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„Danke für den gemeinsamen Weg“

Dokumentation
Predigt von Bischof Dr. Franz Jung in der Gemeinde Sankt Norbert, Höchberg, anlässlich des Gottesdienstes am 3. November 2026 zum Abschluss des lokalen Aufarbeitungsprozesses

Liebe Mitglieder des Prozessteams,

liebe Gemeinde in Höchberg,

liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

als Evangelium für den heutigen Gottesdienst haben Sie sich die Erzählung von der Begegnung des Auferstandenen mit den Emmaus-Jüngern gewünscht. Ihnen war es wichtig, den Blick nach vorne zu richten. Mit einer österlichen Perspektive wollten Sie auf das schauen, was in Höchberg vorgefallen ist. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Allerdings gibt es kein Ostern ohne Leiden und Tod. Dem gilt es heute zusammen mit den Emmaus-Jüngern nachzugehen.

Ein erster Punkt, der mich bei der Betrachtung des Evangeliums in diesem besonderen Kontext in Höchberg berührt, ist die Tatsache, dass sich die beiden Emmaus-Jünger entfernen von der übrigen Jüngerschar. Ich sehe das als Hinweis darauf, dass Erfahrung sexualisierter Gewalt immer Spaltungen nach sich zieht. Missbrauch spaltet. Er spaltet zwischen Verantwortungsträgern und Gemeinden, zwischen Betroffenen und denen, die ihre Situation nicht verstehen, zwischen Sympathisanten und Kritikern der Beschuldigten und Täter.

Diese Spaltungen gilt es wahrzunehmen und zu durchleiden, ohne vorschnell nach Harmonie und Verständigung zu suchen. Denn diese Spaltung ist ein fühlbarer Ausdruck des Unrechts und des Bösen, das sich in unserer Mitte ereignet hat. Das kann man nicht einfach wegwischen. Die Wege zueinander sind deshalb immer beschwerlich. Ich bin dankbar dafür, dass Sie sich dafür entschieden haben, gemeinsam mit uns einen solchen Weg zu gehen. Danke!

Ein zweiter Punkt, der mich berührt, ist die Nachfrage Jesu, was denn überhaupt geschehen sei. Eine gute Frage. Eine Frage, die uns – in Höchberg wie im Bischöflichen Ordinariat – lange umgetrieben hat. Was ist eigentlich geschehen?

Diese Frage war allein mit der Suche nach Fakten nicht zu beantworten.

Was ist uns also geschehen? Wir wurden eingeholt von einer Vergangenheit, die wir gemeinsam anschauen mussten. Wir wurden eingeholt von unguten Erinnerungen. Wir wurden eingeholt vom Versagen der Verantwortungsträger. Wir wurden eingeholt von der Tatsache, dass der Blick für die Betroffenen schlicht fehlte. Wir wurden eingeholt vom eigenen Unvermögen, auch die Schattenseiten einer Persönlichkeit zu sehen. Wir wurden eingeholt von der Sprachlosigkeit, die zu überwinden viel Kraft gekostet hat. Wir wurden eingeholt von den vielen Emotionen, die über uns kamen und die zu ordnen vieler Anstrengungen bedurfte.

Die erste Phase des Prozesses diente dazu, der Frage nachzugehen, was uns denn widerfahren sei. Es war gut, sich für die Klärung dieser Frage ausreichend Zeit zu nehmen und zu versuchen, klarer zu sehen. Bei allen verständlichen Spannungen war diese Phase wichtig, um einander zu finden und einander verstehen zu lernen mit der je eigenen Perspektive.

Ein dritter Punkt ist für mich die Frage Jesu „musste nicht“? Musste nicht? Musste nicht das alles passieren? Ja, wenn man so will, musste das passieren, weil die Kirche sich ihrer Sache zu selbstgewiss war und weil sie sich über jede Kritik erhaben gefühlt hat. Die falsche Selbstsicherheit, die einherging mit dem fehlenden Blick für das Leid der Betroffenen und die Verpflichtung ihnen gegenüber, sie mussten dazu führen, dass es so weit gekommen ist. Es war keine Heilsnotwendigkeit, sondern schweres menschliches Versagen. Aber wie so oft hat erst dieses Versagen uns die Augen für die Abgründe geöffnet, die sich vor uns auftaten. Und so mussten wir in diese Abgründe schauen. Das tat weh. Da gibt es nichts zu beschönigen und auch nichts klarzustellen. Das gilt es nur anzuschauen und auszuhalten.

