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Dokumentation

Die Freiheit der Kinder Gottes wiedergewinnen

Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2023 von Bischof Dr. Franz Jung

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Die vierzig Tage der österlichen Bußzeit

Die österliche Bußzeit dient dazu, auf geistliche Weise die Versuchungen Jesu in der Wüste nachzuvollziehen. Mit Jesus sind wir eingeladen, vierzig Tage zu fasten. Mit ihm sind wir aufgefordert, uns unserer Würde als Kinder Gottes neu bewusst zu werden. Nach Ablauf der heiligen vierzig Tage werden wir in der Osternacht feierlich aufgerufen, unser Taufversprechen zu erneuern. Wie Jesus dreimal dem Teufel eine Absage erteilt hat, so werden auch wir dreimal gefragt, ob wir dem Teufel widersagen: „Widersagt ihr dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ Und wir antworten mit einem beherzten: „Ich widersage.“

Die Freiheit der Kinder Gottes wiedergewinnen

Die österliche Bußzeit dient der Wiederentdeckung der Freiheit der Kinder Gottes. Die Freiheit der Kinder Gottes ist einerseits die Freiheit von falschen Rücksichten und Erwartungen. Sie ist andererseits die Freiheit dazu, Gott an die erste Stelle im Leben zu setzen.

Was das bedeutet, möchte ich mit Ihnen in meinem diesjährigen Fastenhirtenbrief bedenken. Ich will der Frage nachgehen, warum die Freiheit der Kinder Gottes notwendig ist, um gute Entscheidungen zu treffen. Von Jesus können wir lernen, was es heißt, sich diese Freiheit zu bewahren. Denn Jesus widersteht drei typischen Versuchungen, die mit Entscheidungssituationen einhergehen und unsere gottgeschenkte Freiheit gefährden.

Jesus lässt sich durch kurzfristige Bedürfnisse nicht blenden

Eine erste Versuchung besteht darin, Bedürfnisse kurzfristig zu befriedigen, darüber aber langfristig die eigene Mission zu verraten. Wir alle kennen Drucksituationen im Leben. Und wir kennen die Neigung, dem momentanen Druck nachzugeben, um ein Problem schnell vom Tisch zu bekommen. Du hast Hunger? Dann mach dir was zu essen! Dann verwandle einfach Steine in Brot. Das kannst du doch als Sohn Gottes. Was soll daran schlecht sein?

Doch Jesus lässt sich vom Teufel nicht blenden. Natürlich muss der Hunger des Menschen gestillt werden. Jesus selbst wird später immer wieder den Hunger vieler Menschen stillen. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass der wirkliche Hunger mit irdischen Gaben nicht gestillt werden kann.

Jesus misstraut den schnellen Lösungen. Er hält dem Druck stand. Er bewahrt sich die innere Freiheit, sich von den Bedürfnissen des Augenblicks nicht völlig in Beschlag nehmen zu lassen. Er fragt nach dem, was über den Moment hinaus Bestand hat. Er hält den Platz Gottes im eigenen Leben frei. Jesus sucht nach dem, was dem Seelenheil hilft und nicht dem Magen.

Was bedeutet das für uns? Gerade angesichts wichtiger Entscheidungen heißt das, sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden. Was brauche ich? Was bedrängt mich? Was wünsche ich mir? Nur wer sich darüber Rechenschaft ablegt, was ihn innerlich umtreibt, kann auch über diese Bedürfnisse nachdenken. Er kann auf Distanz gehen zu dem, was ihn gegenwärtig beschäftigt. Durch diese innere Distanz wird der Mensch kein Getriebener mehr, sondern er nimmt sich Zeit, um noch einmal grundsätzlich über das nachzudenken, was langfristig weiterhelfen könnte.

Neben der Klärung der eigenen Bedürfnisse stellt sich die Frage, wie ich mit Druck im eigenen Leben umgehe. Habe ich die Kraft, eine Zeit der Leere im Leben auszuhalten? Bewahre ich mir die innere Freiheit, jenseits meiner momentanen Erwartung auf das Ganze zu schauen?

