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„Der Herr gibt reichlich“

Dokumentation
Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Chrisammesse am Montag, 30. März 2026, im Würzburger Kiliansdom

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Amt,

liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Die Zerstörung der Heiligen Ampulle mit dem göttlichen Salböl 1793

Man schrieb den 7. Oktober 1793. Es war auf dem Platz vor der Kathedrale von Reims, dem traditionellen Krönungsort der französischen Könige. Da zerbrach der Bürger Philippe Rühl als Vertreter des Elsass im französischen Nationalkonvent in einer öffentlichen Zeremonie die berühmte „Heilige Ampulle“.

Was aber war die „Heilige Ampulle“? Seit der Taufe und Krönung Chlodwigs zum ersten König der Franken wurde in der „Heiligen Ampulle“, der „sainte ampoule“, das Heilige Salböl aufbewahrt, das angeblich niemals versiegte und den Fortbestand des französischen Königtums auf ewig garantierte.

Das symbolische Ende der verhassten Königsherrschaft

Mit der Zerstörung der „Heiligen Ampulle“, des heiligen Ölgefäßes, sollte dem Königtum von Gottes Gnaden die Legitimationsgrundlage entzogen werden. Frenetischer Jubel begleitete diese Zeremonie, die das symbolische Ende der verhassten Königsherrschaft einläutete. Die Ampulle war zerbrochen. Das Öl verschüttet. Das Ende der Königssalbung war damit besiegelt.

Die Fehlentwicklung der Königsherrschaft zum Absolutismus

Fragt man sich, wie es so weit kommen konnte, so ist die Antwort nicht schwer: Es war die Fehlentwicklung des Königtums von Gottes Gnaden zur absolutistischen Herrschaft. Sakrales Amt wurde sakralisiertes Amt. Man fühlte sich unantastbar und unhinterfragbar. Die Herrschenden sahen sich niemanden mehr zur Rechenschaft verpflichtet und schalteten und walteten wie sie wollten. Durch den Missbrauch absoluter Macht hatte das Königtum den einstigen Nimbus eingebüßt, die Macht missbraucht und den Anspruch auf Herrschaft verwirkt.

Das Resultat sprach für sich: Das Land war durch endlose Kriege ausgeblutet, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Hungersnöte und grassierendes Elend waren die Folge. Vom mythischen „Königsheil“ keine Spur mehr.

Wenn schließlich ein einfacher Bürger die „Heilige Ampulle“ zerbrach, vollzog er mit dieser scheinbar sakrilegischen Handlung folgerichtig nur, was längst Wirklichkeit geworden war: Das Königtum hatte seine Würde verspielt, seinen Glanz verloren, das heilige Öl entehrt.

Hierarchie meint nicht Absolutismus, sondern Rückbindung an Gott

Aber wahre Hierarchie ist niemals Absolutismus. Wahre Hierarchie ist niemals losgelöst und menschlicher Willkür überlassen. Das Gegenteil ist der Fall: „Hier-Archie“ heißt „Heilige Herrschaft“, und diese liegt beim dreifaltigen Gott. Er sendet seinen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes in diese Welt: Nur so wird Jesus zum „Christus“, zum Messias, zum Gesalbten durch die Gnade Gottes, und er bleibt es ein Leben lang.

Der Evangelist Lukas zeigt uns immer neu den betenden Jesus, der vor jeder wichtigen Entscheidung seines Lebens betet und der damit immer neu in allem, was er tut, die Rückbindung zu Gott sucht. Er handelt nicht absolut, sondern lebt aus seiner Beziehung zum himmlischen Vater.

Deshalb sagt Jesus im Johannesevangelium so eindrücklich: „Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut, und noch größere Werke wird er ihm zeigen, sodass ihr staunen werdet“ (Joh 5,19-20).

Weiheversprechen, sich täglich Christus enger zu verbinden

Diese Rückbindung Christi an den Vater zeigt sich auch in unseren Weiheversprechen, die zu erneuern wir heute zusammengekommen sind.

Wir versprechen, uns täglich Christus, dem Herrn, enger zu verbinden, um so die eigene Sendung besser zu verstehen. Denn wir müssen bei all unserem Tun auf ihn schauen und uns an ihm orientieren.