Ein viertes bewegt mich. Es ist die ergreifende Bitte der Emmaus-Jünger: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Diese Bitte stand im Letzten auch über unserem gemeinsamen Weg von Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinde in Höchberg und dem Bistum. Herr, bleibe bei uns! Denn in der Nacht der Ratlosigkeit sehen wir sonst nicht weiter. In der Nacht des berechtigten Zorns verrennen wir uns im Dunkel unserer Emotionen. In der Nacht der Trauer und der Ohnmacht bleiben wir zurück und kommen nicht weiter. Herr bleibe bei uns!

Wir sind beieinandergeblieben und wir wollen auch beim Herrn bleiben. Denn nur in seinem Namen können wir beieinanderbleiben. Und nur im Blick auf die Vergebung, die er erwirkt hat, können wir versuchen, einander zu vergeben. Und nur im Blick auf die Einheit, die er uns anbietet, können wir uns aufmachen, neu Gemeinschaft zu bilden. Ja, Herr, bleibe bei uns!

Ein fünftes berührt mich beim Betrachten des Emmaus-Evangeliums. Das Brechen des Brotes war für die Jünger der Moment, in dem sie den Herrn erkannten. Der Herr brach das Brot und mit dem Brot sein Leben, um den Tod zu überwinden. Nur das Gebrochene lässt sich verteilen. Nur durch das Brechen wird es für andere zum Segen. Das ist eine wichtige Erfahrung bei unserem gemeinsamen Bemühen, miteinander einen Weg der Aufarbeitung zu gehen.

Denn gebrochen wurden scheinbare Gewissheiten. Gebrochen wurden Bilder, die wir voneinander und von der Institution Kirche hatten. Gebrochen wurden Vertrauen und Zutrauen. Gebrochen wurden Heilsversprechen, die wir mit Kirche immer als sicher geglaubt hatten. Das Gebrochen-Werden macht demütig und tut weh. Man könnte angesichts dessen, was vorgefallen ist, bei den Scherben stehen bleiben.

Oder aber man versucht ganz vorsichtig, etwas Neues aufzubauen, sicher etwas sehr Fragiles, aber vielleicht auch etwas Zukunftsverheißendes. Es wird nie mehr so wie es war. Aber vielleicht wird es anders. Sicherlich nüchterner als zuvor. Vielleicht aber auch tiefer und ernster als bisher.

Und vielleicht trägt auch die österliche Zuversicht, aus dem Dunkel ins Licht gehen zu können, selbst wenn die Augen schmerzen.

Aus der Trauer in die Freude, auch wenn sie verhalten ist.

Aus der Ohnmacht in den Mut, Neues zu gestalten, auch wenn es mühsam bleibt.

„Brannte uns nicht das Herz?“, so fragten einander die Jünger. Ja, das Herz brannte die ganze Zeit über. Das Herz brannte für die Betroffenen, denen Unrecht widerfahren ist. Das Herz brannte für die Gemeinde in Höchberg und die Sorge, die Gemeinde könnte darüber auseinanderbrechen. Das Herz brannte für die Kirche, die sich durch die Krise hindurch wie durch ein reinigendes Feuer erneuern muss, aber auch erneuern kann. Dazu braucht sie selbst dieses brennende Herz, sie und ihre Verantwortungsträger. Heute ist für mich daher auch ein Anlass, allen zu danken, die sich mit brennendem Herzen im Prozessteam engagiert haben!

Das Feuer dazu entzündet allein der Herr in uns. Dieses Feuer zu hüten und es nicht ausgehen zu lassen, muss unsere vordringlichste Sorge sein.

Brannte uns nicht das Herz? Doch, es brannte und brennt. Möge die Liebesflamme Christi uns als Licht den Weg in eine gemeinsame, in eine gute Zukunft leuchten. Das wünsche ich Ihnen und das wünsche ich auch uns.

Danke für dieses gemeinsame Jahr und den gemeinsamen Weg.

Amen.

(Es gilt das gesprochene Wort!)

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