Liebe Karmelitinnen aus Kloster Himmelspforten und aus Kloster Welden,
liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, lieber Pater Ulrich,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Der Friedensgruß des Auferstandenen
„Friede sei mit euch!“ So lautet das erste Wort, das der auferstandene Herr an seine verängstigten Jünger richtet. Wie schön und wie tröstlich! Denn in der Tat, die Jünger waren im Unfrieden. Nach dem Kreuzestod ihres Herrn fragten sie ratlos nach dem Sinn der vergangenen Jahre. Zudem fürchteten sie sich vor den peinlichen Nachfragen und Nachstellungen der Menschen. In ihrer Hilflosigkeit hatten sie gemacht, was man immer macht, wenn man sich unsicher ist. Man verbarrikadiert sich und zieht sich zurück aus der Öffentlichkeit, um bloß niemandem zu begegnen und niemanden Rechenschaft ablegen zu müssen über die eigene Situation. Angst macht das Herz eng. Aber der Friedensgruß Christi macht das Herz wieder weit.
Der Friede sei mit euch! Das sei heute auch mein Gruß, liebe Schwestern beider Konvente von Himmelspforten und Welden, hier vereint in Kloster Himmelspforten. Bewegte Jahre, Monate und Wochen liegen hinter ihnen. Zeiten der Ratlosigkeit, des Nachdenkens, des Entscheidens und des Abschiednehmens. Und jetzt auch des Neuankommens. Möge der Friede des auferstandenen Herrn in Ihre Herzen einziehen und möge sein Friede Sie auf ihren nächsten Schritten begleiten.
Jesus kommt bei verschlossenen Türen
Vergessen wir nicht: Jesus kommt zu den Jüngern durch verschlossene Türen. Seit er durch seine Auferstehung das Tor zur Hölle zertrümmert hat, wie es die Osterikone der Ostkirche so sinnenfällig darstellt, gibt es keine Tür mehr, die ihn aufhalten könnte. Nein, der Herr tritt auch durch unsere verschlossenen Türen ein zu uns.
Teresa von Jesus beschreibt in der siebten Wohnung ihrer Seelenburg eindrücklich, wie Christus immer neu in die Seele eintritt, so wie am Ostertag. Er kommt gleichsam durch verschlossene Türen, um uns seinen Frieden zuzusprechen und uns mit sich zu vereinen (M 7.2). In der Einheit mit dem auferstandenen Christus zeigt sich dann, dass überall da, wo im Leben Türen zugehen, sich andere Türen öffnen, ja dass der Herr gewissermaßen verschlossene Türen mühelos durchschreitet.
Das haben Sie erfahren bei Ihrem Abschied aus Welden. Nachdem sich dort die Türen geschlossen hatten, wurden Ihnen hier Türen neu aufgetan. Eine österliche Erfahrung, denn der Herr geht uns immer neu durch verschlossene Türen voraus, um uns Wege ins Leben zu ebnen. Eine wichtige Erfahrung jetzt auch für die kommenden Wochen und Monate. Es gibt keine Tür, die für Christus verschlossen bliebe. Mit ihm gilt es, immer neu das scheinbar Unmögliche zu wagen.
Versöhnung mit der eigenen Verletzungsgeschichte in den Wunden des Herrn
„Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“, heißt es im Evangelium. Der Friede, den der Herr zuspricht, gewinnt seine Kraft aus der Betrachtung der Wundmale des Herrn. Denn erst die Wundmale des Herrn machen deutlich, dass er den Tod wirklich durchlitten hat. Auferstehung gibt es eben nicht am Leiden vorbei oder indem man das Leiden ausblendet. Auferstehung ist nur dann tröstlich, wenn deutlich wird, dass die Wunden ihre todbringende Kraft verloren haben. Das hat Thomas sehr genau verstanden. Und nur deshalb besteht Thomas so hartnäckig darauf, diese Wunden des Herrn wirklich ertasten zu dürfen. Er will sich in den Wunden des Herrn bergen können mit all seinen eigenen Verwundungen und all seinem eigenen Schmerz.