Oft schon haben wir erlebt, wie vermeintlich schnelle Lösungen in Wahrheit nicht weitergeholfen haben. Der Druck war zwar weg, aber das Problem nicht wirklich erfasst, geschweige denn auf Dauer zufriedenstellend gelöst.

Jesus macht sich frei von menschlicher Anerkennung

Eine zweite Versuchung entspringt unserem Sicherheitsbedürfnis und unserer Sehnsucht nach Anerkennung. Der Teufel führt Jesus zum Tempel in Jerusalem. Er legt Jesus nahe, sich vom Tempel zu stürzen. Schließlich würden Gottes Engel ihn doch auffangen.

Doch Jesus erteilt dem Teufel auch diesmal eine Absage. Wieder verweist er auf Gott mit dem Hinweis, den Herrn nicht auf die Probe stellen zu wollen. Jesus braucht keine Selbstbestätigung. Seine Ehre bezieht er von Gott und nicht von den Menschen. Ungeschützt ist der Gottessohn in die Welt gekommen. Er setzt sich den Gefahren dieses Lebens aus bis hin zum Tod am Kreuz.

Er vertraut fest darauf, dass Gott ihn auffängt, allerdings nur dann, wenn er den Willen Gottes erfüllt, nicht jedoch, wenn er aus Übermut seinen Selbstwert testen möchte. Dieses Wissen verleiht ihm ein großes Maß an innerer Freiheit.

Wer in Entscheidungsprozessen steht kennt beides: Die Sehnsucht nach Absicherung, aber auch die Sehnsucht nach Anerkennung. Bedeutsame Entscheidungsprozesse sind meistens öffentlich und ziehen das Interesse vieler auf sich. Gerade dann fragt sich, ob diejenigen wirklich frei sind, die entscheiden sollen.

In solchen Situationen regen sich viele Emotionen. Das Gefühl, zur Entscheidung gezwungen zu sein, erzeugt oft Unmut und Ärger. Wieso soll ich jetzt entscheiden? Mit dem Abwägen unterschiedlicher Alternativen geht häufig auch ein Empfinden von Überforderung einher. Eigentlich will ich jetzt gar nicht entscheiden, schon gar nicht, wenn ich spüre, dass meine Entscheidung anderen wahrscheinlich wehtun wird und nicht auf ungeteilte Akzeptanz stößt.

Spätestens dann stellt sich die Frage nach der öffentlichen Anerkennung. Verliere ich mein Gesicht, wenn ich jetzt mitentscheide? Kann ich mich absichern, wenn es nachher Ärger gibt? Angst macht sich breit, wenn ich merke, dass eine Entscheidung immer auch Mithaftung bedeutet.

Starke Emotionen sind keine guten Ratgeber. Jesus kennt die Versuchung, sich unangreifbar zu machen. Er kennt auch die Versuchung, eher nach der Anerkennung durch andere zu schielen, als sich an Gottes Willen auszurichten. Von Jesus lernen wir, uns innerlich frei zu machen von Erwartungen, die die Wahrheit ausblenden und die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Wie Jesus dürfen wir darauf vertrauen, dass der Herr uns trägt, wenn wir wahrhaftig und aufrichtig handeln. Denn verkehrte Rücksichten und falsche Ängste helfen am Ende niemanden weiter.

Jesus erliegt nicht der Versuchung der Macht

Die dritte Versuchung zielt auf das menschliche Streben nach Macht. Der Teufel stellt Jesus die Weltherrschaft in Aussicht. Einzige Bedingung: Jesus muss vor dem Teufel in die Knie gehen und ihn anbeten. Doch Jesus erliegt auch dieser Versuchung nicht. Der Sohn Gottes lebt aus dem Gehorsam gegenüber seinem Vater im Himmel. Nur vor Gott darf der Mensch seine Knie beugen. Jede Selbsterhöhung jedoch stammt vom Teufel und führt ins Verderben.

