schutz und Fürsorge das Juliusspital steht. Bleiben Sie uns gewogen, Herr Innenminister. Wir werden es Ihnen unsererseits danken mit dem Einsatz und dem Streben nach Exzellenz, das Julius Echter bei all seinen Unternehmungen beflügelte.

Wie heißt es so schön auf der Inschrift des Spitals in den berühmten Knittelversen jener Zeit:

„Das Julier Spital genánnt

Zu Nutz gebaut im Fránkenland

Nimt auf die arme Búrgerschaft

Kinder, Kranke und wás schadhaft

Áuch sonst dürftig fremde Gäst

Wer hernach kommt, thue áuch das Best“

„Wer hernach kommt, thue áuch das Best“ – das wollen wir uns gesagt sein lassen als Erbe und Auftrag zugleich. In diesem Sinne rufe ich Ihnen allen heute zu: Ad multos annos! Auf noch viele gute Jahre unter Gottes reichem Segen!