Eine wichtige Osterbotschaft auch für Ihren Neuanfang hier in Würzburg, liebe Schwestern aus Welden. Ein Abschied nach fast hundert Jahren tut weh. Auch wenn die Gründe für den Abschied rational nachvollziehbar sind, bleiben doch viele Fragen und manche Wunden, die schmerzen. War es anders nicht möglich? Wieso ist es soweit gekommen? Hätte man die Weichen früher und anders stellen müssen? Müßige Fragen, wir wissen es. Aber doch mitunter auch quälende Fragen. Zum Gelingen eines Neuanfang ist es sicher hilfreich, wenn man sich mit seinen Wunden und seinen Verletzungsgeschichten in den verklärten Wundmalen des Herrn bergen kann wie Thomas. Und das wünsche ich Ihnen von Herzen.
Die verklärten Wundmale des Herrn als die eigentlichen Himmelspforten
Für Teresa von Jesus war klar, dass der Glaube nie abgehoben und weltlos ist. Wahrer Glaube, das war ihre feste Überzeugung, muss immer Maß nehmen an der Menschheit Jesu. Und allen, die Bedenken haben, sich das Leiden des Herrn im Gebet zu vergegenwärtigen, empfiehlt Teresa: „Wenn also unsere Natur oder Kränklichkeit es nicht immer verträgt, an die Passion zu denken, weil das schmerzlich ist, wer verbietet uns denn, bei ihm als Auferstandenen zu sein, wo wir ihn im Sakrament doch so nahe haben. (…) Hier (…) ist er ohne Not, voll Herrlichkeit, unser Gefährte im Allerheiligsten Sakrament, in dessen Macht es anscheinend nicht lag, sich auch nur einen Augenblick von uns zu entfernen, die einen stärkend, die anderen ermutigend, bevor er in den Himmel auffuhr.“ (V 22.6)
Als Freund und Führer habe er ihr noch in allen Nöten beigestanden, bekennt Teresa voll Dankbarkeit. Im Blick auf die verklärten Wundmale des Herrn gilt daher: „Ich habe deutlich gesehen, dass wir durch diese Tür eintreten müssen, wenn wir wollen, dass uns seine erhabene Majestät große Geheimnisse zeigt“ (V 22.6). In der Tat, die verklärten Wundmale des Herrn sind die eigentlichen Himmelspforten. Es sind die Tore, durch die wir mit Christus ins ewige Leben eingehen. Es sind die Tore, die niemals mehr geschlossen werden und uns immer offenstehen, gerade auch hier im Kloster mit dem wunderbaren Namen „Himmelspforten“. Das gilt es immer neu zu bedenken.
Nicht sehen und doch voller Glauben das neue Experiment wagen
„Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das ist die Lehre aus der Begegnung des Auferstandenen mit dem ungläubigen Thomas. Nur weil er so unnachgiebig nachgefragt hatte, können wir aufgrund seiner Erfahrung glauben. Nicht sehen und doch glauben. Das gilt jetzt auch für das neuartige Experiment, das Sie hier beginnen. Zwei Konvente nebeneinander auf einem Klosterareal: das Kloster im Kloster. Dabei war es schon immer das Privileg der Ordenschristinnen und -christen, Pioniere zu sein und Neuland unter den Pflug zu nehmen. Teresa von Jesus, die Madre Fundadora, wusste ein Lied davon zu singen. Immer wieder hat sie Neues begonnen, ohne noch zu wissen, woher die Geldmittel, die Vollmachten oder die Unterstützer kommen könnten. „Beginnen ist alles!“ (F 13.4) war ihre Devise. In der Kunst der Improvisation war sie unschlagbar.
Dabei war ihr klar, dass die höchste Vollkommenheit nicht in Visionen und Verzückungen besteht, sondern darin, sich dem Willen Gottes gleichförmig zu machen, so dass „wir nichts erkennen, was er will, ohne es auch von ganzem Herzen zu wollen, und das Köstliche genauso freudig anzunehmen wie das Bittere, sofern wir nur erkennen, dass Seine Majestät es will.“ (F 5.10). Denn im Blick auf seinen Willen wird auch das Bittere süß. Das wünsche ich Ihnen jedenfalls von Herzen bei der Bewältigung aller Schwierigkeiten, die sich in der Zeit des Sich-Eingewöhnens und des inneren Ankommens und des Sich-Neu-Findens hier in Würzburg einstellen.