Wer kennt die Versuchung der Macht nicht, gerade in Entscheidungsprozessen? Die Versuchung, mit Gewalt der eigenen Meinung zum Sieg zu verhelfen? Bei der Wahl der Mittel sind wir meist wenig zimperlich. Das beginnt damit, die Argumente der anderen zu unterschlagen. Eine gewaltsame Sprache dient dazu, alle Beteiligten einzuschüchtern. Wenn man auf der Sachebene nicht weiterkommt, zielt man auf die Persönlichkeit des anderen. Man macht das Gegenüber lächerlich, um durch die Herabwürdigung der Person auch deren Position zu entwerten. Wirkliche oder emotionale Erpressung sind an der Tagesordnung. Wenn alles nicht weiterhilft, wird die Öffentlichkeit manipuliert, um einseitig Mehrheiten zu organisieren und sich mit Hilfe des öffentlichen Drucks durchzusetzen.

Erfahrungsgemäß gibt es in Entscheidungsprozessen auch immer Menschen, die es verstehen, einen Konflikt auf der Sachebene zu einer Machtfrage zu stilisieren. Wenn das gelingt, haben in der Regel alle verloren. Denn bei einer Machtprobe gibt es am Ende nur Gewinner oder Verlierer. Eine sinnvolle Lösung wird sich dadurch nicht erzielen lassen. Die Verletzungen, die mit Machtproben einhergehen, führen oftmals zu tiefgreifenden Störungen des Friedens, die nur schwer heilen.

Jesus widersteht der Versuchung, sich mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Er weiß um die zerstörerische Macht der Gewalt. Um der Versuchung der Macht zu wehren, benötigt jeder Entscheidungsprozess mindestens vier Elemente. Er braucht erstens klare Regeln und Verfahren. Zweitens muss offengelegt werden, worüber entschieden werden kann und worüber nicht. Drittens dient das Bemühen um Transparenz dazu, dass alle nachvollziehen können, wo man im Prozess der Entscheidungsfindung gerade steht. Viertens schließlich tut man gut daran, diejenigen miteinzubeziehen, über deren Angelegenheiten entschieden wird. Nur im Zusammenspiel dieser Faktoren werden sich Entscheidungen treffen lassen, die von möglichst vielen inhaltlich wie auch formal mitgetragen werden können.

Wie bei den vorangegangenen Versuchungen stellt sich auch hier die Frage nach der inneren Freiheit der Beteiligten. Bin ich wirklich frei? Kann ich auch mit einem anderen Ergebnis leben als ich es mir erhofft hätte? Trage ich Beschlüsse mit, auch wenn ich mich nicht durchsetzen konnte? Je freier die Beteiligten sind, umso geringer ist die Gefahr, zu unlauteren Mitteln zu greifen.

Die Herausforderungen in unserem Bistum

„Widersagt ihr dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ So werden wir in der Osternacht gefragt. Ich wünsche uns allen, dass wir nach den vierzig Tagen der österlichen Bußzeit diese Frage aus ganzem Herzen mit Ja beantworten können.

Denn auch die Kirche von Würzburg steht dieses Jahr in wichtigen Entscheidungsprozessen. Auf Bistumsebene fragen wir nach den langfristigen Zielen, die wir verfolgen wollen. In den Pastoralen Räumen haben die Teams und die Räte die Aufgabe, sich über ihre Arbeitsweise und über die Schwerpunkte der Seelsorge zu verständigen. Mit der Kategorisierung der Immobilien sind wir gefordert, darüber nachzudenken, welche Gebäude wir künftig brauchen und wie wir ihren Unterhalt sicherstellen können.

Ohne die erforderliche innere Freiheit werden wir in keiner dieser Fragen zu tragfähigen Ergebnissen kommen. Daher gilt mein aufrichtiger Dank allen, die sich mit Herz und Verstand engagieren in unseren Gemeinden und Gremien, im Bischöflichen Ordinariat und in der Caritas, in unseren Ordensgemeinschaften und Verbänden. Der Herr helfe uns, in geistlicher Klarheit und Wahrhaftigkeit die anstehenden Herausforderungen anzugehen und gemeinsam um gute Lösungen zu ringen.

Dazu erbitte ich Ihnen allen meinen bischöflichen Segen und wünsche uns frohe und geistliche Tage der Vorbereitung auf Ostern!

Ihr

+ Franz Jung

Bischof von Würzburg