Weiheversprechen, das Gebet für die Kirche darzubringen

Diese Rückbindung zeigt sich auch im Weiheversprechen, zu Männern des Gebets zu werden. Das Gebet zu Gott und das fürbittende Gebet für die Kirche und die Welt ist eine dreifache Rückbindung des Dienstes, der eben nie absolut gedacht ist, sondern immer nur in Verbindung mit Gott und mit einer konkreten Ortskirche und ihren Menschen, zu denen wir uns im Namen Gottes gesandt wissen.

Weiheversprechen, den Armen und Notleidenden beizustehen

Diese Rückbindung zeigt sich auch im Weiheversprechen, den Armen, Kranken, Heimatlosen und Notleidenden beizustehen. Denn unser Dienst muss Maß nehmen an Christus, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.

Weiheversprechen, den Gehorsam zu erneuern

Diese Rückbindung zeigt sich auch im Gehorsamsversprechen, das dem Bischof geleistet wird. Es soll dazu helfen, in der eigenen Sendung immer tiefer und reifer Christus nachzufolgen und nicht selbstherrlich zu handeln. Im Gehorsam geht es darum, frei zu werden und sich dorthin senden zu lassen, wo die Kirche unseren Dienst am dringendsten braucht und wo er gute Früchte erhoffen lässt.

Weiheversprechen, die Mysterien in gläubiger Ehrfurcht zu feiern

Diese Rückbindung zeigt sich im Versprechen, die Sakramente nicht absolut, also kraft eigener Vollmacht, zu feiern, nicht uns in den Vordergrund zu drängen, sondern immer nur „In Persona Christi“, um den Herrn selbst zu Wort kommen zu lassen und ihn wirksam werden zu lassen.

Wir feiern sie immer nur in der Kraft seines Heiligen Geistes, der unser menschliches Wirken salben muss, damit es uns mit Gott verbindet und zum wahrhaftigen Gottesdienst wird, der die Kraft zur Verwandlung in sich trägt.

Weiheversprechen, den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen

Diese Rückbindung zeigt sich im Versprechen, das Wort Gottes zum Maßstab unseres Dienens zu machen. In der „Lectio Divina“, der geistlichen Schriftlesung, eröffne ich dem Herrn den Raum, um zu mir zu sprechen, damit sein Wort mir zu Herzen gehen kann und mich von innen her verwandelt.

Der Heilige Geist muss immer neu erbeten werden

Die Kirche hat keine „Heilige Ampulle“, die Menschen aufbewahren könnten und die ein sicherer und fester Besitz wäre – mit Bedacht! Nein, das heilige Öl bleibt ein unverfügbarer Schatz. Es muss uns immer neu geschenkt werden in der Ölweihe, in der wir um den Segen Gottes bitten für das Öl, das wir ihm heute darbringen.

Sicher, das heilige Öl geht dem Herrn nie aus. Aber wehe dem, der meint, es wäre sein fester Besitz und er müsste sich nicht immer neu dieses Öls als würdig erweisen.

Gott selbst hat in der Salbung für unseren Dienst sein gutes Werk in uns begonnen. Er vollende dieses gute Werk auch in uns, auf dass wir zum Wohlgeruch Christi werden kraft dieses wohlriechenden Öls. Ja, der Herr selbst gebe uns immer neu dieses Öl der Freude und begleite unser Wirken mit seinem reichen Segen. Das wünsche ich mir und Ihnen allen für unseren Dienst als Gesalbte und Geweihte.

Der Dank für den Dienst

Als Bischof danke ich Ihnen im eigenen Namen, aber auch im Namen unseres Weihbischofs und unseres Generalvikars von Herzen für Ihr Zeugnis und Ihren Dienst in unserem Bistum. Schön, dass wir heute so zahlreich zusammengekommen sind, um uns auf unseren heiligen Ursprung zu besinnen und den Segen für das heilige Öl herabzurufen. Diese Gemeinschaft stärkt uns und trägt uns, auch und gerade in diesen Tagen, in denen wir bisweilen den Eindruck haben, uns sei das Öl ausgegangen. Nein, der Herr gibt reichlich. An uns ist es, all unser Denken, Reden und Tun von ihm salben und heiligen zu lassen. Danke für alles Mittun, Mitringen und Mitdienen.

Erneuern wir nun unsere Gelübde „offen vor dem ganzen Volk“ (Ps 116,18).