Im Rückblick auf ihre Gründungserfolge betete Teresa verwundert: „O mein Gott, was habe ich bei diesen Dingen nicht alles an Geschäften erlebt, die unmöglich erschienen, und wie leicht fiel es Seiner Majestät, sie zu richten, und was für eine Beschämung ist es für mich, dass ich im Blick auf das, was ich erlebt habe, nicht besser bin als ich bin! (…) Alles hat der Herr aus so unzulänglichen Ansätzen gefügt, dass nur Seine Majestät es zu der Höhe erheben konnte, auf der es sich jetzt befindet. Es sei für immer gepriesen.“ (F 13.7) Möge Teresa geben, dass Sie sich einmal ihrem Lob auf die göttliche Vorsehung werden anschließen können, wenn das große Werk gelingt, das Sie im Blick auf Ihn nun unternommen haben.
Der Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit
Der weiße Sonntag wird begangen auch als Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Was könnte passender sein zum heutigen Anlass? Ich danke den Karmelitinnen von Himmelspforten für ihre Barmherzigkeit, ihre Großherzigkeit und nicht zuletzt ihren Mut, den Mitschwestern aus Welden eine neue Zukunft zu eröffnen auf dem angestammten Klostergelände. In Barmherzigkeit gilt es jetzt, als zwei Konvente miteinander und aneinander zu wachsen. Und vielleicht auch einmal zusammenzuwachsen.
Ich danke aber auch den Karmelitinnen von Welden, die zusammen mit allen Kontemplativen um die Barmherzigkeit Gottes flehen. Die Barmherzigkeit ist zu erbitten für die Priester und ihren Dienst, die Teresa von Jesus so sehr am Herzen lagen. Aber die Barmherzigkeit Gottes ist auch zu erbitten inmitten einer Welt, die „in Flammen steht“ wie Teresa einst sagte. (CE 1.5) Ja, es brennt allenthalben lichterloh, so ist unser Eindruck. Da tut das Gebet not und es tut gut zu wissen, dass die Schar der Beter in Himmelspforten sich vergrößert hat. Denn die Betenden sind es, die den Himmel offenhalten, welchen die Bosheit der Menschen scheinbar verdunkelt und verschließt. Danke für diesen wichtigen Dienst in unseren Tagen.
Die beiden Theklas als Schutzpatroninnen der Neugründung in Würzburg
Ein letzter Gedanke. Liebe Karmelitinnen, Sie sind vom Theklaberg in Welden zu uns in die Zellerau gekommen. Der Theklaberg war der Heiligen Thekla von Ikonium geweiht. Der Überlieferung nach war sie die Schülerin des Apostels Paulus. Die alte Kirche hat sie hoch verehrt als Glaubenszeugin, gottgeweihte Jungfrau und Protomärtyrerin, also die erste Frau, die das Martyrium erlitten hat.
Hier in Würzburg verehren wir auch eine Heilige Thekla. Es ist die Thekla von Kitzingen. Sie kam mit dem Heiligen Bonifatius nach Franken. Als Benediktinerin diente sie erst unter der Äbtissin Lioba in Tauberbischofsheim bis sie dann als Äbtissin des Frauenklosters Kitzingen eingesetzt wurde. Dort wirkte sie segensreich und half aufgrund ihrer Erfahrung mit, das Kloster im Sinne des Heiligen Benedikt zu reformieren und weitere Gründungen voranzutreiben wie die Gründung des Klosters in Ochsenfurt. Eine ausgewiesene Fachfrau und Patronin also für Klostergründungen aller Art und Umzüge von Konventen. Das Seniorenstift der Caritas in Würzburg trägt ihr zu Ehren den Namen „Theklaheim“.
Mögen sich also die beiden heiligen Theklas als Schwestern im Geiste in ihrer Fürbitte vereinen. Mögen sie ihre schützenden Hände über Ihren Neuanfang hier breiten und Ihr gemeinsames Wirken an vereinter Stätte segnen. Als Bischof heiße ich Sie heute mit all unseren Gläubigen im Bistum Würzburg sehr herzlich willkommen!
Der auferstandene Herr begleite Ihren gemeinsamen Neuanfang und stärke Sie in der österlichen Hoffnung auf einen guten Beginn. Amen. Halleluja!
